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Morgendliche Bettbegebenheit

Oder: Es hat sich seit vier Jahren nichts verändert

Das Morgenlicht durchdringt diffus die Jalousette
Ich denke vor mich hin, es wär doch schön
wenn ich nur einmal nichts zu denken hätte
Ich würd sogleich zu Fuß nach Compostella gehn.

Dort würd ich lila Rosenkränze kaufen
und dicke Nonnen schubsen – ab und wann
und mit den Maulbeerbäumen um die Wette laufen
weil ich nicht denken, aber schrecklich rennen kann.

Ich mach die Augen wieder auf, es hat sich nichts verändert
Noch immer ist es ziemlich grau
Kein Frühling hat den Erlenbaum bebändert
Jetzt lieg ich reglos da und gucke nicht sehr schlau.

Begleitender Chorus der tanzenden Trucker:

Reich mir Ricarda den Rautenkranz
Trage Tusnelda das Tamburin
Bleib wo du bist, vor allem aber bleib ganz
Lass mich mit den Gänsen nach Süden ziehn.

©HR20220217

Nachbemerkung vom 26.März 2026: Das kommt davon, es tritt gnadenlos zutage, wenn man den Arbeitsrechner aufräumt, um Platz zu schaffen.

Ukraine-Konflikt – Update April 2025

Dieser Beitrag schildert die Fortentwicklung des Ukraine-Konflikts. Er schließt an mein Buch Nicht mein Krieg. Deutschland und der Ukraine-Konflikt und dessen Update vom November 2024 an. Dort findet der Leser alle wissenswerten Grundlagen zu Vorgeschichte, Ausbruch und Verlauf des Konflikts sowie zu den gegensätzlichen Interessen der Konfliktparteien.

     Die folgenden Ausführungen sind dreigeteilt: Sie beschreiben die Fortentwicklung der politischen Lage, die Fortentwicklung der militärischen Lage, einschließlich der Veränderung des Geschehens auf dem Gefechtsfeld, und die prekäre Sonderrolle Deutschlands.

     Vorab kann gesagt werden, dass meine bisherige Einschätzung des Konflikts weiterhin von den Darstellungen der Meinungsführer in Deutschland und im westlichen Ausland ebenso abweicht wie von der gängigen russischen Propaganda. Ich verfolge weiterhin die Methode, die Meldungen beider Seiten auf Übereinstimmungen zu untersuchen, um die raren Fakten vom Spreu der Meinungen zu trennen. Diese Methode hat bislang zu einer, nicht nur aus meiner Sicht, ziemlich zutreffenden Lagebeschreibung geführt. In den US-Mainstream-Medien tauchten im Februar 2025 erstmals die einschlägigen Kartenbilder auf:


Das große Gerede – die politische Entwicklung des Ukraine-Konflikts

Eine tiefe Zäsur im bisherigen politischen Meinungsstreit zwischen den unmittelbar Beteiligten und den zahlreichen Zuschauern und Nutznießern erfolgte durch die Wahl des neuen US-Präsidenten im November 2024. Dieser hatte im Wahlkampf angekündigt, er werde den Krieg an einem einzigen Tag beenden. Trump ist jetzt nahezu 100 Tage im Amt, und man kann mit Sicherheit feststellen, dass dies – obschon er es versucht hat – nicht gelungen ist. Hierfür gibt es zahlreiche Gründe. Der wichtigste darunter ist, dass er nunmehr offenbar erstmalig gezwungen wurde, der russischen Seite zuzuhören, gegen die er augenscheinlich kein wirksames Erpressungsmittel in Händen hält. Im Gegenteil, er steht unter Zeitdruck, denn die russische Seite ist dicht davor, diesen Krieg mit militärischen Mitteln zu entscheiden.

     Die Forderungen der russischen Seite sind seit Ende 2023/Anfang 2024 vielfach und nicht voneinander abweichend formuliert worden. Sie lauten: a) Anerkennung der vier Provinzen Lugansk, Donjezk, Saporoshje und Cherson sowie – selbstredend – der Krim als Teil des russischen Staatsverbands. So, wie das im Oktober 2022 nach einer Volksabstimmung im vorangegangenen September von der Duma beschlossen wurde. b) Entnazifizierung der Rest-Ukraine. Hinter diesem russischen Propagandabegriff verbirgt sich die Entmilitarisierung und Einsetzung einer russland-freundlichen Regierung. c) Verzicht auf jegliche Nato-Mitgliedschaft. Diese Forderungen sind aus russischer Sicht nicht nur Bedingungen für einen Friedensvertrag, sondern bereits die Voraussetzung für einen Waffenstillstand.

     Die US-Seite sieht diese russischen Forderungen als eine kaum zu akzeptierende Zumutung an. Der Grund hierfür erscheint – aus meiner Sicht vordergründig – der Wunsch des US-Präsidenten, merkbare Erfolge als Friedensstifter vorweisen zu können. In Wirklichkeit jedoch befindet sich Trump in einem US-internen Interessenkonflikt. Etliche seiner Unterstützer und seiner Gegner haben bei einem russischen militärischen Sieg, der zu einer vermutlich bedingungslosen Kapitulation der Ukraine führen würde, unabsehbar große Vermögen zu verlieren. Selbst politisch bedeutsame kriegsbegeisterte Figuren, wie der republikanische Senator Lindsey Graham, haben wissen lassen, dass sie Trumps Friedensinitiativen begrüßen, weil sie sich ausgerechnet haben, dass US-Interessen in der Ukraine, vor allem in der Ost-Ukraine, nur dann realisiert werden können, wenn Trump diese gegenüber Russland durchzusetzen weiß. Jedem dieser Geschäftsleute – soweit sie nicht vom Großmachtwahn geblendet sind – muss klar sein, dass es hier nur noch um die Alternative Weniges oder Nichts geht.

