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90 Tage Nahost-Krieg im Spiegel des Sudel-Buchs

Am 28. Februar 2026 begann der von der US-israelischen Allianz losgetretene Dritte Golfkrieg. Er dauert jetzt seit 90 Tagen an, und wir haben uns, so scheint’s, daran gewöhnt. Die Aussichten auf einen Frieden, der diesen Namen verdient, sind erbärmlich, denn die Gründe für die Fortsetzung überwiegen, weil die Beteiligten…

… keinen Frieden wollen (Israel),

… keinen Ausweg wissen (USA),

… sich rächen wollen (Persien),

… keinen entscheidenden Einfluss haben (Golfstaaten einschließlich Saudi Arabien),

… ein Ablenkungsmanöver für die eigene Misere benötigen (D, F, GB),

… ihr eigenes Machtspiel spielen (China, Pakistan).

So  jedenfalls sieht meine Beurteilung am 90. Tag des Krieges aus. Wie ich hierzu komme und wie oft ich mich in den letzten Wochen geirrt habe, kann der Leser, wenn er Lust und Zeit hat, meinen unveränderten Tag-für-Tag Sudelbuch-Aufzeichnungen entnehmen.

Teil 1 – 28. Februar bis 31. März 2028:

Teil 2 – 1. bis 30. April 2028

Teil 3 – 1. bis 29. Mai 2026

Fremde Federn zu den derzeitigen Kriegen

Im Folgenden werde ich drei Aufsätze zur Diskussion stellen, die ich den letzten Tagen erhalten habe. Hierbei handelt es sich um Beiträge der Autoren Walter Post, Egon W. Kreuter und Michael Wolski.

Der Beitrag des Hambuger Historikers Dr. Walter Post betrifft das Stadium des potentiellen Atomwaffen-Staates Iran. Dieses Thema ist einer der Hauptstreitpunkte, die zum US-irraelischen Angriff auf den Iran am 28. Februar 2026 geführt haben. Es war sogar der offiziell bekanntgegebene Kriegsgrund.

Der Aufsatz von Egon W. Kreutzer ist eine Momentaufnahme der Ostfront nach den ukrainischen Drohnenangriffen auf das Innere Russlands vom Wochenende des 15.-17. Mai 2026 und die nun zuvermutende russische Reaktion. Dieser Aufsatz sei allen Kriegsbegeisterten anempfohlen.

Der Aufsatz von Michael Wolski weicht von den üblichen Interprätationen der heutigen Kriegslage um Meilen ab, indem er Anleihen bei einer Publukation vom seinerzeit sehr bekannten Soziologen Helmut Schelsky macht, die er mit Aussagen des Ex-BfV-Chefs Hans-Georg Maaßen kombiniert, wonach das jetzige Geschehen in den 1980er Plänen des KGB seinen Ursprung hat. Ich sage deutlich, dass ich skeptisch bin, ob das eins zu eins für bare Münze zu nehmen ist, finde den Ansatz aber originell und diskussionswürdig.

Der neue persische Ajatollah – Modschaba Chamenei und die Lage in Persien

Der nachfolgend widergegebene Artikel über den neuen persischen Führer und die Lage im Lande ist eine Momentaufnahme aus der Feder des Hamburger Historikers Dr. Walter Post, die ich mit seiner Genehmigung zur Kenntnis bringe, weil sie von dem um Meilen abweicht, was man sonst an Aufgeregtheiten hierzulande zu lesen und zu hören kriegt. Es ist seine Auffassung, ich finde sie lesenswert.

Morgendliche Bettbegebenheit

Oder: Es hat sich seit vier Jahren nichts verändert

Das Morgenlicht durchdringt diffus die Jalousette
Ich denke vor mich hin, es wär doch schön
wenn ich nur einmal nichts zu denken hätte
Ich würd sogleich zu Fuß nach Compostella gehn.

Dort würd ich lila Rosenkränze kaufen
und dicke Nonnen schubsen – ab und wann
und mit den Maulbeerbäumen um die Wette laufen
weil ich nicht denken, aber schrecklich rennen kann.

Ich mach die Augen wieder auf, es hat sich nichts verändert
Noch immer ist es ziemlich grau
Kein Frühling hat den Erlenbaum bebändert
Jetzt lieg ich reglos da und gucke nicht sehr schlau.

Begleitender Chorus der tanzenden Trucker:

Reich mir Ricarda den Rautenkranz
Trage Tusnelda das Tamburin
Bleib wo du bist, vor allem aber bleib ganz
Lass mich mit den Gänsen nach Süden ziehn.

©HR20220217

Nachbemerkung vom 26.März 2026: Das kommt davon, es tritt gnadenlos zutage, wenn man den Arbeitsrechner aufräumt, um Platz zu schaffen.

Ukraine-Konflikt – Update April 2025

Dieser Beitrag schildert die Fortentwicklung des Ukraine-Konflikts. Er schließt an mein Buch Nicht mein Krieg. Deutschland und der Ukraine-Konflikt und dessen Update vom November 2024 an. Dort findet der Leser alle wissenswerten Grundlagen zu Vorgeschichte, Ausbruch und Verlauf des Konflikts sowie zu den gegensätzlichen Interessen der Konfliktparteien.

     Die folgenden Ausführungen sind dreigeteilt: Sie beschreiben die Fortentwicklung der politischen Lage, die Fortentwicklung der militärischen Lage, einschließlich der Veränderung des Geschehens auf dem Gefechtsfeld, und die prekäre Sonderrolle Deutschlands.

     Vorab kann gesagt werden, dass meine bisherige Einschätzung des Konflikts weiterhin von den Darstellungen der Meinungsführer in Deutschland und im westlichen Ausland ebenso abweicht wie von der gängigen russischen Propaganda. Ich verfolge weiterhin die Methode, die Meldungen beider Seiten auf Übereinstimmungen zu untersuchen, um die raren Fakten vom Spreu der Meinungen zu trennen. Diese Methode hat bislang zu einer, nicht nur aus meiner Sicht, ziemlich zutreffenden Lagebeschreibung geführt. In den US-Mainstream-Medien tauchten im Februar 2025 erstmals die einschlägigen Kartenbilder auf:


Das große Gerede – die politische Entwicklung des Ukraine-Konflikts

Eine tiefe Zäsur im bisherigen politischen Meinungsstreit zwischen den unmittelbar Beteiligten und den zahlreichen Zuschauern und Nutznießern erfolgte durch die Wahl des neuen US-Präsidenten im November 2024. Dieser hatte im Wahlkampf angekündigt, er werde den Krieg an einem einzigen Tag beenden. Trump ist jetzt nahezu 100 Tage im Amt, und man kann mit Sicherheit feststellen, dass dies – obschon er es versucht hat – nicht gelungen ist. Hierfür gibt es zahlreiche Gründe. Der wichtigste darunter ist, dass er nunmehr offenbar erstmalig gezwungen wurde, der russischen Seite zuzuhören, gegen die er augenscheinlich kein wirksames Erpressungsmittel in Händen hält. Im Gegenteil, er steht unter Zeitdruck, denn die russische Seite ist dicht davor, diesen Krieg mit militärischen Mitteln zu entscheiden.

     Die Forderungen der russischen Seite sind seit Ende 2023/Anfang 2024 vielfach und nicht voneinander abweichend formuliert worden. Sie lauten: a) Anerkennung der vier Provinzen Lugansk, Donjezk, Saporoshje und Cherson sowie – selbstredend – der Krim als Teil des russischen Staatsverbands. So, wie das im Oktober 2022 nach einer Volksabstimmung im vorangegangenen September von der Duma beschlossen wurde. b) Entnazifizierung der Rest-Ukraine. Hinter diesem russischen Propagandabegriff verbirgt sich die Entmilitarisierung und Einsetzung einer russland-freundlichen Regierung. c) Verzicht auf jegliche Nato-Mitgliedschaft. Diese Forderungen sind aus russischer Sicht nicht nur Bedingungen für einen Friedensvertrag, sondern bereits die Voraussetzung für einen Waffenstillstand.

     Die US-Seite sieht diese russischen Forderungen als eine kaum zu akzeptierende Zumutung an. Der Grund hierfür erscheint – aus meiner Sicht vordergründig – der Wunsch des US-Präsidenten, merkbare Erfolge als Friedensstifter vorweisen zu können. In Wirklichkeit jedoch befindet sich Trump in einem US-internen Interessenkonflikt. Etliche seiner Unterstützer und seiner Gegner haben bei einem russischen militärischen Sieg, der zu einer vermutlich bedingungslosen Kapitulation der Ukraine führen würde, unabsehbar große Vermögen zu verlieren. Selbst politisch bedeutsame kriegsbegeisterte Figuren, wie der republikanische Senator Lindsey Graham, haben wissen lassen, dass sie Trumps Friedensinitiativen begrüßen, weil sie sich ausgerechnet haben, dass US-Interessen in der Ukraine, vor allem in der Ost-Ukraine, nur dann realisiert werden können, wenn Trump diese gegenüber Russland durchzusetzen weiß. Jedem dieser Geschäftsleute – soweit sie nicht vom Großmachtwahn geblendet sind – muss klar sein, dass es hier nur noch um die Alternative Weniges oder Nichts geht.

     Nüchternen Rechner werden wissen, dass Russland am längeren Hebel sitzt, weil die vielfachen seit 2002 (!) bis heute verhängten Wirtschaftssanktionen nicht den gewünschten Eindruck auf das Russische Reich gemacht, sondern zur Solidarisierung der US-feindlichen Staaten dieser Erde geführt haben. Dieser Solidarisierungs-Effekt wurde bereits im März 2022, also unmittelbar nach dem russischen Angriff deutlich. Er hält bis heute an.

     Für Trump und seine Kriegsbeendigungsstrategie kommt es also darauf an, nicht nur das Schießen dortzulande ans Ende zu bringen, sondern vor allem die US-Interessen auf beiden Seiten der mit Sicherheit entstehenden neuen Staatsgrenzen zu sichern. Gelingt ihm das nicht, gehen die US-Interessen zumindest östlich der neuen Grenzen komplett den Bach runter. Es liegt allein an den Russen, ob sie sich Vorteile davon versprechen, mit den USA neu zu starten oder auch nicht.

     Die US-Verhandlungsposition gegenüber der heutigen Herrschaft der Ukraine ist heikel, weil deren Herrschaftsstruktur von den USA selbst installiert worden ist. Die US-Wirtschaftsinteressen hier durchzusetzen, stößt auf Forderungen der Selenskyj-Regierung nach militärischer Sicherung der Gebietshoheit, die sich an den Grenzen von vor 2013/14 orientiert. Der bemerkenswerte Auftritt von Trump-Vance mit Selenskyj im Weißen Haus am 28. Februar 2025, wo es zum offenen Konflikt hierüber kam, sollte allen Illusionisten zu denken geben.


     Die Gebiets- und Herrschaftsrestitution der Ukraine ist aus jetziger Sicht der USA unrealistisch und auch unerwünscht, weil Deals mit Russland hinsichtlich der Bodenschätze des jetzt unter russischer Herrschaft befindlichen Donbass offensichtlich lukrativer sind. Selenskyj pokert weiterhin mit den von den USA verlangten wirtschaftlichen Abtretungen, die nach amerikanischer Forderung als Sicherheit für die bereits verausgabte finanzielle und sachliche Unterstützung herhalten sollen. Es wird von der ukrainischen Führung nicht ohne Grund eingewandt, dass es sich hier um den wirtschaftlichen Ausverkauf des Landes handele.

     Die Selenskyj-Regierung fühlt sich durch Zusicherungen aus Großbritannien (Starmer) und Frankreich (Macron) in ihrem Widerstand bestärkt, weil diese Länder – und ebenso die Führung der EU (v.d. Leyen) – für den Ausfall der amerikanischen Hilfen einspringen wollen. Die ukrainische Führung hat auf diese Zusagen aufgesattelt, indem sie die Entsendung von Nato-Truppen ins Kampfgebiet verlangt hat. Macron und Stamer haben im Februar/März 2025 einschlägige, wenn auch vage Zusagen (für die Zeit nach einem Waffenstillstand) verlauten lassen. An der jüngsten Ukraine-Dreierkonferenz in London, die für den 24. April 2025 vorgesehen war, weigerten sich überraschend die Briten teilzunehmen.

     Nach dem Stand von Ende April 2025 haben die USA, diesmal durch den Mund des Vizepräsidenten Vance, versucht, die Ukraine und Russland zu einem Waffenstillstand aufzufordern, wobei deutlich zu erkennen gegeben worden ist, dass keine Seite auf maximalen Territorialforderungen bestehen könne. Selenskyj hat diesen Vorstoß unverzüglich abgelehnt, während Kreml-Sprecher Peskow mitgeteilt hat, Russland betrachte diesen Vorstoß nicht als Ultimatum, wiewohl Vance kurz zuvor öffentlich ausführte, dass die USA sich aus dem Ganzen zurückzögen, wenn beide Seiten auf ihren Forderungen beharren würden.

     Sollte die US-Regierung die Drohung mit dem Rückzug aus dem Ukraine-Konflikt ernst machen, sind die Tage der jetzigen ukrainischen Regierung gezählt, denn die EU-Staaten und Großbritannien können den Ausfall der US-Hilfen nicht kompensieren. Erschwerend kommt hinzu, dass die EU-Staaten keine einheitliche Linie zur Ukraine-Hilfe zustande bringen. Außer aus Frankreich und Deutschland sowie Polen und der Tschechei sind substanzielle Beiträge nicht zu erwarten.

Gefallene, Verwundete, Flüchtlinge – die militärische Fortentwicklung des Krieges

Die militärische Lage in der Ukraine hat sich seit November 2024 insofern verändert, als die nach Russland vorgedrungenen ukrainischen Truppen-Kontingente im Oblast Kursk (August 2024) und Bjelgorod (Februar 2025) alle restlos von russischem Territorium unter erheblichen ukrainischen Verlusten vertrieben worden sind. Der ukrainische Vorstoß zur Gewinnung von Faustpfändern ist damit (wohl endgültig) gescheitert.

Das gesamte letzte halbe Jahr haben die Russen – ganz unbeeindruckt von den ukrainischen Vorstößen auf ihr Territorium – ihren langsamen Vormarsch gen Westen bzw. Nordwesten an dem gesamten über 1000 km langen Frontbogen fortgesetzt. Die Vorwärtsbewegungen geschahen ohne erkennbaren inneren Zusammenhang einer große Offensive, eher in Form von Nadelstichen mit geradezu provozierender Langsamkeit. Die Angriffsbewegungen erfolgten stets in derselben Manier, soweit es das Gelände zuließ, nämlich rechts und links an den befestigten Plätzen vorbeistoßend und diese dann von den Versorgungswegen abschneidend. Die Verteidiger wurden sodann dank überlegener russischer Artillerie zusammengeschossen, soweit es ihnen nicht gelang – meist ohne ihr Kriegsgerät – zu entkommen.

     Es wurde auf russischer Seite die Bewegung größerer Truppenverbände vermieden. Die Angriffe selbst erfolgten in einer ersten Welle durch überraschend auftauchende motorisierte Kleinstgruppen (auf Krädern und E-Bikes), durch die die Verteidiger gezwungen wurden, sich in ihren Stellungen zu zeigen, welche dann prompt mit Drohnen und Artillerie angegriffen wurden. Darauf folgten als zweite Welle kleinste Panzereinheiten mit beigegebener Infanterie.

     Die erfolgreiche Operation mit kleinsten Einheiten ist nur möglich gewesen, weil die Russen ihre Befehlsstruktur grundlegend geändert haben. Sie sind von der seit Jahrhunderten eingeübten Befehlstaktik zum preußischen System der Auftragstaktikübergegangen. Diese bedeutet inhaltlich, dass die Zielerreichung so weit wie möglich nach unten delegiert wird. Innerhalb der groben Zielvorgabe entscheidet der Kommandeur vor Ort selbst, wie er ans Ziel gelangt. Diese Änderung bedeutet eine Revolution im russischen militärischen Denken. Sie verlangt flexible Führer und motivierte Unterführer. Die Kleinstgruppentaktik verlangt zudem einen rabiaten Siegeswillen bei jedem einzelnen Soldaten. Die bisher bekannt gewordenen Beispiele lassen die Folgerung zu, dass diese Änderungen in der Truppe Fuß gefasst haben.