     Nüchternen Rechner werden wissen, dass Russland am längeren Hebel sitzt, weil die vielfachen seit 2002 (!) bis heute verhängten Wirtschaftssanktionen nicht den gewünschten Eindruck auf das Russische Reich gemacht, sondern zur Solidarisierung der US-feindlichen Staaten dieser Erde geführt haben. Dieser Solidarisierungs-Effekt wurde bereits im März 2022, also unmittelbar nach dem russischen Angriff deutlich. Er hält bis heute an.

     Für Trump und seine Kriegsbeendigungsstrategie kommt es also darauf an, nicht nur das Schießen dortzulande ans Ende zu bringen, sondern vor allem die US-Interessen auf beiden Seiten der mit Sicherheit entstehenden neuen Staatsgrenzen zu sichern. Gelingt ihm das nicht, gehen die US-Interessen zumindest östlich der neuen Grenzen komplett den Bach runter. Es liegt allein an den Russen, ob sie sich Vorteile davon versprechen, mit den USA neu zu starten oder auch nicht.

     Die US-Verhandlungsposition gegenüber der heutigen Herrschaft der Ukraine ist heikel, weil deren Herrschaftsstruktur von den USA selbst installiert worden ist. Die US-Wirtschaftsinteressen hier durchzusetzen, stößt auf Forderungen der Selenskyj-Regierung nach militärischer Sicherung der Gebietshoheit, die sich an den Grenzen von vor 2013/14 orientiert. Der bemerkenswerte Auftritt von Trump-Vance mit Selenskyj im Weißen Haus am 28. Februar 2025, wo es zum offenen Konflikt hierüber kam, sollte allen Illusionisten zu denken geben.


     Die Gebiets- und Herrschaftsrestitution der Ukraine ist aus jetziger Sicht der USA unrealistisch und auch unerwünscht, weil Deals mit Russland hinsichtlich der Bodenschätze des jetzt unter russischer Herrschaft befindlichen Donbass offensichtlich lukrativer sind. Selenskyj pokert weiterhin mit den von den USA verlangten wirtschaftlichen Abtretungen, die nach amerikanischer Forderung als Sicherheit für die bereits verausgabte finanzielle und sachliche Unterstützung herhalten sollen. Es wird von der ukrainischen Führung nicht ohne Grund eingewandt, dass es sich hier um den wirtschaftlichen Ausverkauf des Landes handele.

     Die Selenskyj-Regierung fühlt sich durch Zusicherungen aus Großbritannien (Starmer) und Frankreich (Macron) in ihrem Widerstand bestärkt, weil diese Länder – und ebenso die Führung der EU (v.d. Leyen) – für den Ausfall der amerikanischen Hilfen einspringen wollen. Die ukrainische Führung hat auf diese Zusagen aufgesattelt, indem sie die Entsendung von Nato-Truppen ins Kampfgebiet verlangt hat. Macron und Stamer haben im Februar/März 2025 einschlägige, wenn auch vage Zusagen (für die Zeit nach einem Waffenstillstand) verlauten lassen. An der jüngsten Ukraine-Dreierkonferenz in London, die für den 24. April 2025 vorgesehen war, weigerten sich überraschend die Briten teilzunehmen.

     Nach dem Stand von Ende April 2025 haben die USA, diesmal durch den Mund des Vizepräsidenten Vance, versucht, die Ukraine und Russland zu einem Waffenstillstand aufzufordern, wobei deutlich zu erkennen gegeben worden ist, dass keine Seite auf maximalen Territorialforderungen bestehen könne. Selenskyj hat diesen Vorstoß unverzüglich abgelehnt, während Kreml-Sprecher Peskow mitgeteilt hat, Russland betrachte diesen Vorstoß nicht als Ultimatum, wiewohl Vance kurz zuvor öffentlich ausführte, dass die USA sich aus dem Ganzen zurückzögen, wenn beide Seiten auf ihren Forderungen beharren würden.

     Sollte die US-Regierung die Drohung mit dem Rückzug aus dem Ukraine-Konflikt ernst machen, sind die Tage der jetzigen ukrainischen Regierung gezählt, denn die EU-Staaten und Großbritannien können den Ausfall der US-Hilfen nicht kompensieren. Erschwerend kommt hinzu, dass die EU-Staaten keine einheitliche Linie zur Ukraine-Hilfe zustande bringen. Außer aus Frankreich und Deutschland sowie Polen und der Tschechei sind substanzielle Beiträge nicht zu erwarten.

Gefallene, Verwundete, Flüchtlinge – die militärische Fortentwicklung des Krieges

Die militärische Lage in der Ukraine hat sich seit November 2024 insofern verändert, als die nach Russland vorgedrungenen ukrainischen Truppen-Kontingente im Oblast Kursk (August 2024) und Bjelgorod (Februar 2025) alle restlos von russischem Territorium unter erheblichen ukrainischen Verlusten vertrieben worden sind. Der ukrainische Vorstoß zur Gewinnung von Faustpfändern ist damit (wohl endgültig) gescheitert.

Das gesamte letzte halbe Jahr haben die Russen – ganz unbeeindruckt von den ukrainischen Vorstößen auf ihr Territorium – ihren langsamen Vormarsch gen Westen bzw. Nordwesten an dem gesamten über 1000 km langen Frontbogen fortgesetzt. Die Vorwärtsbewegungen geschahen ohne erkennbaren inneren Zusammenhang einer große Offensive, eher in Form von Nadelstichen mit geradezu provozierender Langsamkeit. Die Angriffsbewegungen erfolgten stets in derselben Manier, soweit es das Gelände zuließ, nämlich rechts und links an den befestigten Plätzen vorbeistoßend und diese dann von den Versorgungswegen abschneidend. Die Verteidiger wurden sodann dank überlegener russischer Artillerie zusammengeschossen, soweit es ihnen nicht gelang – meist ohne ihr Kriegsgerät – zu entkommen.

     Es wurde auf russischer Seite die Bewegung größerer Truppenverbände vermieden. Die Angriffe selbst erfolgten in einer ersten Welle durch überraschend auftauchende motorisierte Kleinstgruppen (auf Krädern und E-Bikes), durch die die Verteidiger gezwungen wurden, sich in ihren Stellungen zu zeigen, welche dann prompt mit Drohnen und Artillerie angegriffen wurden. Darauf folgten als zweite Welle kleinste Panzereinheiten mit beigegebener Infanterie.

     Die erfolgreiche Operation mit kleinsten Einheiten ist nur möglich gewesen, weil die Russen ihre Befehlsstruktur grundlegend geändert haben. Sie sind von der seit Jahrhunderten eingeübten Befehlstaktik zum preußischen System der Auftragstaktikübergegangen. Diese bedeutet inhaltlich, dass die Zielerreichung so weit wie möglich nach unten delegiert wird. Innerhalb der groben Zielvorgabe entscheidet der Kommandeur vor Ort selbst, wie er ans Ziel gelangt. Diese Änderung bedeutet eine Revolution im russischen militärischen Denken. Sie verlangt flexible Führer und motivierte Unterführer. Die Kleinstgruppentaktik verlangt zudem einen rabiaten Siegeswillen bei jedem einzelnen Soldaten. Die bisher bekannt gewordenen Beispiele lassen die Folgerung zu, dass diese Änderungen in der Truppe Fuß gefasst haben.

     Der Drohnenkrieg im Erdkampf steuerte im Herbst 2024 zunächst auf einen ausgeglichenen Höhepunkt hin. Alsbald ist jedoch erneut ein Übergewicht der russischen Seite spürbar geworden, wobei die russischen, durch Glasfaserkabel gesteuerten Kampf- und Aufklärungsdrohnen das Gefechtsfeld beherrschten, da diese nicht durch elektronische Drohnenabwehr beeinflusst werden können. Überraschend war, dass der Drohnenkrieg zum Massenphänomen geworden ist. Die 2023/24 im Westen weit verbreitete Auffassung, die russische Seite sei nicht in der Lage, ihren Drohnenbedarf auf dem Gefechtsfeld zu ergänzen, hat sich als Irrtum bzw. als Zwecklüge erwiesen.

     Beide Seiten haben versucht, sich mit mechanischen Schutzvorrichtungen gegen die Wirkung von Kampfdrohnen zu schützen. Auf der ukrainischen Seite sind die Versorgungsstraßen mit Netzen überspannt. Auf russischer Seite ist auffällig, dass Kampffahrzeuge Aufbauten mit herabhängenden Metallschnüren erhalten haben, die nach russischen Angaben mehrere Drohnen-Treffer verkraften können. Falls diese russischen Angaben und die ukrainischen über die Vernichtung von Panzerfahrzeugen durch Drohnen (ein Treffer = ein Abschuss) stimmen, und man sie dann miteinander vergleicht, kommt heraus, dass die russischen Panzerverluste weit geringer sind, als bislang vermutet.


     Der Drohnenkrieg hat das Gefechtsfeld revolutioniert. Das enge Miteinander von Aufklärungs-. und Kampfdrohnen macht, wo diese in Massen auftreten, nahezu jede Bewegung auf dem Gefechtsfeld unmöglich, es sei denn, eine der Seiten ist gewillt, hohe Verluste in Kauf zu nehmen. Unmittelbare Folge dieser Gefährdung von Bodentruppen ist der russische Taktikwechsel hin zu Kleinst-Kampfgruppen. Der folgende Screenshot aus einem ukrainischen Drohnen-Video zeigt eine solche, mit hoher Geschwindigkeit angreifenderussische Kleinst-Gruppe (3 Kräder).


     Zum Thema Verluste lässt sich zudem aus heutiger Sicht ergänzen, dass die ukrainischen Menschenverluste (Gefallene, schwer Verwundete, Deserteure) um ein Vielfaches höher liegen als die der Russen. Es besteht der begründete Verdacht, dass im Gegensatz zu den Russen die Ukrainer nicht mehr in der Lage sind, diese Verluste auszugleichen. Die in der Öffentlichkeit diskutierten Verlust-Annahmen beruhen vor allem auf Zahlen beider Konfliktparteien, die aus dem Gefangenen- und Gefallenenaustausch hochgerechnet werden. Diese Methode ist vage, sonst würde es nicht zu Abweichungen von 4 zu 1 bis 10 zu 1 zu Lasten der ukrainischen Seite kommen.