     Der Drohnenkrieg im Erdkampf steuerte im Herbst 2024 zunächst auf einen ausgeglichenen Höhepunkt hin. Alsbald ist jedoch erneut ein Übergewicht der russischen Seite spürbar geworden, wobei die russischen, durch Glasfaserkabel gesteuerten Kampf- und Aufklärungsdrohnen das Gefechtsfeld beherrschten, da diese nicht durch elektronische Drohnenabwehr beeinflusst werden können. Überraschend war, dass der Drohnenkrieg zum Massenphänomen geworden ist. Die 2023/24 im Westen weit verbreitete Auffassung, die russische Seite sei nicht in der Lage, ihren Drohnenbedarf auf dem Gefechtsfeld zu ergänzen, hat sich als Irrtum bzw. als Zwecklüge erwiesen.

     Beide Seiten haben versucht, sich mit mechanischen Schutzvorrichtungen gegen die Wirkung von Kampfdrohnen zu schützen. Auf der ukrainischen Seite sind die Versorgungsstraßen mit Netzen überspannt. Auf russischer Seite ist auffällig, dass Kampffahrzeuge Aufbauten mit herabhängenden Metallschnüren erhalten haben, die nach russischen Angaben mehrere Drohnen-Treffer verkraften können. Falls diese russischen Angaben und die ukrainischen über die Vernichtung von Panzerfahrzeugen durch Drohnen (ein Treffer = ein Abschuss) stimmen, und man sie dann miteinander vergleicht, kommt heraus, dass die russischen Panzerverluste weit geringer sind, als bislang vermutet.


     Der Drohnenkrieg hat das Gefechtsfeld revolutioniert. Das enge Miteinander von Aufklärungs-. und Kampfdrohnen macht, wo diese in Massen auftreten, nahezu jede Bewegung auf dem Gefechtsfeld unmöglich, es sei denn, eine der Seiten ist gewillt, hohe Verluste in Kauf zu nehmen. Unmittelbare Folge dieser Gefährdung von Bodentruppen ist der russische Taktikwechsel hin zu Kleinst-Kampfgruppen. Der folgende Screenshot aus einem ukrainischen Drohnen-Video zeigt eine solche, mit hoher Geschwindigkeit angreifenderussische Kleinst-Gruppe (3 Kräder).


     Zum Thema Verluste lässt sich zudem aus heutiger Sicht ergänzen, dass die ukrainischen Menschenverluste (Gefallene, schwer Verwundete, Deserteure) um ein Vielfaches höher liegen als die der Russen. Es besteht der begründete Verdacht, dass im Gegensatz zu den Russen die Ukrainer nicht mehr in der Lage sind, diese Verluste auszugleichen. Die in der Öffentlichkeit diskutierten Verlust-Annahmen beruhen vor allem auf Zahlen beider Konfliktparteien, die aus dem Gefangenen- und Gefallenenaustausch hochgerechnet werden. Diese Methode ist vage, sonst würde es nicht zu Abweichungen von 4 zu 1 bis 10 zu 1 zu Lasten der ukrainischen Seite kommen.

     Nach wie vor gibt es keine belastbaren Angaben über die Zivilverluste durch die Erdkampfführung und durch die Luftkriegsführung. Den immer wieder durchgeführten Luftschlägen gegen militärische Versorgungseinrichtungen im russischen Hinterland durch ukrainische Drohnen stehen massive russische Luftschläge durch Drohnen, Raketen und Gleitbomben gegenüber. Diese richteten sich bislang gegen Versorgungseinrichtungen bis weit ins ukrainische Hinterland hinein und gegen Liegenschaften auf dem Land und in Städten, in denen die russische Seite den Aufenthalt fremder (Nato)-Soldaten vermutete. Aus dem Umstand, dass russische Flugzeuge bei ihren Angriffs-Aktionen immer dichter an die Frontlinie heranrücken, ist mit gutem Grund die Vermutung geknüpft worden, dass die ukrainische Luftabwehr durch vorangegangene Angriffe schwer beschädigt worden ist.

Prinzessin auf der Panzermine – die mutwillige deutsche Sonderrolle

Die Haltung der Bundesregierung blieb vor und nach der Bundestagswahl (Februar 2025) zwiespältig: Während die Grünen, vertreten durch die Noch-Minister Habeck und Baerbock als lautstarke Unterstützer agitierten, verhielt sich die SPD eher zurückhaltend, auf jeden Fall uneindeutig.

    Der CDU-Vorsitzende Merz ließ keinen Zweifel aufkommen, dass er die Ukraine massiv unterstützen werde. Zu diesen Unterstützungshandlungen soll auch die Lieferung von deutschen Taurus-Marschflugkörpern gehören. Innerhalb der CDU gibt es eine lautstarke Gruppe, welche die Taurus-Lieferungen ebenfalls befürwortet. Zu dieser gehört der seit Jahren als Kriegstreiber auffällig gewordene Abgeordnete Kiesewetter und der CDU-Außenpolitiker Wadephul, der in der Union als der zukünftige Außenminister gehandelt wird.

Es steht zu erwarten, dass der politische Zwiespalt innerhalb der alten Bundesregierung auf die neue übertragen und von dieser fortgeschleppt werden wird. Ebenso wie in der CDU gibt es auch in der SPD Freunde des Eingreifens in den Ukraine-Konflikt und der Lieferung der Taurus-Waffe. Allerdings gibt es auch nach wie vor Gegner wie Boris Pistorius, den alten und vermutlich neuen Bundesverteidigungsminister, der sich wiederholt zur Priorität der Aufrüstung Deutschlands geäußert hat.


     In der öffentlichen Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt hat ein merkbarer Schwenk stattgefunden. Während bisher der Chor der Kriegsunterstützer sich damit begnügte, „wir“ müssten das ukrainische Volk bei seinem Freiheitskampf gegen „den Putin seinen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg“ beistehen, also die Freiheit am Dnjepr verteidigen, liegt jetzt der Ton darauf, dass „wir“ verhindern müssten, dass der Russe im Jahre 2029 am Brandenburger Tor stehe. Aus diesem Grund sei die Bundeswehr hochzurüsten und die Zeit, bis das geschehen sei, durch Taurus-Lieferungen und deren Einsatz zu überbrücken.

     Es bedarf keiner komplizierten Erörterungen, um die Unschlüssigkeit des nunmehr verfolgten Politikansatzes und der ihm folgenden Propaganda bloßzulegen. Es ist die Blauäugigkeit, über die man zunächst verblüfft ist, bevor sich der Ärger durchsetzt. Taurus zu liefern, das bedeutet, unmittelbare Kriegspartei zu werden. Hierbei kommt es nicht auf die eigene abweichende Ansicht, sondern alleine darauf an, wie derjenige, der das Ziel des Taurus-Beschusses werden wird, diesen Angriff beurteilt.

Es kommt, um es mit leicht variierenden Worten zu sagen, nicht darauf an, was Rechtsgelehrte in ihren Studierstuben in Berlin-Mitte formulieren, ob solche Lieferungen an eine Kriegspartei „noch“ vom Völkerrecht gedeckt seien, denn der Angegriffene wird sich einen feuchten Kehricht um solche gelehrten Sentenzen kümmern, sondern er wird gegen den Veranlasser zurückschlagen. Dies gilt umso mehr, als Waffenexperten ganz offen einräumen, dass der Taurus, zwar formell in die ukrainische Armee geliefert werden mag, jedoch von dort ohne das Eingreifen seines deutschen Personals keinen Meter weit Richtung Moskau fliegen wird, weil die Beschenkten ihn nicht sachkundig bedienen können.

     Der Herrscher im Kreml hat neuerdings (im März) klargestellt, dass er den Beschuss mit Taurus als deutsche Kriegshandlung gegen Russland auffassen und mit Krieg beantworten werde. Bislang hatte man diese Töne seit etwa zwei Jahren nur durch seinen Vertreter Medwedjew vernommen. Es gehört zu den Rätseln deutscher Politiklenker, so zu tun, als habe Putin nichts gesagt. Wenn überhaupt, wird in den deutschen Medien flankierend verbreitet, er bluffe nur. Das kann man glauben, oder es bleiben lassen. Ich neige dazu, ihn ernst zu nehmen.

     Die mögliche und wahrscheinliche russische Reaktion bedeutet aus meiner Sicht nicht zwingend, dass ein kaum noch zu beherrschender Weltkrieg ausgelöst werden wird. Nein, es würde genügen, um Deutschland zu domestizieren, ein weltweit bemerktes Symbol zu zerstören. Wie wäre es mit einer Kinshal-Rakete, die das Taurus-Werk in Schrobenhausen mit Mach 10 pulverisiert? Bevor der Leser jetzt aufschreit und mich des Landes- oder eines sonstigen Verrats bezichtigt: Genau das ist es, was russische Militär-Experten derzeit diskutieren. Unrealistisch wg. der Beistandspflicht aus Art. 5 Nato-Vertrag? Einen Moment bitte, man zeige mir den Verbündeten, der jetzt wg. ein paar deutschen Taurus in den Krieg ziehen wird. Die USA sind es seit dem Amtsantritt von Trump mit Sicherheit nicht.

     Und zum Schluss: Vollends diffus ist die – auch von führenden deutschen Offizieren vertretene – Auffassung, die russische Armee sei im Felde schlagbar, weswegen man die Bundeswehr bis 2029 hochrüsten müsse. Weswegen der angeblich unberechenbare Führer im Kreml diesen Zeitpunkt abwarten sollte, bleibt das Geheimnis dieser uniformierten Propheten. In der Politik heißt es derzeit in Sachen Bundeswehr „Gebt mir vier Jahre Zeit“. Das kommt mir irgendwie bekannt vor. Die Parole ging seinerzeit für Deutschland nicht gut aus.

©Helmut Roewer, April 2025

Über die Eitelkeit und andere nützliche Motive, eine Autobiographie zu lesen

Der Dienstagmittag war regenverhangen in Erfurt, und da ich zu früh dran war, trat ich in das mildtätige Geschäft von Oxfam ein, mich unter den Augen wohlkonservierter älterer Damen die nächsten zehn, zwanzig Minuten herumzudrücken und vor dem einsetzenden Dauerregen zu schützen. Ein wunderbarer, ein ordentlicher Laden, die Bücher reichlich und wohlsortiert. Die überwiegende Zahl davon autobiographischen Inhalts. Und davon die meisten von Schauspielerinnen.

     Wie gesagt, ich musste Zeit totschlagen, also hatte ich welche, um die erste These meiner geplanten Biographie der Autobiographien zu formulieren, und die geht so: Autobiographien erfreuen sich deshalb eines besonderen Zuspruchs der Leserinnenschaft, weil sie der Spiegel des eigenen, so nicht gelebten Lebens sind. Nicht meine Lektüre, so dachte ich, wohl wissend, dass ich erst vor zwei Wochen das schlechte Wetter zu Weihnachten nutzte, um parallel drei autobiographische Texte zu lesen. Hier sind sie:

   

Eins

Der Buchtitel lautet Knife, so wie im amerikanischen Original, ansonsten handelt es sich um eine Übersetzung ins Deutsche. Ich nehme an, dass den Bertelsmännern das Wort Messer inopportun erschien, hat doch das Messer im Deutschen keinen guten Klang mehr, wo man zwar lauthals über Messerverbotszonen debattiert, es aber ablehnt, die Illegalen, die das Problem erst schufen, achtkantig aus dem Lande zu werfen.

     Das Buch Knife stammt von dem Schriftsteller Salman Rushdie, einem ehemaligen Inder, der via Großbritannien jetzt in den USA lebt. Es beschreibt den vor zwei Jahren auf ihn verübten Anschlag eines Mohammedaners, der sich offenbar berechtigt sah, das vor Jahrzehnten durch den finsteren persischen Revolutionsführer Khomeini gegen Rushdie verhängte Todesurteil zu vollstrecken. Man erinnert sich: Rushdie hatte den in den westlichen Feuilletons breit diskutierten Roman Die satanischen Verse veröffentlicht, der in der islamischen Welt für viel böses Blut sorgte, weil, wie ich las, darin über den arabischen Religionsstifter Unerfreuliches zu lesen sein soll. Der Leser bemerkt es sogleich: Ich habe das Skandal-Buch ebensowenig gelesen, wie all die anderen, die sich darüber ereiferten.

     Das Attentat auf Rushdie war überaus brutal. Die Messerstiche brachten ihn dicht an die Schwelle des Todes, die er wie durch ein Wunder nicht überschritt. Besonders schauerlich wirkt noch heute auf mich, dass ihm ein Auge ausgestochen wurde. Im ersten Kapitel des Buches erlebt der Leser den Angriff auf den Autor in einer lesenswerten Reportage aus seiner Sicht, im wahrsten Sinne des Wortes, bis zu dem Zeitpunkt, wo ihm die Sinne schwanden.

     Doch jetzt kommt das Ja-aber. Der Leser wird im Weiteren in die Welt des Salman Rushdie eingeführt. Es ist eine Welt der moralischen Überlegenheit, der New Yorker Schickeria, wo man bei Ausstellungen, bei Lesungen und bei angesagtem Essen angesagte Leute trifft, die sich über jene erheben, die nicht so weltoffen sind wie sie selbst. Dass ausgerechnet aus diesen Kreisen auch Leute zitiert werden, die im Nachhinein Verständnis für den misslungenen Meuchelmord äußerten, lese ich mit Abscheu. Ich lese mit Unverständnis, dass es Leute gibt, die sich an der Ironie weiden, dass die Untat an einem Orte geschah, wo die Guten sich eigens versammelt hatten, um die Alternativlosigkeit ihrer Werte zu betonen, und im selben Atemzug lese ich Kritik am Versagen des Sicherheitsdienstes. Eine Welt also, wo das wechselseitige friedliche und weltumspannende Umarmen nur unter bewaffnetem Personenschutz möglich ist. 

     Schließlich noch die Liebe. Darüber ist kaum zu diskutieren, wenn ein über Siebzigjähriger sich in eine deutlich jüngere Frau verliebt, die diese Liebe erwidert. Schöne Geschichte, das. Beide Familien sind strikt dagegen. Kommt vor. Beide Familien sind überaus erfolgreich, auch die Familie der Frau, deren Mitglieder tauchen am Rande auf. Einer davon, ein Bruder der jungen Frau, der erste schwarze Bürgermeister von Weiß-ich-wo in den USA. Ach, das ist es? Gerne füge ich hinzu, es ist mir wurscht, wer hier mit wem, aber Unmut kommt auf, wenn wir auf diese Weise erfahren, wie wichtig dem Autor die Gewalttäter-Bewegung mit Namen Black-lives-matter ist. Das ist unverhohlen Lob der politischen Gewalt. Aber nur, wenn’s grade passt.

     Und als schließlich die Ausfälle gegen den eigenen Vater (angeblich ein Säufer), der dem Autor das Leben eines Dandys an Englands Elite-Universitäten ermöglichte, zum Thema des Buches gemacht werden, da habe ich es zugeklappt. Soviel Korrektheit muss sein.

Zwei

Das Buch von Bernd Wagner Die Sintflut in Sachsen ist laut Untertitel, den der Verlag für richtig hielt, ein Roman. Es ist jedoch, falls nicht alles, was da zu lesen ist, gelogen sein sollte, in Wirklichkeit eine Autobiographie mit einigen leicht nachvollziehbaren Verfremdungen.

     Das Buch bringt die Geschichte eines Jungen aus Wurzen (in Sachsen), Ende der 1940er Jahre dort geboren und aufgewachsen. Falls, wovon ich ausgehe, nicht alles erfunden ist, dann ist es ein teils witziger, teils todtrauriger Schelmenroman über einen, der unter denkbar schlechten Bedingungen auf die Lebensbahn entsandt wird. Wir lesen im Wechsel die Reportage über diesen Weg und immer wieder eingestreut Betrachtungen aus dem Hier und Jetzt, die uns zweierlei zeigen: Was ist aus den im Lebensroman des Jungen vorkommenden Akteuren geworden, und dies hier: Was musste er selbst tun, um das zu werden, was er jetzt ist. Diese Reflexionen sind oft notwendig, denn die Welt, in der der Autor aufwuchs, ist keine, die einem Heutigen noch geläufig wäre.