     Nach wie vor gibt es keine belastbaren Angaben über die Zivilverluste durch die Erdkampfführung und durch die Luftkriegsführung. Den immer wieder durchgeführten Luftschlägen gegen militärische Versorgungseinrichtungen im russischen Hinterland durch ukrainische Drohnen stehen massive russische Luftschläge durch Drohnen, Raketen und Gleitbomben gegenüber. Diese richteten sich bislang gegen Versorgungseinrichtungen bis weit ins ukrainische Hinterland hinein und gegen Liegenschaften auf dem Land und in Städten, in denen die russische Seite den Aufenthalt fremder (Nato)-Soldaten vermutete. Aus dem Umstand, dass russische Flugzeuge bei ihren Angriffs-Aktionen immer dichter an die Frontlinie heranrücken, ist mit gutem Grund die Vermutung geknüpft worden, dass die ukrainische Luftabwehr durch vorangegangene Angriffe schwer beschädigt worden ist.

Prinzessin auf der Panzermine – die mutwillige deutsche Sonderrolle

Die Haltung der Bundesregierung blieb vor und nach der Bundestagswahl (Februar 2025) zwiespältig: Während die Grünen, vertreten durch die Noch-Minister Habeck und Baerbock als lautstarke Unterstützer agitierten, verhielt sich die SPD eher zurückhaltend, auf jeden Fall uneindeutig.

    Der CDU-Vorsitzende Merz ließ keinen Zweifel aufkommen, dass er die Ukraine massiv unterstützen werde. Zu diesen Unterstützungshandlungen soll auch die Lieferung von deutschen Taurus-Marschflugkörpern gehören. Innerhalb der CDU gibt es eine lautstarke Gruppe, welche die Taurus-Lieferungen ebenfalls befürwortet. Zu dieser gehört der seit Jahren als Kriegstreiber auffällig gewordene Abgeordnete Kiesewetter und der CDU-Außenpolitiker Wadephul, der in der Union als der zukünftige Außenminister gehandelt wird.

Es steht zu erwarten, dass der politische Zwiespalt innerhalb der alten Bundesregierung auf die neue übertragen und von dieser fortgeschleppt werden wird. Ebenso wie in der CDU gibt es auch in der SPD Freunde des Eingreifens in den Ukraine-Konflikt und der Lieferung der Taurus-Waffe. Allerdings gibt es auch nach wie vor Gegner wie Boris Pistorius, den alten und vermutlich neuen Bundesverteidigungsminister, der sich wiederholt zur Priorität der Aufrüstung Deutschlands geäußert hat.


     In der öffentlichen Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt hat ein merkbarer Schwenk stattgefunden. Während bisher der Chor der Kriegsunterstützer sich damit begnügte, „wir“ müssten das ukrainische Volk bei seinem Freiheitskampf gegen „den Putin seinen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg“ beistehen, also die Freiheit am Dnjepr verteidigen, liegt jetzt der Ton darauf, dass „wir“ verhindern müssten, dass der Russe im Jahre 2029 am Brandenburger Tor stehe. Aus diesem Grund sei die Bundeswehr hochzurüsten und die Zeit, bis das geschehen sei, durch Taurus-Lieferungen und deren Einsatz zu überbrücken.

     Es bedarf keiner komplizierten Erörterungen, um die Unschlüssigkeit des nunmehr verfolgten Politikansatzes und der ihm folgenden Propaganda bloßzulegen. Es ist die Blauäugigkeit, über die man zunächst verblüfft ist, bevor sich der Ärger durchsetzt. Taurus zu liefern, das bedeutet, unmittelbare Kriegspartei zu werden. Hierbei kommt es nicht auf die eigene abweichende Ansicht, sondern alleine darauf an, wie derjenige, der das Ziel des Taurus-Beschusses werden wird, diesen Angriff beurteilt.

Es kommt, um es mit leicht variierenden Worten zu sagen, nicht darauf an, was Rechtsgelehrte in ihren Studierstuben in Berlin-Mitte formulieren, ob solche Lieferungen an eine Kriegspartei „noch“ vom Völkerrecht gedeckt seien, denn der Angegriffene wird sich einen feuchten Kehricht um solche gelehrten Sentenzen kümmern, sondern er wird gegen den Veranlasser zurückschlagen. Dies gilt umso mehr, als Waffenexperten ganz offen einräumen, dass der Taurus, zwar formell in die ukrainische Armee geliefert werden mag, jedoch von dort ohne das Eingreifen seines deutschen Personals keinen Meter weit Richtung Moskau fliegen wird, weil die Beschenkten ihn nicht sachkundig bedienen können.

     Der Herrscher im Kreml hat neuerdings (im März) klargestellt, dass er den Beschuss mit Taurus als deutsche Kriegshandlung gegen Russland auffassen und mit Krieg beantworten werde. Bislang hatte man diese Töne seit etwa zwei Jahren nur durch seinen Vertreter Medwedjew vernommen. Es gehört zu den Rätseln deutscher Politiklenker, so zu tun, als habe Putin nichts gesagt. Wenn überhaupt, wird in den deutschen Medien flankierend verbreitet, er bluffe nur. Das kann man glauben, oder es bleiben lassen. Ich neige dazu, ihn ernst zu nehmen.

     Die mögliche und wahrscheinliche russische Reaktion bedeutet aus meiner Sicht nicht zwingend, dass ein kaum noch zu beherrschender Weltkrieg ausgelöst werden wird. Nein, es würde genügen, um Deutschland zu domestizieren, ein weltweit bemerktes Symbol zu zerstören. Wie wäre es mit einer Kinshal-Rakete, die das Taurus-Werk in Schrobenhausen mit Mach 10 pulverisiert? Bevor der Leser jetzt aufschreit und mich des Landes- oder eines sonstigen Verrats bezichtigt: Genau das ist es, was russische Militär-Experten derzeit diskutieren. Unrealistisch wg. der Beistandspflicht aus Art. 5 Nato-Vertrag? Einen Moment bitte, man zeige mir den Verbündeten, der jetzt wg. ein paar deutschen Taurus in den Krieg ziehen wird. Die USA sind es seit dem Amtsantritt von Trump mit Sicherheit nicht.

     Und zum Schluss: Vollends diffus ist die – auch von führenden deutschen Offizieren vertretene – Auffassung, die russische Armee sei im Felde schlagbar, weswegen man die Bundeswehr bis 2029 hochrüsten müsse. Weswegen der angeblich unberechenbare Führer im Kreml diesen Zeitpunkt abwarten sollte, bleibt das Geheimnis dieser uniformierten Propheten. In der Politik heißt es derzeit in Sachen Bundeswehr „Gebt mir vier Jahre Zeit“. Das kommt mir irgendwie bekannt vor. Die Parole ging seinerzeit für Deutschland nicht gut aus.

©Helmut Roewer, April 2025

Über die Eitelkeit und andere nützliche Motive, eine Autobiographie zu lesen

Der Dienstagmittag war regenverhangen in Erfurt, und da ich zu früh dran war, trat ich in das mildtätige Geschäft von Oxfam ein, mich unter den Augen wohlkonservierter älterer Damen die nächsten zehn, zwanzig Minuten herumzudrücken und vor dem einsetzenden Dauerregen zu schützen. Ein wunderbarer, ein ordentlicher Laden, die Bücher reichlich und wohlsortiert. Die überwiegende Zahl davon autobiographischen Inhalts. Und davon die meisten von Schauspielerinnen.

     Wie gesagt, ich musste Zeit totschlagen, also hatte ich welche, um die erste These meiner geplanten Biographie der Autobiographien zu formulieren, und die geht so: Autobiographien erfreuen sich deshalb eines besonderen Zuspruchs der Leserinnenschaft, weil sie der Spiegel des eigenen, so nicht gelebten Lebens sind. Nicht meine Lektüre, so dachte ich, wohl wissend, dass ich erst vor zwei Wochen das schlechte Wetter zu Weihnachten nutzte, um parallel drei autobiographische Texte zu lesen. Hier sind sie:

   

Eins

Der Buchtitel lautet Knife, so wie im amerikanischen Original, ansonsten handelt es sich um eine Übersetzung ins Deutsche. Ich nehme an, dass den Bertelsmännern das Wort Messer inopportun erschien, hat doch das Messer im Deutschen keinen guten Klang mehr, wo man zwar lauthals über Messerverbotszonen debattiert, es aber ablehnt, die Illegalen, die das Problem erst schufen, achtkantig aus dem Lande zu werfen.

     Das Buch Knife stammt von dem Schriftsteller Salman Rushdie, einem ehemaligen Inder, der via Großbritannien jetzt in den USA lebt. Es beschreibt den vor zwei Jahren auf ihn verübten Anschlag eines Mohammedaners, der sich offenbar berechtigt sah, das vor Jahrzehnten durch den finsteren persischen Revolutionsführer Khomeini gegen Rushdie verhängte Todesurteil zu vollstrecken. Man erinnert sich: Rushdie hatte den in den westlichen Feuilletons breit diskutierten Roman Die satanischen Verse veröffentlicht, der in der islamischen Welt für viel böses Blut sorgte, weil, wie ich las, darin über den arabischen Religionsstifter Unerfreuliches zu lesen sein soll. Der Leser bemerkt es sogleich: Ich habe das Skandal-Buch ebensowenig gelesen, wie all die anderen, die sich darüber ereiferten.

     Das Attentat auf Rushdie war überaus brutal. Die Messerstiche brachten ihn dicht an die Schwelle des Todes, die er wie durch ein Wunder nicht überschritt. Besonders schauerlich wirkt noch heute auf mich, dass ihm ein Auge ausgestochen wurde. Im ersten Kapitel des Buches erlebt der Leser den Angriff auf den Autor in einer lesenswerten Reportage aus seiner Sicht, im wahrsten Sinne des Wortes, bis zu dem Zeitpunkt, wo ihm die Sinne schwanden.

     Doch jetzt kommt das Ja-aber. Der Leser wird im Weiteren in die Welt des Salman Rushdie eingeführt. Es ist eine Welt der moralischen Überlegenheit, der New Yorker Schickeria, wo man bei Ausstellungen, bei Lesungen und bei angesagtem Essen angesagte Leute trifft, die sich über jene erheben, die nicht so weltoffen sind wie sie selbst. Dass ausgerechnet aus diesen Kreisen auch Leute zitiert werden, die im Nachhinein Verständnis für den misslungenen Meuchelmord äußerten, lese ich mit Abscheu. Ich lese mit Unverständnis, dass es Leute gibt, die sich an der Ironie weiden, dass die Untat an einem Orte geschah, wo die Guten sich eigens versammelt hatten, um die Alternativlosigkeit ihrer Werte zu betonen, und im selben Atemzug lese ich Kritik am Versagen des Sicherheitsdienstes. Eine Welt also, wo das wechselseitige friedliche und weltumspannende Umarmen nur unter bewaffnetem Personenschutz möglich ist. 