     Nun ist es ja in gängigen Autobiographien üblich, dass der Leser mit Kinder- und Schulgeschichten behelligt wird, die man in dem Satz zusammenfassen könnte: Bevor ich ins Leben startete, ging ich bis zum soundso vielten Lebensjahr zur Schule in Sonstwo. Hier ist das anders. Wagners Buch ist auch und streckenweise nur die Geschichte seiner Eltern. Der Vater ist ein selbständiger Schmied am Rande der Stadt, die Mutter eine ehemalige Dienstbotin vom Dorf. Also eine Aufsteigergeschichte? Nicht ganz. Haus und Grundstück sind von Vorgänger-Generationen erarbeitet und ererbt. Man war wer, in einem eigentümlichen Stolz, dem der Selbständigkeit, der sich auf einzelne der Nachkommen übertrug, wie man lesen kann, denn auch die Verwandten des Autors, Onkel, Tanten, Geschwister bevölkern detailliert beschrieben die Szenerie.

     Über dem Ganzen wölbt sich die schöne neue, soeben in Schwung kommende Welt des Sozialismus à la DDR, in der Leute wie die Eltern der Klassenfeind waren. Wir erleben den Niedergang des mit viel Fleiß erwirtschafteten bescheidenen Wohlstands, das Wegbrechen der Kundschaft, das Verschwinden der einst auf jedem der Höfe vorhandenen Pferde. Das Aussterben der Höfe selbst, zudem der selbständigen Handwerker und Händler und mit diesen der Verfall einer offenbar einst reichen Kneipen-Kultur, wo man sich traf, bramarbasierte und Karten spielte. Traditionen verschwinden und mit ihnen eine wohlgeordnete und ausdifferenzierte Gesellschaft, an deren Stelle der genormte neue Mensch treten sollte. Einige fügten sich nur widerwillig, andere liefen mit fliegenden Fahnen über.

     Und schließlich, ich kann es mir nicht verkneifen, der Autor als Liebhaber. Das sind mehr als nur Andeutungen, wenn es darum geht, das weibliche Geschlecht ins Zentrum des eigenen Lebens zu rücken. Ich habe nicht vor, hier die Details preiszugeben. Die sollte sich der Leser schon selbst erarbeiten. Doch soviel sei verraten: Da ist mir ab und an ein verstehendes Aha oder So-so entschlüpft. Die Zahl der Möglichkeiten ist offenbar begrenzt. Was nicht bedeutet, dass man Anderleute Leiden der Menschwerdung nicht vergnügt liest. Ganz im Gegenteil. Ich tat’s.

     Das Buch endet, lange nach dem Tod des Vaters, schließlich auch mit dem Ableben der Mutter, deren spätes Siechtum den Sohn wieder in die völlig veränderte Nachwende-Vaterstadt zurückführt. Als die kleine Trauergesellschaft nach der Beerdigung beisammensitzt, bricht der Deich des Flusses Mulde. So geht das Buch in einem Furioso zu Ende. Ich empfehle es allen, die in ein längst vergangen geglaubtes Leben ohne jedes Nostalgie-Gejammer eintauchen wollen. Diejenigen, die so gelebt haben, sind noch unter uns. Der Autor ist einer davon.

Drei

Dieses dritte Buch ist ein nobel ediertes Bändchen des holländischen Schriftstellers Cees Nooteboom mit dem Titel Venedig – fluide Stadt. Nun besteht ja weiß Gott kein Mangel an Schriften über die Lagunenstadt, und jeder Venedig-Reisende wird sein Lieblingsbuch über die Stadt und ihre Geschichten zu loben wissen.

     Das vorliegende Buch, auf einen simplen Nenner gebracht, möchte ich den Bericht eines Flaneurs nennen. Der Autor beschreibt, was er unternahm und sah, als er es sich zur Gewohnheit machte, bei einem längeren Aufenthalt, also in einer Mietwohnung wohnend, Venedig abseits der Touristen-Ströme zu seiner eigenen Sache zu machen. Das klingt wie die Quadratur des Kreises: der Tourist als Nicht-Tourist. Damit hat er bei mir eine Saite zum Klingen gebracht, denn der selbe Wunsch stellte sich bei mir in den Nuller Jahren dieses Jahrhunderts ein, als ich ein festes Quartier bezogen hatte, das es mir freistellte, mich zu Hause zu fühlen, nicht jeden Tag etwas zu unternehmen, dafür aber für den täglichen Bedarf einzukaufen.

     Zurück zum besprochenen Buch, es ist ein autobiografischer Text, über dessen Sorte und Leserschaft ich mich am Eingang dieses Aufsatzes lustig machte. Nun gilt: Ich habe ihn gelesen, um mich in ihm zu spiegeln. Er ist so, als wäre er eigens für mich geschrieben worden. Dem Buch sind einige schwarz-weiß Aufnahmen der Photographin Simone Sassen beigegeben. Ich nehme mir vor, beim nächsten Mal auf den Wegen Nootebooms und seiner Gefährtin zu wandeln – beim hoffentlich nächsten Mal.

Deutschland und der Ukraine-Konfikt – ein kurzes Update im November 2024

In diesem Aufsatz behandele ich im Anschluss an mein Buch Nicht mein Krieg. Deutschland und der Ukraine-Konflikt diejenigen Ereignisse seit dem Sommer 2024, die man aus meiner Sicht zur weiteren realistischen Lageeinschätzung wissen sollte. Vorab kann gesagt werden, dass sich an den bereits im Buch geschilderten Grundzügen über Herkunft und Verlauf des Konflikts wenig geändert hat.

Erster Teil: Politische Entwicklung

Im Folgenden werden die verschiedenen Kriegsbeteiligten jeweils gesondert behandelt, also im Wesentlichen die USA, Deutschland, die Ukraine und Russland.

(1) Die USA im Ukraine-Krieg

In der Zeit vom Sommer bis zum 5. November 2024 (Wahltag in den USA) dümpelte die US-amerikanische Unterstützungspolitik für die Ukraine vor sich hin. Die Nato gab auf ihrem Gipfeltreffen in Washington im Juli 2024 ein ellenlanges Papier heraus. In ihm ist viel von Solidarität die Rede, aber nichts vom Eingreifen in den Konflikt mit eigenen Truppen. Der nicht ohne Komik auftretende US-Präsident – er sprach Selenskyj als „Mr. Putin“ an – ließ erkennen, dass es zukünftig die Rolle der Europäer sei, die Finanzierung des Ukraine-Kriegs zu übernehmen. Auf einen konkreten Fahrplan zur Aufnahme der Ukraine in das Bündnis einigten sich die Teilnehmer nicht, nachdem einige Mitglieder unter der Meinungsführerschaft von Ungarn angedeutet hatten, sie würden einer Aufnahme der Ukraine ohnehin ihr Veto entgegensetzen.

      Das selbe Halbherzige der US-Regierung zeigte sich bei der von ihr anberaumten Ukraine-Stützungskonferenz in Ramstein Anfang Oktober 2024. Der dort angekündigte US-Präsident erschien nicht. Ihn vertrat US-Verteidigungsminister Lloyd Austin. Die US-Unterstützungszusagen blieben vage. Stattdessen übernahmen absprachegemäß gegenüber dem angereisten ukrainischen Präsidenten die Deutschen unter Verteidigungsminister Pistorius die Zusagen für Waffen und Munition.

      Keine Änderung des prinzipiellen Rückzugs aus der Ukraine brachte schließlich auch der Besuch von US-Präsident Biden in Berlin, der – für das Publikum überraschend – zu einem Vierergipfel ausgebaut wurde, an dem neben dem Bundeskanzler auch der französische Staatspräsident Macron und der britische Premier Starmer teilnahmen. Ob tatsächlich konkrete Absprachen bezüglich der Ukraine getroffen wurden, blieb hinter dem üblichen Schwall diplomatischer Floskeln verborgen. Es ist indessen anzunehmen, dass das Quartett sich darauf verständigte, keine der nationalen Fernwaffen für den Beschuss tief nach Russland hinein freizugeben. Eine Koordinierung erschien schon deswegen angezeigt, weil Großbritannien solche Angriffe offen befürwortete und Frankreich sogar vom Einsatz eigener Truppen nicht abgeneigt schien.

      Die Abneigung der US-Regierung gegen den Fernbeschuss in die russische Tiefe hinein wurde durch einen Umweg über die New York Times am Vortag der Konferenz zum Ausdruck gebracht, wonach US-Geheimdienste die Warnung ausgesprochen hätten, Russland werde auf solche Angriffe seinerseits mit asymmetrischen Schlägen auf die für den Beschuss verantwortlichen Staaten reagieren. Die Berichterstattung wies auf die Kapazitäten und den Willen des russischen Militärgeheimdienstes GRU hin, der bereit und in der Lage sei, Anschläge auf US-Einrichtungen in Europa und auch solche in den USA selbst durchzuführen.

      Ob den US-Diensten derartige Erkenntnisse tatsächlich vorliegen, mag dahinstehen. Zumindest ist unbestreitbar, dass sowohl Präsident Putin als auch Außenminister Lawrow im Sommer und Herbst 2024 unmissverständlich klarstellten, bei entsprechenden Angriffen nach Russland hinein, die mit der Unterstützung von Nato-Staaten stattfinden und nach Auffassung der Russen nur mit dieser Unterstützung stattfinden können, diese Staaten mit geeigneten Mittel ebenfalls angegriffen werden würden. Diese Warnung scheint bei der US-Regierung und auch bei der Bundesregierung angekommen zu sein und ernst genommen zu werden.

      Schließlich kam nach den ewigen und ermüdenden, für sicher erklärten Wahlprognosen dann tatsächlich der Tag der US-Wahlen (4. November 2024). Deren Details und das groteske Falschliegen von Mainstreammedien und der deutschen politischen Klasse muss hier, weil nicht zum Thema gehörig, nicht erörtert werden.

      Zum Thema gehören indessen Trumps Wahlversprechen, den Ukraine-Krieg binnen Tagen zu einem Ende zu bringen. Etwas nebulös hatte er ab und an hinzugefügt, das könne er bereits vor seinem offiziellen Amtsantritt erledigen. Buchen wir das unter Wahlkampfgetöse, so bleibt unterm Strich die Ankündigung eines möglichen Kriegsendes. Diese Botschaft beinhaltet zunächst einmal die Kernaussage, dass es diesen jetzt andauernden Krieg ohne das aktive Mittun der USA gar nicht geben würde. Das ist Realismus pur.

      Sollte Trump nach seinem Amtsantritt tatsächlich Schritte zur Beendigung des Ukraine-Konflikts unternehmen, dürfte sein Tun inneramerikanisch auf erheblichen Widerstand stoßen. Es dürften beispielsweise die Kriegsgewinnler von Black Rock und J.P. Morgen, die zum Monatswechsel Oktober auf November 2024 in Luxemburg ein milliardenschweres Ukraine-Konsortium gründeten, sich nicht freiwillig die Butter vom Brot nehmen lassen. Zwar feierte die Börse in New York den Trump-Sieg mit Rekord-Gewinnen, aber wenn irgendwo Substanzverlust droht, werden die Hyänen bissig. Wie sagte doch der einflussreiche Senator der Reps Lindsey Graham vor kurzem erst in seltsamer Ehrlichkeit? Die Ukraine ist die Goldader der USA. Diese Leute werden darauf bestehen, dass Trump ihnen ihre Gewinne sichert.

(2) Deutschland im Ukraine-Krieg

Der politische Rückzug der USA aus dem Ukraine-Krieg ist zulasten Deutschlands erfolgt. Die Lastenverschiebung wurde von US-Präsident Biden seit dem Nato-Gipfel in Washington mehrfach öffentlich bekanntgegeben. Die deutsche Regierung hat sich dem nicht widersetzt, sondern kontinuierlich zu erkennen gegeben, dass sie diese Rolle übernehmen will, zuletzt anlässlich des Antrittsbesuchs des neuen Nato-Generalsekretärs in Berlin. Der neue Mann ist der Niederländer Mark Rutte (sprich: Rütte), ein bei ihm zu Hause abgewählter ehemaliger Ministerpräsident. Er ist seit Jahr und Tag ein strikter Befürworter der aktiven Einmischung in den Ukraine-Konflikt. In Berlin hat er klargestellt, dass es sein als erreichbar bezeichnetes Fernziel sei, den Staat der Ukraine als Mitglied in die Nato zu holen. Das ist nicht ohne Ironie, da seine Amtsnachfolger in Holland dies vermutlich anders sehen.

      In Deutschland lässt sich der Wille der Bundesregierung, die Führung im Ukraine-Unterstützerlager zu übernehmen, an zwei politischen Aktivitäten ablesen. a) Zum einen geht es um die Wiedereinführung der Wehrpflicht, die 2011 entgegen der Verfassung abgeschafft wurde, weswegen man diesen Akt beschönigend als Aussetzung bezeichnet hat. b) Zum andern ist die drastische Anhebung der Ukraine-Hilfe Gegenstand der Haushaltsbemühungen.

      Zu a) Der Gesetzentwurf zur Wiederinstallierung der Wehrpflicht wurde bereits in den Bundestag eingebracht. Er beinhaltet einen eigenartigen Zwitter, denn in Wirklichkeit will man die Wehrpflicht gar nicht wieder einführen, sondern setzt weiterhin auf Freiwillige. Die einzige bemerkbare Änderung soll die Wiedereinführung der Erfassung von wehrpflichtigen jungen Männern sein, über deren Vorhandensein man in der deutschen politischen Führung nach der sog. Aussetzung der Wehrpflicht und der damit einhergehenden Abschaffung der Wehrersatzämter jegliche Übersicht verloren hat. Das Schicksal dieser Novelle ist seit dem Zerplatzen der Ampelkoalition am 6. November 2024 höchst ungewiss.

      Zu b) In der Öffentlichkeit wurde zunächst kaum bemerkt, dass die international verkündete deutsche Ukraine-Hilfe das finanzielle Loch – das ohnedies wg. des wirtschaftlichen Niedergangs Deutschlands, auch wg. des das Klima-Märchens und des fortgesetztes Sponsorings von illegalen Zuwanderern unübersehbar geworden ist – nunmehr vollends unbeherrschbar machen würde. Am Streit über diesen Aspekt ist – zumindest wird dies durch die Kontrahenten verkündet – die Ampel-Koalition gescheitert, weil, nachdem der Finanzminister Lindner öffentlich auf die Schieflage hingewiesen hatte, der Bundeskanzler ihn entließ.

      Der Bruch der Ampelkoalition hat auch ganz andere mögliche Auswirkungen auf die deutsche Rolle im Ukraine-Konflikt. Zunächst wird der CDU die Rolle zufallen, ob sie den von der Bundesregierung selbst erzeugten unabsehbaren Finanzbedarf in Sachen Ukraine im Bundestag anstelle der jetzt oppositionellen FDP einfach durchwinkt. Möglich wäre es, denn die Union gehört zu den bedenkenlosen Exekutoren US-amerikanischer Weltmachtpolitik – ein Verhalten, das sie hinter dem Schlagwort der Bündnistreue verbirgt. An dieser Stelle muss ich dem Leser einen scheinbaren gedanklichen Umweg durch die deutsch-russischen Beziehungen zumuten. Ich werde dies in Form von Exkursen zu den drei politischen Parteien tun, die im Augenblick eine zu beachtende Rolle spielen, nämlich, wie schon angedeutet, die CDU, aber auch die AfD und schließlich das BSW.

      aa) Exkurs zur CDU. Die CDU ist ein Kind des Kalten Krieges. Die Bündnistreue zu den USA musste in Westdeutschland angesichts der Verheerungen, die durch die sowjetischen Herrscher im Osten Deutschlands angerichtet wurden, nicht gesondert erzwungen werden. Sie ergaben sich mehr oder weniger automatisch kraft des täglichen Anschauungsmaterials. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks waren es die USA, welche die scheinbare Chance sahen, zur Einzigen Weltmacht aufzusteigen und dies als Änderung ihrer Weltpolitik durchzusetzen versuchten.    