     Schließlich noch die Liebe. Darüber ist kaum zu diskutieren, wenn ein über Siebzigjähriger sich in eine deutlich jüngere Frau verliebt, die diese Liebe erwidert. Schöne Geschichte, das. Beide Familien sind strikt dagegen. Kommt vor. Beide Familien sind überaus erfolgreich, auch die Familie der Frau, deren Mitglieder tauchen am Rande auf. Einer davon, ein Bruder der jungen Frau, der erste schwarze Bürgermeister von Weiß-ich-wo in den USA. Ach, das ist es? Gerne füge ich hinzu, es ist mir wurscht, wer hier mit wem, aber Unmut kommt auf, wenn wir auf diese Weise erfahren, wie wichtig dem Autor die Gewalttäter-Bewegung mit Namen Black-lives-matter ist. Das ist unverhohlen Lob der politischen Gewalt. Aber nur, wenn’s grade passt.

     Und als schließlich die Ausfälle gegen den eigenen Vater (angeblich ein Säufer), der dem Autor das Leben eines Dandys an Englands Elite-Universitäten ermöglichte, zum Thema des Buches gemacht werden, da habe ich es zugeklappt. Soviel Korrektheit muss sein.

Zwei

Das Buch von Bernd Wagner Die Sintflut in Sachsen ist laut Untertitel, den der Verlag für richtig hielt, ein Roman. Es ist jedoch, falls nicht alles, was da zu lesen ist, gelogen sein sollte, in Wirklichkeit eine Autobiographie mit einigen leicht nachvollziehbaren Verfremdungen.

     Das Buch bringt die Geschichte eines Jungen aus Wurzen (in Sachsen), Ende der 1940er Jahre dort geboren und aufgewachsen. Falls, wovon ich ausgehe, nicht alles erfunden ist, dann ist es ein teils witziger, teils todtrauriger Schelmenroman über einen, der unter denkbar schlechten Bedingungen auf die Lebensbahn entsandt wird. Wir lesen im Wechsel die Reportage über diesen Weg und immer wieder eingestreut Betrachtungen aus dem Hier und Jetzt, die uns zweierlei zeigen: Was ist aus den im Lebensroman des Jungen vorkommenden Akteuren geworden, und dies hier: Was musste er selbst tun, um das zu werden, was er jetzt ist. Diese Reflexionen sind oft notwendig, denn die Welt, in der der Autor aufwuchs, ist keine, die einem Heutigen noch geläufig wäre.

     Nun ist es ja in gängigen Autobiographien üblich, dass der Leser mit Kinder- und Schulgeschichten behelligt wird, die man in dem Satz zusammenfassen könnte: Bevor ich ins Leben startete, ging ich bis zum soundso vielten Lebensjahr zur Schule in Sonstwo. Hier ist das anders. Wagners Buch ist auch und streckenweise nur die Geschichte seiner Eltern. Der Vater ist ein selbständiger Schmied am Rande der Stadt, die Mutter eine ehemalige Dienstbotin vom Dorf. Also eine Aufsteigergeschichte? Nicht ganz. Haus und Grundstück sind von Vorgänger-Generationen erarbeitet und ererbt. Man war wer, in einem eigentümlichen Stolz, dem der Selbständigkeit, der sich auf einzelne der Nachkommen übertrug, wie man lesen kann, denn auch die Verwandten des Autors, Onkel, Tanten, Geschwister bevölkern detailliert beschrieben die Szenerie.

     Über dem Ganzen wölbt sich die schöne neue, soeben in Schwung kommende Welt des Sozialismus à la DDR, in der Leute wie die Eltern der Klassenfeind waren. Wir erleben den Niedergang des mit viel Fleiß erwirtschafteten bescheidenen Wohlstands, das Wegbrechen der Kundschaft, das Verschwinden der einst auf jedem der Höfe vorhandenen Pferde. Das Aussterben der Höfe selbst, zudem der selbständigen Handwerker und Händler und mit diesen der Verfall einer offenbar einst reichen Kneipen-Kultur, wo man sich traf, bramarbasierte und Karten spielte. Traditionen verschwinden und mit ihnen eine wohlgeordnete und ausdifferenzierte Gesellschaft, an deren Stelle der genormte neue Mensch treten sollte. Einige fügten sich nur widerwillig, andere liefen mit fliegenden Fahnen über.

     Und schließlich, ich kann es mir nicht verkneifen, der Autor als Liebhaber. Das sind mehr als nur Andeutungen, wenn es darum geht, das weibliche Geschlecht ins Zentrum des eigenen Lebens zu rücken. Ich habe nicht vor, hier die Details preiszugeben. Die sollte sich der Leser schon selbst erarbeiten. Doch soviel sei verraten: Da ist mir ab und an ein verstehendes Aha oder So-so entschlüpft. Die Zahl der Möglichkeiten ist offenbar begrenzt. Was nicht bedeutet, dass man Anderleute Leiden der Menschwerdung nicht vergnügt liest. Ganz im Gegenteil. Ich tat’s.

     Das Buch endet, lange nach dem Tod des Vaters, schließlich auch mit dem Ableben der Mutter, deren spätes Siechtum den Sohn wieder in die völlig veränderte Nachwende-Vaterstadt zurückführt. Als die kleine Trauergesellschaft nach der Beerdigung beisammensitzt, bricht der Deich des Flusses Mulde. So geht das Buch in einem Furioso zu Ende. Ich empfehle es allen, die in ein längst vergangen geglaubtes Leben ohne jedes Nostalgie-Gejammer eintauchen wollen. Diejenigen, die so gelebt haben, sind noch unter uns. Der Autor ist einer davon.

Drei

Dieses dritte Buch ist ein nobel ediertes Bändchen des holländischen Schriftstellers Cees Nooteboom mit dem Titel Venedig – fluide Stadt. Nun besteht ja weiß Gott kein Mangel an Schriften über die Lagunenstadt, und jeder Venedig-Reisende wird sein Lieblingsbuch über die Stadt und ihre Geschichten zu loben wissen.