      Die CDU machte diesen Schwenk gehorsam mit. Auch dieser Gehorsam musste nicht groß erzwungen werden, da sich die CDU mit der Teillegende beruhigte, die USA hätten die deutsche Einheit erst ermöglicht. Dass die Wirklichkeit zumindest auch eine andere war, wurde alsbald verdrängt.

      Der allgemein sichtbare, aber nur wenig beachtete Kulminationspunkt in der Selbstunterwerfung der CDU unter das US-amerikanische Weltherrschaftssystem war die Reise der frischgebackenen CDU-Vorsitzenden Merkel zu Beginn des Irak-Kriegs, gleich nachdem der damalige Bundeskanzler Schröder der Kriegsmacht die Gefolgschaftstreue versagt hatte. Beides führte in Deutschland auf geradem Weg zum Machtwechsel. Merkel erschien den US-amerikanischen Weltenlenkern tragbar, da sie ihre Unterwerfung öffentlich zur Schau gestellt hatte. Ihre Herrschaft, die eine Orgie der deutschen Selbstzerstörung war, wurde bei der letzten Bundestagswahl selbst den propagandistisch breitgequatschten Deutschen zuviel, die der dann antretenden schrägen Ampel-Koalition mit der sich selbst auflösenden SPD an der Spitze zur Herrschaft verhalfen. Diese ist jetzt zu Ende, nachdem der nächste US-Trabant zur Machtübernahme bereit steht.

      So sieht die politische Situation in Deutschland bezüglich des Ukraine-Konflikts aus. Es steht zu erwarten, dass sich gleich nach der zu erwartenden Bundestagswahl eine rechnerisch irgendwie zusammengeschusterte Koalition unter der Führung der CDU bildet, die den amerikanischen Vorgaben, die spätestens dann erkennbar sein werden, bedenkenlos folgen wird.

      bb) Exkurs zur AfD: Die AfD ist auf der politischen Bundesbühne derzeit die einzige ernstzunehmende politische Kraft, die konsequent dem Ukraine-Kriegsbeteiligungskurs Deutschlands widerspricht. Die Chance, das sie ihre Auffassung in praktische Politik umsetzen kann, tendiert gegen Null. Auch bei den kommenden Wahlen wird sich hieran kaum etwas ändern. Das Allparteien-Kartell, gestützt von der Exekutivmacht und dem privat-öffentlichen Propaganda-Apparat werden es zu verhindern suchen.Hierbei zeigen die 30-Prozent-Wahlerfolge der AfD in Sachsen und in Thüringen, dass diese für das Establishment ohne weiteres verkraftbar sind. Die Parteien des Kartells können sich hierbei auf eine Rechtsprechung stützen, die einen der angeblich unantastbaren Grundpfeiler der freiheitlichen demokratischen Grundordnung bereits abgebrochen hat, nämlich den der Ausübung der gesetzlich garantierten Opposition.

      Zu den Besonderheiten des propagandistischen Kampfes gegen die AfD gehört die gezielte Falschbehauptung, die CDU sei eine konservativ-bürgerliche Kraft, so dass nach wie vor zahlreiche Wähler, die hoffen, dem linken Weltrettungswahn gegensteuern zu können, CDU wählen. Auch die Behauptungen in den sog. alternativen Medien, in Sachsen und Thüringen hätten die Wähler mit Zweidrittelmehrheit für ein konservativ-bürgerliches Lager gestimmt, sind inhaltlich falsch. Vielmehr ist es so, dass ebendiese alternativen Medien daran beteiligt waren, die Wähler im Sinne des CDU-Machterhalts bzw. Erwerbs zu täuschen. Die Betroffenen werden das nicht gerne hören, aber bevor dieselben sich nicht vom oben schon erörterten Wahn der US-Bündnistreue lösen, wird sich nichts ändern.

      cc) Das BSW. Es liegen nach den Wahlen im September 2024in Brandenburg, Sachsen und Thüringen nunmehr erste praktische Erfahrungen mit dem BSW vor. In allen 3 Bundesländern wird das BSW nach der Marginalisierung von FDP, Grünen und Linken zur Mehrheitsbeschaffung benötigt, wenn man die AfD weiterhin politisch außenvorhalten will. Hierbei zeigt es sich, dass die zentrale Wahlaussage des BSW, nämlich kriegerische Handlungen mit Blick auf Russland zu unterlassen und nach einem friedlichen Ausgleich zu suchen, gleich nach dem Wahlausgang auf der Ebene der Länder unter die Räder gekommen ist. Es muss sich erst noch zeigen, ob es der Bundesspitze des BSW gelingt, die Landesverbände an die Kandare zu nehmen. Gelingt das nicht, kann das BSW seine Chancen auf Bundesebene begraben. Es ist daher damit zu rechnen, dass vor allem CDU und BSW durch tolldreiste Friedensfloskeln versuchen werden, die offensichtlichen Gegensätze in Richtung Russland zu verkleistern.

      Eine Friedens-Demo am 3. Oktober 2024 im Tiergarten zu Berlin brachte angeblich 40.000 Männer und Frauen auf die Beine. Selbst wenn es nur die Hälfte gewesen sein sollte, war es ein seltsames Mixtum aus kommunistischen Machtpolitikern des BSW und ehemaligen Grundsatz-Pazifisten. Ohne Sahra W., das Zugpferd, wären es vielleicht 400 gewesen. Man stelle sich vor, auch die AfD hätte aufgerufen, dann wäre wenigstens der linke Gewalttäter-Mob auf der Straße gewesen. Doch es blieb friedlich und die AfD fern.

(3) Die politische Lage bei der Kriegspartei Ukraine

Der Führer der Ukraine ist seit Mai 2024 nicht mehr als gewählter Präsident im Amt, denn seine Amtszeit ist abgelaufen. Wohlmeinende retten sich und ihn mit dem Scheinargument, dass auch die Abgeordneten des Parlaments, der Zentralrada in Kiew, sich wg. der Kriegszeiten nicht erneut dem Wähler stellen müssten. Nur hat das eine mit dem anderen nichts zu tun, denn der Präsident der Ukraine wird vom Volk direkt und nicht von der Rada gewählt.

      In der Zeit seit dem Nato-Gipfel in Washinton war Selenskyj an etlichen Treffen der Nato, der EU und anderer europäischer Gremien persönlich beteiligt. Lediglich zum Treffen von US-Präsident Biden mit Scholz, Starmer und Macron in Berlin war er nicht zugelassen. Er hielt sich zu dieser Zeit im nahegelegenen Holland auf, um für seinen Siegesplan zu werben, den er bereits wenige Tage zuvor dem Bundeskanzler unter vier Augen erläutert hatte.

      Die offizielle Vorstellung des Siegesplans erfolgte dann wenige Tage später, am 16. Oktober 2024, vor der Rada in Kiew. Um nicht missverstanden zu werden: Dieses ist expressis verbis ein Sieges- und keineswegs ein Friedensplan. Er soll mit einer zweiten sog. Friedenskonferenz westlicher Partner durchgesetzt werden. Von den Russen ist nicht weiter die Rede. Halten wir das im Hinterkopf, bevor wir betrachten, was angestrebt wird: a) Der Krieg wird 2025 (siegreich) zu Ende gehen. b) Der Waffen- und Finanznachschub aus dem Westen wird gesichert. c) Im Gegenzug werden Rohstoffvorkommen und Industrieanlagen in einem geheim gehaltenen Unterplan verwertet, auf gut deutsch: verpfändet oder verhökert. d) Der für wahrscheinlich gehaltene Abzug der US-Amerikaner aus Europa wird dadurch kompensiert, dass ukrainische Truppen in deren Positionen einrücken (jaja, ganz richtig gelesen).

      Es fällt nicht leicht, die Vorschläge Selenskyjs ernst zu nehmen. Sie klingen so, als würde hier ein strahlender militärischer Sieger Brosamen an die Alliierten verteilen, indem er ihnen Bodenschätze und militärische Hilfe anbietet. Die Ukrainer als Schutztruppen im westlichen Europa? Das klingt wie ein schlechter Scherz, zumal es eine ernst zu nehmende ukrainische Armee derzeit nicht mehr gibt. Wovon also redet dieser Mann? Er versucht verzweifelt nach einer Möglichkeit, die europäischen Nato-Staaten in den Krieg mit Russland auf Teufel komm raus hineinzuziehen, und das ist nicht gerade neu. Bei Lichte betrachtet haben die Ukrainer nichts anzubieten. Die militärische Lage, auf die ich sogleich zu sprechen kommen werde, lässt das nicht zu.

(4) Die politische Lage der Kriegspartei Russland

Die politische Führung in Russland ist – entgegen immer wieder aufkommender Gerüchte in den westlichen Medien – unangefochten und stabil. Allen westlichen Verhandlungsaufwallungen zum Trotz vertritt eine Phalanx russischer Spitzenfunktionäre, dass es angesichts der Kriegslage nichts zu verhandeln gäbe. Ihre Kriegsziele stünden fest und würden derzeit erreicht: Inkorporierung der vier ex-ukrainischen Oblaste von Donjezk, Lugansk, Cherson und Saporoshje, die Entmilitarisierung, Entnazifizierung und Nato-Freiheit der Rest-Ukraine.

      Im Westen scheeläugig betrachtet, treiben die BRICS-Staaten, im Herbst im russischen Kasan versammelt, ihre wirtschaftlichen und finanzpolitischen Vereinbarungen voran. Die Zahl der Staaten die diesmal als Beobachter oder Anwärter anwesend waren, ist Ausweis dafür, wie weit inzwischen die Attraktivität dieses System der Entdollarisierung fortgeschritten ist. Wichtig für den neu auflebenden Ost-West-Konflikt: Das Aufnahmegesuch der Türkei wurde nicht angenommen, das finanzpolitisch bedeutsame Saudi-Arabien beschränkte sich auf eine Beobachterrolle. Wichtig für den Ukraine-Konflikt: Der Krieg wurde als eine russische Angelegenheit bezeichnet.

Zweiter Teil: Die Militärische Lage und die Manöver der Geheimdienste

(1) Die Lage im Frontbogen

Es haben sich, wenn man sich erst einmal an das stete langsame Vorrücken der russischen Armee in Richtung Dnjepr gewöhnt hat, keine neuen Besonderheiten ergeben. Die Taktik des Vorgehens bleibt stets dieselbe: Befestigte Plätze werden seitlich umgangen. Dies ist deswegen möglich, weil die ukrainische Armee nicht mehr genügend viele Truppen für den Aufbau einer durchgehenden Frontlinie à la Erster Weltkrieg besitzt. Die Feuerüberlegenheit der russischen Armee ist erdrückend, so dass die in den festen Plätzen konzentrierten ukrainischen Verbände und Einheiten von drei Seiten aus zusammengeschossen werden können. Entsprechend hoch sind die Verluste, die – übereinstimmend nach russischen und ukrainischen Angaben – nicht mehr durch Ersatz ausgeglichen werden können.

      Die russischen Angriffsbewegungen konzentrieren sich auf das vollständige Besetzen der vier für Russland reklamierten Oblaste. Andere großangelegte Offensivabsichten sind nach wie vor nicht zu erkennen.

(2) Die Lage im Sack von Kursk

Am Sonntag, dem 4. August 2024, brach, für die russische Seite offenbar überraschend, eine starke ukrainische Militärkolonne über die russische Grenze hinweg in Richtung Kursk durch. In den darauf folgenden Tagen wurde die Einbruchstelle auf mehrere Kilometer Breite und Tiefe ausgedehnt. Kursk, die Hauptstadt des betreffenden, gleichnamigen Oblasts wurde nicht annähernd erreicht – auch nicht auf Artillerieschussweite –, obwohl die verbreiteten Siegesmeldungen zunächst anders klangen. Bereits Mitte August 2024 wurden die Einbruchsstellen abgeriegelt. Die Kämpfe dort dauern bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt (Anfang November 2024) an.

      Über den Sinn der ukrainischen Kursk-Kampagne ist alsbald mit Erbitterung gestritten worden, vor allem auf der ukrainischen Seite und bei ihren westlichen Verbündeten, nachdem die erste Euphorie eines scheinbaren großen Sieges abgeklungen war. Der ukrainische Präsident sprach von einem Faustfand, das man in Händen halte, um die Russen im Falle von Friedensverhandlungen im Wege des Tausches zum Rückzug aus den besetzten Gebieten veranlassen zu können.

      Dieses Argument klang in dem Maße ab, wie es den Russen gelang, die eingedrungenen Verbände einzuschnüren und wie auf dem Manöverschießplatz Fahrzeug um Fahrzeug, Mann um Mann zu vernichten. Bilder, die aus diesem Kampfabschnitt an die Öffentlichkeit drangen, ließen keinen Zweifel aufkommen, mit welcher brutalen Konsequenz die Russen vorgingen. Kritiker aus den Reihen des höheren ukrainischen Offizierskorps monierten bald öffentlich, dass die Führung hier die letzten funktionstüchtigen Reserven verheizt habe, die nun an der Haupt-Verteidigungsfront im Donbass an allen Ecken und Enden fehlen würden.

      Dieser Kritik schlossen sich auch bald die westlichen Unterstützer, vor allem aus Großbritannien und den USA, an. Es wurde hinzugefügt, man sei von der ukrainischen Offensive vollkommen überrascht worden. Diese Stellungnahmen begegnen Glaubwürdigkeits-Bedenken. Diese verstärkten sich bis zur Überzeugung vom Gegenteil, nachdem am 2. Oktober 2024 Berichte von der Vorplanung der Kursk-Kampagne in die westliche Öffentlichkeit drangen. Hiernach wäre es so gewesen, dass im Februar 2024 im Atlantic Council die Idee des Einbruchs nach Russland entwickelt worden sei, weil die beteiligten Experten, einschließlich von zwei Ex-US-Botschaftern aus Moskau und Kiew, der Überzeugung Ausdruck verliehen hätten, ein plötzlicher Überfall in Richtung Kursk unter Einschluss eines Angriffs auf das dortige Atomkraftwerk werde die Herrschaft Putins zum Einsturz bringen.   Vorausgesetzt, dass diese Meldungen stimmen, lässt sich sagen, dass Prognosen dieser Art auf Wunschdenken beruhten, denn nach meiner Einschätzung bewirkte das Eindringen auf russisches Territorium beim russischen Volk das genaue Gegenteil des Gewünschten, nämlich eine engere Anlehnung an die Kriegführung des russischen Präsidenten. Ich halte zwar nicht viel von Spekulationen über die russische Seele, aber wenn sie überhaupt je sichtbar wird, dann in Fällen wo das russische Vaterland in Gefahr zu geraten droht. Ein Blick auf die Jahre 1941 ff. sollte Neugierigen zu denken geben.

(3) Der Kampf in der Tiefe des Raumes

Nach wie vor richten sich Luftangriffe beider Kriegsparteien (Raketen, Drohnen und zusätzlich auf russischer Seite Gleitbomben) gegen Einrichtungen der Energieversorgung und der Flug- und Raketenabwehr. Über die Ergebnisse lässt sich kaum etwas Verlässliches sagen. Unbestätigtem Vernehmen nach soll es in den Großstädten Charkow und Kiew zu Rationierung von Strom und Wasser gekommen sein.

       Nach ukrainischen offiziellen Angaben gegenüber der EU und den Nato-Staaten sei die Versorgung der gesamten restlichen Ukraine mit Elektrizität äußerst prekär. Hinzu kommt, dass Russland angekündigt hat, die immer noch bestehenden Lieferverträge für Erdgas über das Territorium der Ukraine, die zum Jahrsende vertragsgemäß ausläuft, nicht zu verlängern.

      Das seit Kriegsbeginn im Frühjahr 2022 von russische Sicherheitskräften besetzte Kernkraftwerk Saporoshje, das von der russischen Rosatom betrieben wurde, ist seit geraumer Zeit heruntergefahren, weil es in unregelmäßigen Abständen beschossen wird. Beide Seiten bezichtigen einander hierfür der Täterschaft. Am 10. August 2024 haben zwei Drohnen eine der Kühlanlagen getroffen und schwer beschädigt, so dass ein Brand ausgebrochen ist. Die Lage des Kraftwerks wird zunehmend heikel. Von beiden Seiten, die wie üblich auf einander zeigen, kommt nach meiner Beurteilung nur das Regime in Kiew in Betracht.

      Ähnliches lässt sich für das russische Kernkraftwerk von Kursk feststellen. Einige Kommentatoren behaupten, die Zerstörung des Kraftwerks sei das eigentliche Ziel der ukrainischen Offensive Richtung Kursk gewesen, um durch Erzeugung einer Großkatastrophe die russische Seite friedenswillig zu machen. Die im russischen Fernsehen vorgeführten ukrainischen Kriegsgefangenen, die berichten, einen entsprechenden Sabotageauftrag erhalten zu haben, erwecken Zweifel.

Zweifel wecken auch die Meldungen im Oktober 2024 über angebliche Geheimgespräche zwischen beiden Seiten, die mit dem Ziel geführt würden, die Anlagen der Energieversorgung wechselseitig zu schonen. Die russische Seite widersprach unverzüglich, etwas später auch der ukrainische Verteidigungsminister.

(4) Geheimdienstaktionen

Der Angriff auf die deutsch-russische Gaspipelines Nord Stream 1 und 2 in der Ostsee im September 2022 wurde von mir und einigen anderen unverzüglich als US-amerikanische Sabotageaktion eingeschätzt. Dem hat im Laufe das Jahres 2023 Mainstream mit einer märchenhaften Geschichte von einem aus dem Ruder gelaufenen ukrainischen Sabotagekommando, das die Tat von Bord einer Segelyacht namens Andromeda ausgeführt habe, widersprochen. Diese Annahme ist fachlich so blödsinnig, dass es nicht lohnt, darauf einzugehen.

      In diesen Zusammenhang passt die Verlautbarung des CDU-Bundestagsabgeordneten Oberst a.D. Kiesewetter, der so zitiert wurde, dass – selbst wenn die Sabotagetat eine solche der Ukraine gewesen sein sollte – dies im Interesse Deutschlands geschehen sei. Der Mann ist zuvor bereits mehrfach mit der Forderung in Erscheinung getreten, die aus Deutschland zu liefernden Taurus-Marschflugkörper für den Einsatz im Inneren Russlands freizugeben. Mir liegt ein Schreiben deutscher Generalstäbler vor, die den Ex-Kameraden auffordern, auf den Boden der Realität zurückzukehren. Dem ist nicht viel hinzuzufügen.

      Zurück zu Nord Stream: Mitte Oktober 2024 ist die US-amerikanische Täterschaft durch ein weiteres Detail bestätigt worden. Der bislang zum Schweigen veranlasste Hafenmeister von Christiansø – vor Bornholm gelegen –, John Anker Nielsen, sprach nunmehr öffentlich aus, was er aus eigenem Erleben weiß, dass nämlich das US-amerikanische Sabotageschiff USS Kearsarge kurz vor den Explosionen vor Ort war, wo es seine Navigationseinrichtungen abschaltete, und dass zudem US-amerikanische Seestreitkräfte den Dänen mit Gewaltandrohung vom späteren Tatort verscheuchten. Die Kearsarge ist eine schwimmende Sabotagefestung, bestückt mit Flugzeugen und unbemannten U-Booten. Sie hatte vor dem Einsatz am 17. September 2022 in Gdynia (Gdingen) in Polen festgemacht. Empfehle den US-deutschen Märchenerzählern von der ukrainischen Segelyacht, welche angeblich den Angriff fuhr, mal einen Blick auf diesen Koloss aus Stahl zu werfen, damit sie eine Ahnung von der Kriegs-Realität des US-Angriffs auf das deutsch-russische Energie-Projekt bekommen.

Schluss: Die AussichtenDie sog. Experten streiten zur Zeit, wie sich der Wahlsieg von Trump auf den Ukraine-Krieg auswirken werde. Ich halte all diese gelehrten Prognosen für Kaffeesatzleserei. Wir werden abwarten müssen. Nur eine Sache erscheint mir realistisch: Die Atlantiker bei uns müssen sich schleunigst neu ausrichten, sonst stehen sie plötzlich ohne Hintermann mit beiden Beinen in einem Krieg gegen Russland, den Deutschland nicht gewinnen kann.
©Helmut Roewer, November 2024

Sumenson

Ein Zwinkern der Weltgeschichte, oder: ohne Moos nix los – Eugenia Sumenson und des Kaisers Millionen

Stellen Sie sich vor, es hätte diese Frau nicht gegeben, die Oktoberrevolution 1917 hätte nicht stattgefunden.  Stimmt nicht? Na ja, aber lesen Sie selbst.

Eins

Menschenjagd

Dieses ist die Geschichte einer Menschenjagd. Doch keine Angst, alle Beteiligten sind längst tot, und der Jäger bin ich, der Autor. Die Jagd gilt Eugenia Sumenson. Sie war in den Jahren 1916/17 die finanzielle Drehscheibe für die an die Macht strebenden Bolschewiki in Russland. Den Grund für meinen Jagdeifer vermag ich ohne Mühe zu nennen: Diese Frau war in einem komplexen System der Heimlichkeit tätig, um das Gold des Kaisers, wie man damals sagte, in die Münze der Revolution umzurubeln. Oder, weniger poetisch: Sie betrieb die einschlägige Geldwaschanlage, auf die ich gleich zu sprechen kommen werde.

       Bei meinen ersten Recherchen zu dem Komplex der deutschen Finanzierung der Oktoberrevolution 1917 stieß ich vor rund 20 Jahren auf die üblichen Schwierigkeiten. Eine nicht gerade üppige Faktenlage wurde seit den 1950er Jahren von einem Forscher zum anderen weitergereicht. Neues und Tiefbohrungen blieben aus. Man kann das verstehen, denn ausgesprochen erschwerend war der Umstand, dass die Täter beider beteiligten Seiten kein Interesse daran hatten, das eigene fragwürdige Tun bei diesen Weltereignissen klarzustellen:

       Die deutschen Verursacher mauerten nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, da niemand in der Installierung des Sowjetregimes eine Ruhmestat erkennen mochte. Über das Schweigen der sowjetischen Seite muss man nicht lange räsonieren. Wer gibt schon gerne zu, dass er auf fremde Kosten unterwegs war, und ohne diesen Sponsor nichts gelaufen wäre.

Zwei

Die deutschen Hintermänner

Die Frage Wer-war-das? stellt sich jedem, der nicht daran glaubt, dass Geschichte sich nach den Marx’schen Determinanten abspielt, sondern für unumstößlich hält, dass es ganz normale Menschen sind, die das verursacht haben, was wir in der Rückschau einen historischen Augenblick nennen.

       Ich konzentrierte mich seinerzeit auf die deutschen Verursacher des russischen Desasters, denn als ein solches sehe ich noch heute die einschlägigen revolutionären Ereignisse in Russland an. Es waren zu meiner Verblüffung nicht irgend welche Geheimdienst-Finsterlinge, sondern ein knappes Dutzend hochrangiger kaiserlich deutscher Beamter aus dem Auswärtigen Amt und drei Gesandtschaften, nämlich denen aus Bern, Stockholm und Kopenhagen. Was sie erdachten, war der Systemsturz in Russland, um diesen Staat aus der Phalanx der Feindstaaten des Ersten Weltkriegs herauszubrechen – und zwar durch Anzetteln einer Revolution zugunsten einer zum Frieden bereiten sozialistischen Regierung.

       Diese für die stockkonservativen Würdenträger einer Monarchie, wie den Diplomaten Ulrich Graf Brockdorff Rantzau, nicht gerade auf der Hand liegenden Gedanken waren der Erkenntnis geschuldet, dass bereits im September 1914, nach nur fünf Wochen der Kriegführung, der für wunderbar gehaltene deutsche Schlieffen-Plan für eine Zweifronten-Kriegführung gescheitert war: Die Franzosen waren nicht in einem Blitzfeldzug niedergeworfen worden, und die russische Armee war überraschend rasch über die deutsche Ostgrenze vorgerückt. Der Krieg war demnach mit militärischen Mitteln nicht mehr zu gewinnen.

       Genau diese Erkenntnis zwang zu Überlegungen, die Feinde auf andere Weise unschädlich zu machen. Im Falle Russlands sollte das durch Revolutionierung im Innern und durch Aufwiegelung von dessen Randstaaten gegen die Zentralmacht geschehen. Ab Dezember 1914 konzentrierten sich die einschlägigen Bemühungen auf den Bolschewiki-Führer Wladimir Uljanow (Lenin), der in der Schweiz im Exil saß. Er war der einzige russische Revolutionär von Gewicht, der den sofortigen Kriegsausstieg propagierte.

       Alsbald war den Beteiligten klar, dass es auf Heimlichkeit und finanzielle Unterstützung ankam. Diese Erkenntnis bestimmte das praktische Tun. Eine Handvoll von dubiosen Leuten wurde als Handlanger unter Vertrag genommen.

Drei

Die russischen Hinterleute

Es ist eine eher theoretische Erwägung, welche der in einem mehrgliedrigen Revolutionierungs-Geschehen Beteiligten nun deutsche Agenten waren, und welche nicht. Hierüber ist viel gestritten worden. Für die russische Führung im Sommer des Jahres 1917 war es noch sonnenklar, dass Lenin & Co, die am deutschen Geldtropf hingen, feindliche, also deutsche Agenten seien.

       Die Prokuratur (= Staatsanwaltschaft) in Petrograd eröffnete im Zusammenwirken mit der militärischen Spionageabwehr im Juli 1917 ein Strafverfahren wegen Hochverrats (Zusammenarbeit mit dem Feinde) gegen diejenigen Bolschewiki, die nach ihrer Ansicht am deutschen finanziellen Gängelband liefen, allen voran Wladimir Uljanow, genannt Lenin, der sich dank deutscher Fahrkarte seit April 1917 wieder in der russischen Hauptstadt aufhielt, und Eugenia Sumenson, welche die Schatulle mit dem deutschen Geld unter ihrer Kontrolle hatte. Lenin gelang es unterzutauchen, Sumenson kam in Untersuchungshaft.

       Aus den Haftunterlagen sind wir insofern über das Geschehen unterrichtet, als es die Staatsanwaltschaft aus propagandistischen Gründen für richtig hielt, die Ermittlungsergebnisse noch vor Anklageerhebung zur Presse durchzustechen. Auf der Suche nach den einschlägigen Tageszeitungen wird man mit etwas Glück noch heute fündig, denn – ich sagte es bereits – die Bolschewiki, kaum an der Macht, hatten nichts dringlicheres zu tun, als möglichst alle Spuren des deutschen Geldes zu verwischen. Das gilt selbstredend und in erster Linie für die Akten. Die eine oder andere Zeitung hat die Geschichtsbereinigung überdauert. So die Zeitung Lebendiges Wort (Живое слово) vom 5. (18.) Juni 1017. Dort lautete die knallige Überschrift eines Artikels, der vermeintlich von einem ehemaligen zaristischen Häftling, in Wirklichkeit jedoch vom russischen Justizministerium geschrieben worden war: „Lenin, Ganezkij und Co sind Spione!“

       Wir behalten diesen Artikel und einen weiteren vom 9. (22.) Juli 1917 „Die Anklage des Verrats gegen Lenin, Sinowjew und andere“ im Auge, denn sie werden uns dazu dienen, wichtige Details aus dem Leben der Heldin der vor dem Leser liegenden Geschichte zu erfahren, von Eugenia Sumenson.

Vier

Die Geldwasch-Anlage      

Das Problem der deutschen Reichsleitung und der von ihr gesponserten bolschewistischen Revolutionäre war der Geld-Transfer. Es mussten Goldmark nicht nur nach Russland geschafft, sondern zugleich in Rubel gewechselt werden. Nach Anlaufschwierigkeiten wurden zwei Tarnfirmen installiert, mit deren Hilfe das Allfällige organisiert wurde.

       Auf deutscher Seite handelte es sich um die in Kopenhagen, später in Stockholm angesiedelte Handels- og Exportkompagniet. Sie stand unter der Leitung des ehemaligen russisch-deutschen Sozialisten und Abenteurers Alexander Helphand, Deckname: Parvus. Auf der russischen Seite wurde in Petrograd (= St. Petersburg/Leningrad) die ursprünglich in Warschau ansässige Handelsgesellschaft Fabian Klingsland S/A tätig. Diese zwei Firmen führten dann tatsächlich den zwischen Deutschland und Russland beiderseits strikt verbotenen Handel mit raren Waren durch: Aus Deutschland kamen bevorzugt Medikamente, aus Russland Gummi. Beide Firmen nutzten zur Geschäftsabwicklung Konten bei der Nya-Bank in Stockholm.

       Die Firma Fabian Klingsland unterhielt in Petrograd auch ein Apothekenlager. Medizin-Produkte waren in Russland tatsächlich rar, und wohlhabende Russen waren gewillt, nahezu beliebige Preise zu zahlen. Die Gewinnspanne bei Klingsland war entsprechend hoch, sodass beträchtliche Überschüsse erwirtschaftet wurden und für die Zwecke der Bolschewiki zur Verfügung standen. Diese Gewinne hatten den Charme, dass man ihnen nicht ansah, dass ihr Ursprung das deutsche Sponsoring war.

       Wie sich später herausstellen sollte, war diese Art der Tarnung vortrefflich gelungen, denn sie war geeignet, die Herkunft der Gelder unaufklärbar zu verschleiern. Ein hieb- und stichfester Nachweis, dass es sich hier um zweckgebundene Revolutionierungs-Subventionen handelte, scheint jedenfalls im Sommer 1917, in der kurzen Phase der Ermittlungen, nicht gelungen zu sein. Noch heute beruft sich in Russland und in Deutschland alles, was links und edel ist, auf dieses Defizit. Als ob es darauf ankäme.

       Geht man hingegen den Dingen von der anderen Seite nach, also von der Geldquelle, oder noch genauer: der deutschen Staatskasse, so kommen Zahlungen in Höhe von etlichen Millionen Goldmark ans Licht. Die Akten des Auswärtigen Amtes lassen wenig Spielraum. Sie wurden durch Aussagen des sozialistischen Abgeordneten Eduard Bernstein ergänzt, der den strikt geheim gehaltenen Fundus bald nach Kriegsende 1918/19 kontrollierte, zu einer Zeit also, als noch nicht die spätere Bereinigungen durch die westalliierten Sieger des Zweiten Weltkriegs für eine Ausdünnung des Akten-Bestandes gesorgt hatte.

Fünf

Die Geld-Wäscherin

Nun sind wir nach diesen scheinbaren Umwegen bei der Hauptperson angekommen. Eugenia Sumenson wurde etwa 1880 im Russischen Reich geboren, höchstwahrscheinlich in Warschau. Damit sind wir bereits am Ende der harten Fakten angelangt. Schon die Namensschreibung dieser Frau ist unsicher. Manche schreiben die russische Namensversion Jewgenija Mawrikijewna Sumenson (Евгения Маврикиевна Суменсон), den Nachnamen zuweilen auch mit dem runden S, also Зуменсон, und schließlich auch Samuelson (Самуелсон). Dieser letztere, ein jüdisch klingender Name ist vermutlich der Geburtsname, während Sumenson der finnisch oder schwedisch klingende Ehename ist, was mit ihrer Eigenangabe nach der Festnahme insofern zusammenpasst, als sie angab, sie sei eine Witwe, zudem lutherischen Glaubens, was sie ursprünglich kaum gewesen sein dürfte. Aus ihrer Vernehmung durch die Staatsanwälte in Petrograd stammen die am wenigsten ungenauen Angaben über ihr Leben:

Jewgenija Mawrikijewna Sumenson, eine bürgerliche Frau in Warschau, 37 Jahre alt, eine lutherische Frau, eine Witwe, ich habe keine Kinder, ich habe keine Immobilien, ich war nicht vor Gericht, absolvierte das Warschauer Frauengymnasium, lebte dauerhaft in Warschau und ungefähr einen Monat vor der Eroberung Warschaus zog ich nach Petrograd.

Zugegeben, der Stil ist gewöhnungsbedürftig. Der Text deutet darauf hin, dass hier von eiliger Hand einiges zu Veröffentlichungszwecken zusammengeschustert worden ist.