     Das vorliegende Buch, auf einen simplen Nenner gebracht, möchte ich den Bericht eines Flaneurs nennen. Der Autor beschreibt, was er unternahm und sah, als er es sich zur Gewohnheit machte, bei einem längeren Aufenthalt, also in einer Mietwohnung wohnend, Venedig abseits der Touristen-Ströme zu seiner eigenen Sache zu machen. Das klingt wie die Quadratur des Kreises: der Tourist als Nicht-Tourist. Damit hat er bei mir eine Saite zum Klingen gebracht, denn der selbe Wunsch stellte sich bei mir in den Nuller Jahren dieses Jahrhunderts ein, als ich ein festes Quartier bezogen hatte, das es mir freistellte, mich zu Hause zu fühlen, nicht jeden Tag etwas zu unternehmen, dafür aber für den täglichen Bedarf einzukaufen.

     Zurück zum besprochenen Buch, es ist ein autobiografischer Text, über dessen Sorte und Leserschaft ich mich am Eingang dieses Aufsatzes lustig machte. Nun gilt: Ich habe ihn gelesen, um mich in ihm zu spiegeln. Er ist so, als wäre er eigens für mich geschrieben worden. Dem Buch sind einige schwarz-weiß Aufnahmen der Photographin Simone Sassen beigegeben. Ich nehme mir vor, beim nächsten Mal auf den Wegen Nootebooms und seiner Gefährtin zu wandeln – beim hoffentlich nächsten Mal.

Deutschland und der Ukraine-Konfikt – ein kurzes Update im November 2024

In diesem Aufsatz behandele ich im Anschluss an mein Buch Nicht mein Krieg. Deutschland und der Ukraine-Konflikt diejenigen Ereignisse seit dem Sommer 2024, die man aus meiner Sicht zur weiteren realistischen Lageeinschätzung wissen sollte. Vorab kann gesagt werden, dass sich an den bereits im Buch geschilderten Grundzügen über Herkunft und Verlauf des Konflikts wenig geändert hat.

Erster Teil: Politische Entwicklung

Im Folgenden werden die verschiedenen Kriegsbeteiligten jeweils gesondert behandelt, also im Wesentlichen die USA, Deutschland, die Ukraine und Russland.

(1) Die USA im Ukraine-Krieg

In der Zeit vom Sommer bis zum 5. November 2024 (Wahltag in den USA) dümpelte die US-amerikanische Unterstützungspolitik für die Ukraine vor sich hin. Die Nato gab auf ihrem Gipfeltreffen in Washington im Juli 2024 ein ellenlanges Papier heraus. In ihm ist viel von Solidarität die Rede, aber nichts vom Eingreifen in den Konflikt mit eigenen Truppen. Der nicht ohne Komik auftretende US-Präsident – er sprach Selenskyj als „Mr. Putin“ an – ließ erkennen, dass es zukünftig die Rolle der Europäer sei, die Finanzierung des Ukraine-Kriegs zu übernehmen. Auf einen konkreten Fahrplan zur Aufnahme der Ukraine in das Bündnis einigten sich die Teilnehmer nicht, nachdem einige Mitglieder unter der Meinungsführerschaft von Ungarn angedeutet hatten, sie würden einer Aufnahme der Ukraine ohnehin ihr Veto entgegensetzen.

      Das selbe Halbherzige der US-Regierung zeigte sich bei der von ihr anberaumten Ukraine-Stützungskonferenz in Ramstein Anfang Oktober 2024. Der dort angekündigte US-Präsident erschien nicht. Ihn vertrat US-Verteidigungsminister Lloyd Austin. Die US-Unterstützungszusagen blieben vage. Stattdessen übernahmen absprachegemäß gegenüber dem angereisten ukrainischen Präsidenten die Deutschen unter Verteidigungsminister Pistorius die Zusagen für Waffen und Munition.

      Keine Änderung des prinzipiellen Rückzugs aus der Ukraine brachte schließlich auch der Besuch von US-Präsident Biden in Berlin, der – für das Publikum überraschend – zu einem Vierergipfel ausgebaut wurde, an dem neben dem Bundeskanzler auch der französische Staatspräsident Macron und der britische Premier Starmer teilnahmen. Ob tatsächlich konkrete Absprachen bezüglich der Ukraine getroffen wurden, blieb hinter dem üblichen Schwall diplomatischer Floskeln verborgen. Es ist indessen anzunehmen, dass das Quartett sich darauf verständigte, keine der nationalen Fernwaffen für den Beschuss tief nach Russland hinein freizugeben. Eine Koordinierung erschien schon deswegen angezeigt, weil Großbritannien solche Angriffe offen befürwortete und Frankreich sogar vom Einsatz eigener Truppen nicht abgeneigt schien.

      Die Abneigung der US-Regierung gegen den Fernbeschuss in die russische Tiefe hinein wurde durch einen Umweg über die New York Times am Vortag der Konferenz zum Ausdruck gebracht, wonach US-Geheimdienste die Warnung ausgesprochen hätten, Russland werde auf solche Angriffe seinerseits mit asymmetrischen Schlägen auf die für den Beschuss verantwortlichen Staaten reagieren. Die Berichterstattung wies auf die Kapazitäten und den Willen des russischen Militärgeheimdienstes GRU hin, der bereit und in der Lage sei, Anschläge auf US-Einrichtungen in Europa und auch solche in den USA selbst durchzuführen.