Es geht im Weiteren um die Firma Fabian Klingsland, deren Angestellte die Sumenson war. Lange habe ich angenommen, es sei eine Scheinfirma gewesen. Doch das ist falsch. Es gab diese Firma tatsächlich und ihr Inhaber war kein Phantom, sondern ein wohlhabender jüdischer Kaufmann in Warschau, dessen Grab heute noch existiert. Ich bin durch puren Zufall auf die Einzelheiten gestoßen, nämlich bei einem Besuch des Impressionisten-Museums von Rouen. Das liegt in Nordfrankreich. Ich gebe zu, dass ich meinen Augen nicht traute, als ich in einem Katalog den Namen Fabian Klingsland fand und auch noch ein Foto dazu, das den Mann mit zweien seiner Töchter zeigt, aufgenommen vor dem Ersten Weltkrieg. Der Grund für die Abbildung war nicht dieser Mann, sondern eine der Töchter, die sich als Malerin Meta Muter nannte.

       Kurzum, so konnte ich mich, wie man so sagt, weiterhangeln und stieß dabei auf folgende bezeichnende Einzelheiten:  Klingsland war ein Warschauer Händler, der ein Vermögen mit dem Import von Babynahrung der schweizerischen Firma Nestlé gemacht hatte. Eine seiner Töchter, gewiss eine gute Partie, heiratete in eine andere wohlhabende jüdische Familie in Warschau ein, die Fürstenbergs. Heinrich Fürstenberg, der Schwiegersohn von Klingsland, wurde, auch nichts Sensationelles, Teilhaber des Alten.

       Jetzt muss der Leser ein bisschen Luft holen, um den Faden nicht zu verlieren: Heinrich Fürstenberg hatte einen Bruder namens Jakob, der selbstredend auch Fürstenberg hieß, jedoch irgendwann nach der Jahrhundertwende vermied Jakob, der Revoluzzer, seinen richtigen Namen. Er nannte sich fortan Jakub Ganezkij. Oder, je nach geforderter ortsüblicher Schreibweise: Ganetzki, Ganetsky, Hanecki oder was es sonst noch für Varianten geben mag. Wir bevorzugen hier die russische, also Jakub Ganezkij (Яакуб Ганецкнй).

       Ganezkij hatte frühzeitig einen engen politischen Kumpel. Das war Wladimir Uljanow, ein politischer Außenseiter und Spross aus dem russischen Dienstadel, der sich als quasi-anonymer Autor seit etwa 1901 N. Lenin nannte. Ganezkij wurde einer seiner engsten Vertrauten. Die Verbindung hielt bis zu dessen Machtergreifung und darüber hinaus. Immer wenn es etwas zu deichseln gab, womit der Meister sich nicht kompromittieren mochte, dann musste Ganezkij ran. Das galt besonders für die Zeit der Geldsorgen, als Lenin ab Kriegsbeginn bis zum April 1917 relativ verbindungslos und nahezu bedeutungslos im schweizerischen Exil saß oder, wenn man so will: festsaß.

       Jetzt kam Ganezkijs große Stunde. Er kannte den bei Kriegsbeginn aus der Türkei nach Deutschland zurückgekehrten Alexander Helphand. Der Leser erinnert sich: Das ist der, der dem Auswärtigen Amt versprochen hatte, die Revolutionierung Russlands mit deutschem Geld voranzutreiben. Er hatte deswegen Tarnfirmen in Kopenhagen und Stockholm gegründet. Jetzt fehlte nur noch das korrespondierende Spundloch nach Russland hinein.

       Wer genau wem die zündende Idee eingeblasen hat, ist nicht überliefert. Einer von beiden, Helphand oder Ganezkij, muss es gewesen sein. Sie erörterten, wie es wohl gehen müsste, das Geld zu transferieren (und dabei selbst nicht zu kurz zu kommen). Ganezkijs Bruder, Heinrich Fürstenberg, war, wie wir schon sahen, Teilhaber einer real existierenden, eingespielten Importfirma. Der hatte der Ausbruch des Ersten Weltkriegs einen Strich durch ihren lukrativen Rechnungen gemacht, denn die Grenzen zwischen dem Zarenreich und den Mittelmächten Deutschland und Österreich-Ungarn waren für Normalsterbliche unpassierbar geworden. Mit dem Import aus der Schweiz war also Schluss. Man müsste, so sinnierten beide, die Firma in die russische Hauptstadt verlegen, denn in Warschau würden in absehbarer Zeit die Deutschen einmarschieren.

       Aber das Firmenschild in Warschau abschrauben und in St. Petersburg-Petrograd wieder anbringen, das würde nicht ohne weiteres gehen. Da würde die Polizei ein Wort mitreden und kein gutes, denn in der russischen Hauptstadt bestand seit Jahren ein kompromissloses Zuzugsverbot für Juden. Nicht nur meinte die Obrigkeit, dass es bereits übergenug viele Juden dort gäbe, auch war sie überzeugt, dass aus diesem Personenkreis das Gros der zur Gewalt neigenden Revolutionäre hervorgegangen sei. Inwieweit dieses Vorurteil auf bestimmten Erfahrungen beruhte, lasse ich hier mal dahingestellt.

       Wie dem auch sei: Ganezkij wusste Rat. In der Firma Klingsland in Warschau arbeitete seit Jahren eine junge Witwe, eine Cousine übrigens. Sie war dort als Fremdsprachen-Korrespondentin angestellt, hatte keine Kinder und war bestens geeignet, Knall auf Fall nach Petrograd umzuziehen. Für sie galt das lästige Zuzugsvorbot nicht, denn sie war – wie ich annehme: seit ihrer Heirat mit Sumenson – eine Protestantin. Ob sie bei solcher Gelegenheit getauft wurde, weiß ich nicht, möglich wäre es.

Sechs

Der Plan wird Wirklichkeit

Die heimlichen Verbündeten ließen keine Zeit unnütz vergehen. Einen Monat vor dem deutschen Einmarsch in Warschau, man schrieb den 5. August 1915, zog Eugenia Sumenson von Warschau nach Petrograd. Sie residierte fortan in einer Datscha in Pawlowsk, eine knappe Eisenbahnstunde von der City von Petrograd entfernt, wo sie zusätzlich eine 4-Zimmer-Wohnung anmietete. Damit war der erste wichtige Schritt getan. Weitere folgten. So das Treffen aller Beteiligten in Kopenhagen 1916. Am Tisch saßen die für den Deal notwendigen Personen, und nur diese: die beiden Fürstenbergs, einer, Heinrich, war der Firmenmiteigentümer von Fabian Klingsland, der andere (Jakub Ganezkij-Fürstenberg) der Emissär Lenins. Mit von der Partie auch der Agent der deutschen Reichsleitung Alexander Helphand sowie die künftige Operateurin der Gelddrehscheibe in Petrograd, Eugenia Sumenson, und schließlich Lenins Geld-Entgegennehmer und -Weiterverteiler in Petrograd, der polnische, in der russischen Hauptstadt zugelassene Rechtsanwalt, Mieczyslaw Koslowski. Es gab also fünf Personen, die Bescheid wusste, genau fünf und nur diese.

       Wie gut diese Geldbeschaffungsmaschine funktionierte, lässt sich am Umstand ablesen, dass eine Druckerei gekauft und fortan bolschewistisches Propagandamaterial in Russland, vor allem in seiner tonangebender Hauptstadt in Hülle und Fülle gedruckt und verteilt werden konnte. Über die Wichtigkeit und den Einfluss der zersetzenden bolschewistischen Propaganda sollte man wenig Zweifel haben.

       Auch die siegreichen Bolschewiki wussten das, und sie wurden nicht müde, in ihren Heldensagen die Geschichte der Prawda (Правда) zu erzählen. Ein bisschen schlechtes Gewissen hatten sie hierbei schon, denn sie sahen sich veranlasst, über die Herkunft der Druck- und Verteilungskosten ungefragt Auskunft zu geben. Es seien Parteispenden der werktätigen Massen gewesen. Sie vertrauten bei diesem Märchen darauf, dass sich niemand daran erinnern würde, dass es diese Arbeitermassen hinter den Bolschewiki nicht gab, denn diese waren kraft eigener Überzeugung keine Massenpartei à la deutscher Sozialdemokratie, sondern eine elitäre Gruppe von Berufsrevolutionären. Das waren sie wirklich. Alles andere ist Unsinn.

Sieben

Aus der Traum

Im Juli 1917 kippte die Geldwaschanlage auf. Stellt sich die Frage, warum und warum nicht früher. Ich kann hierzu nur Vermutungen äußern, die sich auf einige dürftige Quellen von Überlebenden stützen.

       Die Auslandsabteilung der russischen Geheimpolizei (Ochrana – Охрана) hatte keine Illusionen, was die Gefährlichkeit des im schweizerischen Exil lebenden Lenin betrifft. Sie überwachte ihn, so gut sie vermochte, mit Spitzeln, die über sein woher und wohin regelmäßig berichteten. Doch nach der Februar-Revolution von 1917 war die Messe gelesen. Denn wenn es jemanden gab, der aufgrund dieses Ereignisses um sein Leben fürchten musste, so waren es die Mitarbeiter der russischen Sicherheitsbehörden. Sie flogen Knall auf Fall raus, viele von ihren wurden kurzerhand ermordet und ihre Akten in Petrograd unter dem Applaus des Straßenpublikums in einen Scheiterhaufen verwandelt.

       Ich kann also nicht mit Bestimmtheit sagen, ob man von der Existenz des Geldverschiebebahnhofs bereits 1916 etwas mitgekriegt hatte. In den Überresten des Fahndungsbuchs der Spionageabwehr für das Jahr 1916 habe ich die Verantwortlichen jedenfalls nicht entdecken können. Ich bedaure das auch deswegen, weil ich zu gerne ein Foto der Sumenson in Händen gehalten hätte.

       Der Anstoß, auf die Geldwäscher schließlich aufmerksam zu werden, kam von außen und durch ein äußeres Ereignis. Es handelt sich um Lenins Rückkehr nach Russland, die im April 1917 von der deutschen Reichsleitung organisiert und in die Tat umgesetzt wurde. Dem französischen Auslandsdienst und der Spionageabwehr der russischen Armee schwante bei diesem Ereignis nichts Gutes.

       Die französischen Abhör-Spezialisten, die auch in Petrograd eine heimliche Dependance errichtet hatten, bekamen bei der Gelegenheit einen seltsamen telegraphischen Nachrichten-Verkehr zu fassen, den sie an die (noch) verbündeten Russen durchreichten. Hierbei ging es etwas kryptisch um Anforderungen und Bestätigungen für irgendetwas, auf jeden Fall um einen Informations-Austausch zwischen Ganezkij in Stockholm und Sumenson in Petrograd.

       Die verbliebenen Abwehrleute unter dem russischen Obristen Boris Nikitin hatten bald keinen Zweifel mehr, hier floss Geld, das sodann weitergereicht wurde. Als Spinne im Netz orteten sie zurecht Eugenia Sumenson. Ebenfalls zutreffend stellten sie fest, dass diese in einer Datscha in Pawlowsk hauste oder in der Wohnung des polnischen Rechtsanwalts Koslowski anzutreffen war. Zunächst dachte man sich nur sein Teil und grinste, dann aber sickerte allmähliche der Verdacht in die Hirne der Ermittler, dass dies keine erotische Beziehung sei (oder nicht nur), sondern dass hier revolutionäre Profis mit Geld jonglierten, das dazu diente, Bares an die Genossen weiterverteilen zu können. Allein auf Koslowskis Konto bei der Sibirischen Bank befanden sich zum Zeitpunkt seiner Festnahme über 2.000.000 Rubel.

       Nun wäre immer noch nicht eingeschritten worden, denn die Militärs hatten im revolutionären Russland keine Befugnis dies zu tun und die neu gebildeten Volksmilizen hatten keine Lust dazu. Das änderte sich schlagartig am 3. (15.) Juli 1917 als Lenin seine bewaffneten Kader gegen die Vorläufige Regierung losschlagen ließ. Der Putsch-Versuch scheiterte kläglich. Er bewirkte indessen, dass die Doppelherrschaft aus Vorläufiger Regierung und Arbeiter- und Soldatenräten plötzlich darin einig war, jetzt unnachgiebig gegen die Putschisten vorzugehen.

       Lenin entfloh ohne Bart, dafür mit Perücke und Landarbeiter-Kluft im letzten Moment in die Wälder Finnlands. Die Sumenson hingegen kam zusammen mit einem guten Dutzend Bolschewiken in U-Haft. Dort verblieben sie bis September. Da fand ein weiterer überraschender Putschversuch statt, nämlich der des Generals Kornilow gegen die von der Duma eingerichtete Vorläufige Regierung. Deren Macht zerbröselte zusehends. Als sie gegen den putschenden General Hilfe suchte, fand sie solche bei den zuvor wütend bekämpften Bolschewiki. Eine Hand wäscht die andere: die bis vor Tagen noch mit der Hinrichtung bedrohten Hochverräter kamen Knall auf Fall auf freien Fuß. Von dem für Oktober terminierten Prozess sprach niemand mehr. Oder doch fast niemand.

       Mir ist schleierhaft, wie es die nur noch mühsam strampelnde Vorläufige Regierung angesichts des im Lande und in der Hauptstadt herrschenden Chaos fertigbrachte, eine Dokumenten-Sammlung ihrer Herrschaft edieren und herauszubringen zu lassen. Sie kam, soweit man weiß, bis Band 21, dann blieb ihr nach Lenins November-Putsch (= Oktoberrevolution) nur noch die Flucht. Ich erwähne diese Edition, weil in ihrem 18. Band, von dem ich bislang lediglich Rudimente entdecken konnte, das Vernehmungsprotokoll der Sumenson enthalten sein muss, in dem diese als einzige der Angeklagten eine Aussage zur Sache machte. Sie räumte hierin den Geldtransfer ein. Im Oktober 1917 kam sie dann als letzte der angeklagten Hochverräter gegen Kaution auf freien Fuß.

       Was war nun fürderhin mit den deutschen Zuwendungen? Das im Juli 1917 vorgefundene Geld wurde beschlagnahmt, doch es gelang nicht, den weiteren Geldfluss an die Bolschewiki zu stoppen. Vielmehr hatte Lenins neuer Statthalter in Stockholm, Karl Radek, alsbald andere Kanäle installiert. Das Geld erhielt er jetzt aus der dortigen deutschen Gesandtschaft (von einem gewissen Svenson, Klarname: Hans Steinwachs) und leitete es nach Umtausch in Rubel mit Kurieren über die russische Grenze. Die erneut heimlich und in großer Stückzahl gedruckte Prawda (sie hieß in dieser Zeit: Rabotschij i Soldat – Рабочий и Солдат) erschien wieder wie gehabt, und Anfang November 1917 gelang der nunmehr besser vorbereitete zweite Putsch des Wladimir Lenin. In Sowjet-Russland begann die Neue Zeit.

Acht

Der Dank des Vaterlandes der Werktätigen

Bleibt noch zu klären, was mit den Geldwäschern geschah. Alexander Helphand zog es vor, nicht erneut ein Leben in Russland auszuprobieren. Er ist in Berlin eines natürlichen Todes gestorben. Der polnische Rechtsanwalt Koslowski blieb in Sowjetrussland, machte sich verdient, indem er den Vorschriften-Apparat der neuen Geheimpolizei, der Tscheka, entwarf. Auch er starb bald eines natürlichen Todes. Nicht so Lenins Vertrauter, Jakub Ganezkij. Es half ihm nichts, dass er vor einem Parteigericht die Bekanntschaft mit der Sumenson leugnete und sie abwertend als einen dicken Ofen bezeichnete. Er musste in der Sowjethierarchie bis 1937 eine Stufe nach der anderen nach unten klettern, dann wurden er, seine Frau und sein Sohn auf Stalins Geheiß vom NKWD verhaftet und erschossen, die Tochter kam mit langjähriger Lagerhaft davon.

       Und die Sumenson? Sie verschwand von der Bildfläche, so als hätte es sie nie gegeben. Auf einer russischen Frauenrechts-Seite fand ich sie vor Jahr und Tag abgebildet, aber ich habe starke Zweifel, dass das verschwommene Bild authentisch ist.

       Mehrfach las ich die Behauptung, dass Sumenson die Große Säuberung 1936-39 nicht lebend überstanden habe. Andere wollen wissen, sie sei in die USA ausgewandert und habe in einer jüdischen Gemeinde in New York ihr Leben beschlossen. Ob’s stimmt. Wer weiß.

©Helmut Roewer, August 2023

Hinweis auf ausgewählte Quellen:

Wladimir Burzew: Borba za svobobnuju Rossiju. Moi vospominanija  1882-1924 [Der Kampf um ein freies Russland. Meine Erinnerungen aus den Jahren 1882-1924]. Berlin 1924.

Michael Futrell: Northern Underground. Episodes of Russian Revolutionary Transport and Communications through Scandinavia and Finland 1873-1917. London 1963.

Ганецкий Я. [Jakow Ganezkij]: Воспоминания о Ленине [Woslominanija o Leninje – Erinnerungen an Lenin]. Moskwa 1933.

W.K. von Korostowetz: Lenin im Hause der Väter, Berlin 1928, S. 271-284.

Космач Вениамин Аркадьевич/П. М. Машерова. Журнал Псковский военно-исторический вестник № 2/2016 [Kosmatsch Weniamin Arkadjewitsch/P. M. Masherov: Zeitschrift Pskow Militärhistorisches Bulletin Nr. 2/2016]; https://zapadrus.su/rusmir/istf/1657-bolsheviki-i-germaniya-v-gody-pervoj-mirovoj-vojny.html.

Gustav Mayer: Erinnerungen. Vom Journalisten zum Historiker der deutschen Arbeiterbewegung. Mit Erläuterungen und Ergänzungen, einem Nachwort und einem Personenregister von Gottfried Niedhart. Nachdruck der Ausgabe Zürich/München 1949. Hildesheim/Zürich/New York 1993.

B[oris] V[ladimirovich] Nikitine [i.e. Boris Wladimirowitsch Nikitin]: The fatal Years. Fresh Relevations on a Chapter of Underground History. With a Preface by Alfred Knox. London 1938. Nachdruck: Westport/Connecticut 1977.

Fritz Platten: Lenins Reise durch Deutschland im plombierten Wagen. Frankfurt 1985.

Stefan T. Possony: Lenin, Gütersloh, 1965, S. 282-298.

Kurt Riezler: Tagebücher, Aufsätze, Dokumente. Eingeleitet und herausgegeben von Karl Dietrich Erdmann. Göttingen 1972.

Winfried B. Scharlau/Zbynèk A. Zeman: Freibeuter der Revolution. Parvus-Helphand. Eine politische Biografie. Köln 1964.

Виктор Штанько: Философский взгляд на …  Том 5 (продолжение) [Wiktor Schtanko: Ein philosophischer Blick auf… Band 5 (Fortsetzung); https://leninism.su/lie/5153-filosofskij-vzglyad-na-tom-5.html.

FSuenson1 edor Stepun: Das Antlitz Russlands und das Gesicht der Revolution. Aus meinem Leben 1884-1922. München 1961.

A.T. Wassiljew: Ochrana. Aus den Papieren des letzten russischen Polizeidirektors. Zürich/Leipzig/Wien 1930.

Maxim Gorki… und Mura B.

Prolet-Kultur – Wie man einen Staat zerstört, Teil 5: Der Schriftsteller als Waffe… und Maxim Gorki

Mit diesem fünften und letzten Teil der Betrachtungen zum Krisenjahr 1923, wende ich mich der Kampfform der Beeinflussung zu. Nach all den geschilderten Misserfolgen, welche die sowjetrussischen Umstürzler im Laufe das Jahre hinzunehmen hatten, mussten nun die Schriftsteller an die Front. Sie hatten beträchtlichen Erfolg.

       Der Schriftsteller, um den es im Folgenden als den erfolgreichsten unter den Beeinflussern gehen soll, ist der Literaten-Star Maxim Gorki. Er war, um in einem sowjettypischen Bild zu schwelgen, ohne es zu wollen, Hammer und Amboss zugleich.

Eins

Auf dem Wege zur Sonne: der Wanderer Maxim Gorki

Bevor aus dem Mann der weltbekannte Maxim Gorki wurde, hieß er Alexej Maximowitsch Peschkow. Der kam 1868 in Nishnij Nowgorod – das liegt rund 450 km östlich von Moskau – als armer Leute Kind zur Welt. Frühzeitig verwaist und ohne nennenswerte Schulbildung vagabundierte er in Russland umher. Kurz vor der Jahrhundertwende gelang es ihm, eine erste Erzählung zu veröffentlichen. Zu der Zeit hatte er einen Posten als Journalist bei einer Lokalzeitung in Samara inne. Das befand sich nicht gerade im Zentrum Russlands, sondern rund 700 km Wolga-abwärts von seinem Geburtsort entfernt. Nun ja, die Wolga ist lang, und, wie der Russe so sagt, der Zar ist weit.

     Wir würden heute nichts von Gorki wissen, wenn er nicht 1903 mit seinem Bühnenstück Nachtasyl einen überraschenden Welterfolg gelandet hätte. Plötzlich war er wer. Ein Foto, das ihn mit einer gleichaltrigen berühmten Theaterdiva, Maria Andrejewa (1868-1953), zeigt, die seine Geliebte wurde, belegt den Wandel. Die aparte Russin war nicht nur eine bekannte Schauspielerin, sondern sie diente um die Jahrhundertwende prominenten Malern und Fotographen als Modell.

Von den Bildern, auf denen sie zusehen ist, hat es mir genau dieses eine aus dem Jahre 1905 besonders angetan, auf dem sie von zwei jungen Männern flankiert wird. Der eine ist ihr Sohn, der andere der soeben zu erstem zarten Ruhm gelangte Schriftsteller Maxim Gorki. Er war es, der die Schauspielerin mit seinen sozial-revolutionären Gedanken beeinflusste, als er ihr Liebhaber und später auch ihr Ehemann wurde.

       Dass Gorki mit sozialrevolutionären Gedanken liebäugelte, ja, von ihnen durchdrungen war, muss man nicht mühsam zu erklären suchen. Die Welt, aus der er stammte, lud zu solchen Ideen ein. Folgerichtig engagierte er sich 1905 bei der in Russland ausgebrochenen Revolution, wurde verhaftet und reiste 1906 bei erstbester Gelegenheit aus Russland aus. Sein erstes Auslandsziel wurde Amerika. Danach zog er weiter nach Italien, wo er in Sorrent eine Villa erstand, vis a vis der Insel Capri.

     Der nun folgende lange Zwischenstopp in der Sonne Italiens ist deswegen erwähnenswert, weil Gorkis sehenswertes Domizil der Anlaufpunkt für vielerlei russische Exilanten wurde, die bei ihm urlaubten, denn merke: Revoluzzen und vor allem die zugehörigen Fraktionskämpfe sind anstrengend, man bedarf der Erholung. Wir sind deswegen über dieses staunenswerte Detail des Sozialismus informiert, weil in einigen, viel später veröffentlichten Leninbüchern ein Foto auftaucht, auf welchem der Meister-Bolschewik und spätere Diktator Russlands beim Schachspiel auf Gorkis Terrasse im Kreise von Genossen zu sehen ist.

     Zur Geschichte dieses Bildes gehört, dass die sowjetischen Zensurkünstler von Auflage zu Auflage neue Retuschen vornehmen mussten, um missliebig Gewordene zu entfernen, respektive nach deren Rehabilitierung wieder zum Leben zu erwecken. Auch die Unbekannte vorn rechts, von der wir nur die linke Hand und ein Bein im gestreiften Rock sehen, musste manchmal weichen und ein andermal wieder platznehmen. Sie ist für mich das einzige Rätsel in diesem Suchbild. Oder doch nicht? Täusche ich mich, wenn ich auf Lenins Miene ein selbstgefälliges Sieger-Lächeln entdecke? Ein Teilnehmer berichtete später, dass Lenin die Partie verloren habe und außer sich gewesen sei.

1913, knapp vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, kehrte Gorki nach Russland zurück. Er blieb bis 1921, um erneut nach Italien auszuweichen. Aber innerhalb dieses Zeitraums hatten die Jahre ab der Oktoberrevolution es in sich. Da war er so etwas wie ein revolutionärer Nationalheld, der Vorzeige-Proletarier schlechthin.

       Bei den diversen Kongressen, die von den Bolschewiki zelebriert wurden, war er sichtbarer Mittelpunkt. Zum Zweiten Weltkongress der Kommunistischen Internationale 1920 veranstaltete er ein Massenspektakel im Freien, zu dem er die Dramaturgie entworfen hatte. Auf dem zugehörigen vielfach verbreiteten Teilnehmerfoto sehen wir ihn (mit kahlrasiertem Schädel) hinter Lenin stehen. Der kahle Schädel: eine Hommage an den Meister? Hinter Gorki eine Säule, und links hinter der Säule sein Sohn Maxim, auch er kahlrasiert und zudem Mitarbeiter bei der Geheimpolizei Tscheka.

Zwei

Bei Gorkis zu Hause

In diesen wenigen russischen Jahren vor und nach der Oktoberrevolution lebte Gorki mit seiner Frau Maria Andrejewa in einer hochherrschaftlichen riesengroßen Wohnung in Petrograd. In dieser gründeten die beiden 1918 mitten in den Wirren des Herrschaftswechsels einen Verlag, Всемирная литература, den Verlag für Weltliteratur. Nein, bescheiden war man bezüglich des eigenen Werkes nicht.

       Nun ist das Gründen eines Verlages und sein Betrieb zweierlei. Maria wusste Rat. Den Verlag würde ein Jurist führen, und sie wusste auch schon welcher. Es war Peter Petrowitsch Krjutschkow (1889-1938). Zwei Jahre zuvor, 1916, als Maria und Pjotr sich erstmals paarten, saß der Zar noch, wenn auch schon wacklig, auf seinem Thron. Was also hatte so ein Sprössling aus dem russischen Dienstadel, ein junger hoffungsvoller Jurist im Staatsdienst, der es bei etwas anderem Verlauf der Geschichte unter der Herrschaft des Zaren sicher einmal weit gebracht hätte, kurz drauf bei den Bolschewiki verloren?

       Zunächst war es ein Fall von Liebe und sonst gar nichts. Dabei ließ es sich offenbar nicht vermeiden, dass die Andrejewa ihren wesentlich jüngeren Geliebten mit revolutionärem Gedankengut infizierte, das sie selbst seit ihrer Liaison mit Gorki in sich trug. Für den jungen Mann mag das zunächst überraschend gewesen sein, kurze Zeit später war es lebensrettend, denn mehr als nur einer in seiner Position bezahlte nach der Oktoberrevolution die falsche Klassenzugehörigkeit mit dem Leben.

Nach der Weichenstellung durch Maria zog Krjutschkow zu dem Gorki-Paar in dessen Wohnung. Was mag der Hausherr dazu gesagt haben? fragt etwas entgeistert die Leserin. Wir wissen es nicht, allerdings das, was er kurz drauf tat, denn in der Wohnung tauchte – es muss ein wahrer Taubenschlag mit ungezählten Personen gewesen sein – noch im Verlauf des Jahres 1918 eine Frau auf, bei der ich mich streng disziplinieren muss, um nicht deren Lebensroman zu erzählen, der in drei fette Oktav-Bände nicht hineinpassen würde. Wir begnügen uns also mit Stichworten, die nur mit Gorki zu tun haben. Das sind schon ziemlich viele.

Drei

Auf die stürmische Art

Es geht um Maria Ignatjewa Budberg, genannt Mura (1892-1974), geborene Sakrewskaja, zum Zeitpunkt ihres Auftauchens noch verheiratete von Benckendorff. Die Grundbesitzers-Tochter aus Poltawa hatte als Zwanzigjährige standesgemäß geheiratet, der Ehemann, Johann von Benckendorff (1882-1919), entstammte dem deutschbaltischen Adel mit einem Gut in Jendel (Jäneda), Gouvernement Reval, also im heutigen Estland. Die Hochzeit fand 1912 nicht dort, sondern in London statt, wo ein Verwandter aus der gräflichen Linie der Benckendorffs der zaristisch-russische Botschafter war.  Sodann zog das Paar nach Berlin um, wo der frischgebackene Ehemann an der russischen Botschaft als Dritter Sekretär diente. Damit war’s im August 1914 nach dem Kriegsausbruch vorbei. Man kehrte nach Russland zurück, genauer gesagt auf das Gut im Estnischen.

(Drei Mann in einem Bett: Bruce Lockart, Jekabs Peterss, Maxim Gorki)

Irgendwann während des Krieges trennten sich die Eheleute, wenigstens räumlich, denn Mura Benckendoff befindet sich im Sommer 1918 in Moskau, wo sie eine heftige Affäre mit dem britischen Agenten und Diplomaten Robert Bruce Lockart (1887-1970) beginnt, die im September 1918 im Tscheka-Gefängnis endet, denn Lockart wird mit gutem Grund verdächtigt, den gewaltsamen Sturz der bolschewistischen Regierung vorbereitet zu haben. Er entkommt dem sicheren Tod aus diplomatischem Kalkül, dem des Agentenaustauschs zwischen Moskau und London, und wird, man kann’s nachvollziehen, für immer des Landes verwiesen.

       Für die Russin Mura von Benckendoff-Sakreskaja schien die letzte Stunde zu schlagen: falsche Klasse und konterrevolutionär zudem. Nur ein Wunder konnte sie retten. In ihrem Falle war es der Lette Jēkabs Peterss (1886-1938), Mitglied im Kollegium der Tscheka und ein berüchtigter Folterer. Der ließ sie aus der Haft raus. Ob sie hierbei einen Umweg durch sein Bett machte, ist umstritten. Wir sagen: Selbst wenn.

       Nunmehr reiste Mura – nicht aus eigenem Antrieb – von Moskau nach Petrograd, wo sie bei der Ankunft erneut festgesetzt, aber nach einem Rückruf in Moskau gleich wieder auf freien Fuß gesetzt wurde. Stehenden Fußes begab sie sich in Gorkis Wohnung, die sie so bald nicht wieder verlassen sollte. Was hatte sie zu bieten? Zunächst die Eintrittskarte, die galt dem Verlag. Sie sprach vier Sprachen fließend, Deutsch, Französisch, Englisch und Russisch, das Russische davon am wenigsten perfekt, ganz so wie in ihren Kreisen üblich. Und für Gorki? Sie war ungewöhnlich intelligent und gebildet. Zudem war sie, wie man das heute nennen würde, sexy, und sie war 24 Jahre jünger als Gorki und seine gleichaltrige Frau. Gorki war überwältigt, denn so eine Frau wie Mura hatte noch nie zu seinem Repertoire gehört. Seine Noch-Frau hatte keine Einwände, denn sie hatte schließlich ihren Pjotr.

       Mit Mura Budberg hatte sich die Tscheka in Gorkis Leben eingenistet. Sie, die Tscheka bzw. ihre Nachfolger, würden dort bis zu Gorkis Tod fest verankert bleiben, wie wir noch sehen werden. Doch zunächst gilt es von einem Ereignis zu berichten, das 1921, kurz vor Gorkis Wiederausreise aus Russland stattfand. Er erhielt Besuch von einem anderen Star der Weltliteratur, von H.G. Wells (1866-1946). Der linkslastige Brite war nach Russland gereist, um sich vom Wunder des Sowjetstaats ein eigenes Bild zu machen. Da lag es nahe, beim gleichgesinnten und zudem gastfreien Gorki Station zu machen. Mura erhielt Order aus Moskau, den Gast zu begleiten, offiziell hieß es: als Dolmetscherin.

Ein Foto, das die drei beieinander zeigt, hat die Zeitläufte überdauert. Es zeigt den verschmitzten, besitzergreifenden Gorki, die etwas tiefer kauernde, erstaunlich jung aussehende Mura und den leicht abwesend wirkenden Wells. Was das Bild beim besten Willen der Interpretation nicht offenbart, ist der Umstand, dass der Engländer und die Russin soeben eine heftige Liaison begonnen hatten, die Gorki bei aller Gastfreundschaft keineswegs gefiel. Vielleicht tröstete er sich damit, dass die Beziehung ohnedies nur einige Tage andauern könnte, bis der Gast wieder weg war, doch da irrte er sich.

       Es wird Gorki bei allem Im-Mittelpunkt-stehen in Russland der Revolution nicht gefallen haben. Zwar tanzte alles, was rot und mächtig war, durch seine Wohnung, aber es kann ihm nicht entgangen sein, dass die Bürger, die nicht zum roten Adel gehörten, hungerten, ihre Wertsachen für ein Stück Brot verkaufen, und die Frauen, deren Männer man erschossen hatte, auch sich selbst. Vielleicht sah er auch nichts davon und sehnte sich nur nach dem ungebundenen Leben in Sorrent zurück, an die Wärme, an die Sonne, an den italienischen Wein.

       Bleibt noch eine Dritte Variante, nämlich dass Mura ihn anstachelte, das Land der Väter zu verlassen. Doch zunächst trennte sich das Paar: Gorki reiste nach Westen, Mura von Petrograd nach Nordost. Ihr Zielland war das frisch aus der Taufe gehobene Estland, dort lag das Gut der Benckendorffs, wo ihre Kinder bei den Großeltern lebten. Den Vater hatten estnische Landarbeiter kurz zuvor erschlagen. Die estnische Regierung sah den Ankömmling ungern und nahm ihn unter Spionageverdacht vorübergehend fest.

Doch Mura, noch hieß sie offiziell Benckendorff, gelang ein Handstreich der bizarren Art. Sie heiratete Knall auf Fall einen anderen baltendeutschen Adligen und bis vorgestern noch zaristisch-russischen Offizier. Ich vermute, es ist dieser hier: Baron Nikolaj Antoljewitsch Budberg (1894-1971). Die Ehe hielt ein paar Tage – verrückt, aber wahr. Sie brachte ihr einen neuen Pass mit einem neuen Namen. Den neuen Namen behielt sie ihr Leben lang, und mit dem reiste sie im Frühjahr 1922 aus Estland aus. Ich nehme an per Schiff, denn sie traf auf Gorki im Ostseebad Heringsdorf, von wo das Paar, wie deutsche Polizeiakten wissen, nach Bad Saarow weiterreiste.

       Nun zurück zur Hauptperson: Nach Gorkis Wiederausreise 1921 endete seine Bedeutung für den Bolschewismus keineswegs. Ganz im Gegenteil. Vielmehr blieb er der Halbgott und ließ es sich, wie ich vermute, gerne gefallen. Von den Gründen muss jetzt die Rede sein.

Vier

Warum Gorki?

Es ist nicht ganz einfach, dem Erfolg von Maxim Gorki auf die Spur zu kommen. Es handelt sich nach meiner Einschätzung um ein ganzes Bündel von Gründen. Vorweg: Ich habe nicht vor, hier den Literaturkritiker zu spielen, die Deutsch- und Russischlehrer unter meinen ein oder zwei Lesern mögen sich also entspannt zurücklehnen. Zu Gorkis Können also kein Wort. Doch Erfolg ist nicht nur vom Können abhängig. Im Falle Gorkis muss man einen Blick auf sein Publikum und auf seine, Gorkis, Macher richten.

       Die Wirkung von Gorki im Deutschland der 1920er Jahre auf alles, was links und edel war, muss eine ungeheure gewesen sein. Mein Maßstab für diese Aussage sind die Werke aus der weiblichen Memoirenliteratur, die ohne Gorki nicht auskommen. Kein gesellschaftlicher Anlass, kein politischer Kongress ohne Gorki, wenigstens ein Zitat, besser noch ein Grußwort und am allerbesten seine Anwesenheit. Was also machte den Zauber dieses Mannes aus? Er hatte etwas zu bieten, was all diese vom Proletariat und seiner Herrschaft Berauschten nur als theoretische Hoffnung kannten: einmal ein echter Proletarier sein, ein Prolet gar. Da war er der Einzige weit und breit. Das ist meiner Meinung nach das Hauptmotiv für die hiesige Vergötterung.

       Warum er ausgerechnet auf Frauen so unwiderstehlichen Reiz ausübte? Ich weiß es beim besten Willen nicht zu sagen. Weiß auch über dessen Umgangsformen nichts. Dass es die eines auf Prolet getrimmten Salonbolschewiken waren, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Es war vielleicht – man sehe mir den hässlichen Vergleich nach – der selbe Reiz wie ihn ein bestimmter vulgärer draller Frauentypus auf manche Männer ausübt, die sonst von intellektuellen Frauen umringt werden.

       Mag alles sein, doch jetzt kommt die Hauptsache: Jeder Erfolg braucht seine Sponsoren. Im Falle von Gorki ist es seit der Oktoberrevolution die Regierung von Sowjetrussland, der späteren Sowjetunion. Das mag, solange Gorki bis 1921 in Russland ist, als eine Art Selbstläufer durchgehen. Aber danach, als er 1921 Russland mit durchaus diffusen Gedanken den Rücken gekehrt hatte? Jetzt wird die Sache interessant. Ich spreche von der Operation Gorki. Sie hieß im Geheimdienst-Russisch nicht wirklich so. Ich selbst habe sie zur Illustration so bezeichnet, weil ich die zugrundeliegende Fall-Akte noch nicht entdeckt habe.

Fünf

Wem kann man ein X für ein U vormachen, und wie macht man es?

Besondern Wert legten die sowjetischen Unterwanderungsspezialisten auf die Erringung der kulturellen Hegemonie. Mit anderen Worten: Sie wollten, dass ihre Zielpersonen die Sowjetunion liebten und bewunderten, und, jetzt kommt’s, dies auch mit dem Ziel der Nachahmung zum Ausdruck brachten. Die zugehörige Beeinflussung geschah stets zweigliedrig: teils durch plumpe Propaganda, zum Teil durch das Einspannen von Kultur-Prominenz vor den Karren des Sozialismus sowjetisch-russischer Bauart.

       Fürs deutsche Publikum, genauer gesagt: für dessen links-intellektuelle Schickeria,  wurde 1923 zu diesem Zweck ein spezieller Beeinflussungs-Apparat geschaffen: der Verlag Das Buch, später etwas bekannter unter dem Namen Das internationale Buch. Der Chef dieses frisch gegründeten Unternehmens, das zunächst bei der sowjetischen Handelsvertretung in Berlin mehr oder weniger heimlich unterkroch, war ein Bekannter von uns aus Petrograd: Peter Petrowitsch Krjuschkow. Der war dort bis dahin, wie wir schon hörten, der Liebhaber von Gorkis Frau, Maria Andrejewa und der Leiter des von Gorki 1918 in seiner Wohnung gegründeten Verlags für internationale Literatur. Krjutschkow sprach das Deutsche fließend, denn die Mutter war eine Baltendeutsche aus – wie man so sagte – gutem Hause und der Vater ein russischer Staatsrat, mithin ein Mann des russischen politischen und kulturellen Establishments.

       Der von Krjutschkow in Berlin geleitete Verlag wurde zum Dreh- und Angelpunkt der Deutschland-Beeinflussung, deren Zielpersonen deutsche Intellektuelle und über diesen Treibriemen die breite Öffentlichkeit wurden. Krjutschkow hatte im krisengeschüttelten Deutschland ein starkes Argument bei der Hand: eine mit Dollar-Devisen gefüllte Kasse. Es entbehrt nicht der Komik, dass einer der Geldkuriere, die zwischen Moskau und Berlin verkehrten, der Schriftsteller Maxim Gorki war, denn den Weltstar würde an den Grenzen niemand genau kontrollieren. Wir lesen mit Behagen, wie sich solche Übergabetreffs in Berlin abspielten. Immer im selben Café, Gorki immer schlechtgelaunt und vor Entgegennahme der Quittung akribisch das Geld mehrfach nachzählend. So hat es eine später erzählt, die, wie man beim Dienst so sagt, solche Treffs abzusichern hatte.

Sechs

In eurem Bunde der Dritte

Mit Gorkis Absetzbewegung aus Sowjetrussland im Jahre 1921 begann die zweite Operation Gorki der jungen sowjetischen Geheimpolizei Tscheka, später GPU, OGPU, NKWD. Es war einer der leitenden Funktionäre, der die Sache Gorki zu seiner eigenen gemacht hatte und der damit, sicher ohne es zu ahnen, sein eigenes Schicksal an das des Schriftstellers band.

       Die Rede ist vom Genrich Jagoda (1891-1938). Der ehemalige jugendliche Anarcho-Kommunist war seit 1917 Mitglied der Bolschewiki und ab 1920 bei der Tscheka. Er stieg dort steil auf, war seit 1923 Erster stellvertretender Leiter der in GPU/OGPU umgetauften Behörde und schließlich ab dem 10. Juni 1934 Leiter der erneut, diesmal in NKWD umbenannten Staatssicherheits-Behörde. Ab dem 26.November 1935 trug er den schmückenden Titel eines Generalkommissars der Staatssicherheit.

       Jagoda entwickelte frühzeitig einen glasklaren Plan zum Schutze der Sowjetherrschaft. Hierzu gehörte es, Russland-Flüchtlinge zu System-Bekennern umzudrehen. Die Notwendigkeit hierfür entsprang der Tatsache, dass Hunderttausende, die Russland nach der Revolution und im Bürgerkrieg fluchtartig den Rücken kehrten, über die Sowjet-Herrschaft nichts Gutes zu berichten wussten. Vor allem die Aussagen über Massenerschießungen, Enteignungen, Massenelend, Seuchen und Hungersnöte wirkten nicht eben anziehend. So kam es darauf an, wenigstens die eine oder andere Gegenstimme von einigem Gewicht zu gewinnen, besonders wenn sie im westlichen Ausland zu hören und der Sprecher prominent und scheinbar unpolitisch war. Es nimmt also nicht wunder, dass die Tscheka-GPU bei Gorki ansetzte.

       Der Mann, der jetzt sein Meisterstück zu erbringen hatte, war der soeben bereits ins Bild getretene Neubolschewik Peter Krjutschkow. Er war ein Freund Gorkis. Dass er dessen Frau quasi geerbt hatte, tat dem Verhältnis der beiden keinen Abbruch. Zudem saß Krjutschkow in Berlin genau an der richtigen Stelle, um den Schriftsteller zu umgarnen. Er hatte das Geld und schuf die Verbindungen, damit Gorkis Geschäfte auch fürderhin blühen konnten. Krjutschkow tat, was er konnte, und das war wirklich enorm. Ich bezweifle, dass Gorki ahnte, was mit dem Geld passierte, dass er im Auftrag der Komintern heimlich in bar von Moskau nach Berlin transportierte. Auch zweifle ich, ob er eins und eins zusammenzählte, wenn er all die prächtigen Einladungen und Publikationsaufträge erhielt und annahm, um mündlich oder gedruckt vom Ruhme Moskaus vor den Ohren naiver Intellektueller zu künden. Er tat’s und nicht zu seinem Nachteil.

Sieben

Finale in Moskau

Im Jahre 1928 gelang es Krjutschkow, seinen angeblichen Freund Gorki nach Russland zurück zu locken. In Moskau würde er alles haben, was er zum Leben und Dichten brauchte, einschließlich einer Villa mit dem nötigem Personal und einem erstklassigen Sekretär, nämlich ihm selbst. Es hat nicht an Warnungen gefehlt, Gorki solle sich auf die Einflüsterungen von Krjutschkow nicht einlassen. So vom polnisch-stämmigen Alt-Bolschewiken und Lenin-Vertrauten Mieczyslaw Kozłowski (1867-1927). Dem erteilte Gorki eine rüde Abfuhr, indem er dem vorgeblichen Freund Krjutschkow eine makellose Gesinnung attestierte und zu dem Warner jeglichen Kontakt abbrach. Dass dieser kurz drauf im Alter von 60 Jahren plötzlich und unerwartet starb, will ich zumindest erwähnt haben.

       Es ist nicht glaubwürdig überliefert, was genau den Rückholplan auslöste, noch warum Gorki hierauf einging. Zwei Antworten erscheinen mir möglich. Der mittlerweile – nach der Austreibung seines Erzrivalen Trotzki – nahezu fest im Sattel sitzende Stalin, wollte durch den prominenten Gorki im Ausland kein unnützes Risiko mit einem unabhängigen Geist und potenziellen Trotzki-Unterstützer eingehen, sondern den Mann räumlich und körperlich unter Kontrolle bringen. Und dieser ging darauf ein, weil er als Sechzigjähriger das Wanderleben satt hatte.

       Gorki wird sich allerdings kaum vorgestellt haben, dass das Moskauer Domizil ein Leben im Goldenen Käfig werden würde. Denn genau das wurde es. Gorki war dicht von Mitarbeitern der Geheimpolizei umstellt, die seinen Besucher- und Postverkehr streng überwachten. Und schlimmer noch: Der Hauptüberwachungs- und Lenkungs-Spitzel an seiner Seite war sein angeblicher Freund Krjutschkow. Der wohnte mit Familie auf dem Gorki-Anwesen. Aus seinem Arbeitszimmer führte ein direkter Telefondraht zum Leiter der Staatssicherheit. Von Zeit zu Zeit wurde er zudem von Stalin vorgeladen, der sich unter vier Augen Bericht erstatten ließ.

       Ein Bild aus diesen Tagen zeigt Gorki Seit an Seit mit Krjutschkow und mit dessen Vorgesetzten, dem damals noch stellvertretenden Chef der Geheimpolizei Genrich Jagoda. Als die Aufnahme 1933 entstand, waren die Tage der angeblichen Freunde gezählt.

Auch nach seiner Ernennung zum Generalkommissar des NKWD blieb Genrich Jagoda dicht an Gorkis Seite. Ein ziemlich finsteres Foto zeigt die beiden im Jahre 1935. Es erweckt nicht den Eindruck, als sei dem Dichter diese Begleitung angenehm. Aber wir wollen die Szene nicht überinterpretieren. Das nächste sichere Datum ist der 18. Juni 1936. Das ist Gorkis Todestag. Drei Monate später wurde Jagoda als Chef der Staatssicherheit abgesetzt – einfach so.

Nach Gorki Tod wollten die Gerüchte nicht verstummen, dass der Mann ermordet worden sei. Zuzutrauen wäre es den uns bekannten Beteiligten allemal. Dass in einem solchen Fall der Befehl von Stalin kam, halte ich für sicher. Sein Motiv: Gorkis Villa war in Moskau ein gesuchter Treffpunkt der sowjetischen Kulturniki.

       Auch Chef Stalin lenkte nur zu gerne seine Schritte dorthin, um sich in angeblich zwangloser Umgebung als Kunst-Mäzen ein bisschen feiern zu lassen. Doch nur ein einziger gab sich, wenn Stalin anwesend war, zwanglos. Das war Gorki. Bei solchen Gelegenheiten soll er sich in einer Weise geäußert haben, dass die übrigen anwesenden Kultur-Schranzen sich am liebsten in Mauselöcher verkrochen hätten. Stalin war nicht der Mann, derartige Insubordinationen hinzunehmen. So einfach erklärt sich die Sache, falls Gorki tatsächlich einer Mörderhand zum Oper fiel. Wie auch immer: Für die Leichtgläubigen gab’s ein prunkvolles Gorki-Begängnis.

       Für Jagoda und Krjutschkow galten andere Maßstäbe: Beide starben am 15. März 1938, hinterrücks erschossen auf dem Truppenübungsplatz Butowo bei Moskau. Auf diese Weise wurden sie als angebliche Verschwörer nach dem 3. Moskauer Schauprozess hingerichtet, devot beklatscht von den Kräften des Fortschritts in Ost und West.

Zurück zum Start: Die ganze hier erzählte Geschichte hätte so nicht stattfinden können, wenn sie nicht von der Schauspielerin Maria Andrejewa eingefädelt und befördert worden wäre. Was wurde aus ihr? Sie starb – es wird gesagt: völlig verarmt – 1953 in Moskau. Mura Budberg erging es entschieden besser: Nachdem Gorki nicht mehr aus Russland raus durfte, trennte sie sich 1933 endgültig von ihm und zog nach London – ins Nachbarhaus von H.G. Wells, der ihr 1946 bei seinem Tode ein beträchtliches Vermögen hinterließ. Sie starb 1974 in Italien.

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