      Ob den US-Diensten derartige Erkenntnisse tatsächlich vorliegen, mag dahinstehen. Zumindest ist unbestreitbar, dass sowohl Präsident Putin als auch Außenminister Lawrow im Sommer und Herbst 2024 unmissverständlich klarstellten, bei entsprechenden Angriffen nach Russland hinein, die mit der Unterstützung von Nato-Staaten stattfinden und nach Auffassung der Russen nur mit dieser Unterstützung stattfinden können, diese Staaten mit geeigneten Mittel ebenfalls angegriffen werden würden. Diese Warnung scheint bei der US-Regierung und auch bei der Bundesregierung angekommen zu sein und ernst genommen zu werden.

      Schließlich kam nach den ewigen und ermüdenden, für sicher erklärten Wahlprognosen dann tatsächlich der Tag der US-Wahlen (4. November 2024). Deren Details und das groteske Falschliegen von Mainstreammedien und der deutschen politischen Klasse muss hier, weil nicht zum Thema gehörig, nicht erörtert werden.

      Zum Thema gehören indessen Trumps Wahlversprechen, den Ukraine-Krieg binnen Tagen zu einem Ende zu bringen. Etwas nebulös hatte er ab und an hinzugefügt, das könne er bereits vor seinem offiziellen Amtsantritt erledigen. Buchen wir das unter Wahlkampfgetöse, so bleibt unterm Strich die Ankündigung eines möglichen Kriegsendes. Diese Botschaft beinhaltet zunächst einmal die Kernaussage, dass es diesen jetzt andauernden Krieg ohne das aktive Mittun der USA gar nicht geben würde. Das ist Realismus pur.

      Sollte Trump nach seinem Amtsantritt tatsächlich Schritte zur Beendigung des Ukraine-Konflikts unternehmen, dürfte sein Tun inneramerikanisch auf erheblichen Widerstand stoßen. Es dürften beispielsweise die Kriegsgewinnler von Black Rock und J.P. Morgen, die zum Monatswechsel Oktober auf November 2024 in Luxemburg ein milliardenschweres Ukraine-Konsortium gründeten, sich nicht freiwillig die Butter vom Brot nehmen lassen. Zwar feierte die Börse in New York den Trump-Sieg mit Rekord-Gewinnen, aber wenn irgendwo Substanzverlust droht, werden die Hyänen bissig. Wie sagte doch der einflussreiche Senator der Reps Lindsey Graham vor kurzem erst in seltsamer Ehrlichkeit? Die Ukraine ist die Goldader der USA. Diese Leute werden darauf bestehen, dass Trump ihnen ihre Gewinne sichert.

(2) Deutschland im Ukraine-Krieg

Der politische Rückzug der USA aus dem Ukraine-Krieg ist zulasten Deutschlands erfolgt. Die Lastenverschiebung wurde von US-Präsident Biden seit dem Nato-Gipfel in Washington mehrfach öffentlich bekanntgegeben. Die deutsche Regierung hat sich dem nicht widersetzt, sondern kontinuierlich zu erkennen gegeben, dass sie diese Rolle übernehmen will, zuletzt anlässlich des Antrittsbesuchs des neuen Nato-Generalsekretärs in Berlin. Der neue Mann ist der Niederländer Mark Rutte (sprich: Rütte), ein bei ihm zu Hause abgewählter ehemaliger Ministerpräsident. Er ist seit Jahr und Tag ein strikter Befürworter der aktiven Einmischung in den Ukraine-Konflikt. In Berlin hat er klargestellt, dass es sein als erreichbar bezeichnetes Fernziel sei, den Staat der Ukraine als Mitglied in die Nato zu holen. Das ist nicht ohne Ironie, da seine Amtsnachfolger in Holland dies vermutlich anders sehen.

      In Deutschland lässt sich der Wille der Bundesregierung, die Führung im Ukraine-Unterstützerlager zu übernehmen, an zwei politischen Aktivitäten ablesen. a) Zum einen geht es um die Wiedereinführung der Wehrpflicht, die 2011 entgegen der Verfassung abgeschafft wurde, weswegen man diesen Akt beschönigend als Aussetzung bezeichnet hat. b) Zum andern ist die drastische Anhebung der Ukraine-Hilfe Gegenstand der Haushaltsbemühungen.

      Zu a) Der Gesetzentwurf zur Wiederinstallierung der Wehrpflicht wurde bereits in den Bundestag eingebracht. Er beinhaltet einen eigenartigen Zwitter, denn in Wirklichkeit will man die Wehrpflicht gar nicht wieder einführen, sondern setzt weiterhin auf Freiwillige. Die einzige bemerkbare Änderung soll die Wiedereinführung der Erfassung von wehrpflichtigen jungen Männern sein, über deren Vorhandensein man in der deutschen politischen Führung nach der sog. Aussetzung der Wehrpflicht und der damit einhergehenden Abschaffung der Wehrersatzämter jegliche Übersicht verloren hat. Das Schicksal dieser Novelle ist seit dem Zerplatzen der Ampelkoalition am 6. November 2024 höchst ungewiss.

      Zu b) In der Öffentlichkeit wurde zunächst kaum bemerkt, dass die international verkündete deutsche Ukraine-Hilfe das finanzielle Loch – das ohnedies wg. des wirtschaftlichen Niedergangs Deutschlands, auch wg. des das Klima-Märchens und des fortgesetztes Sponsorings von illegalen Zuwanderern unübersehbar geworden ist – nunmehr vollends unbeherrschbar machen würde. Am Streit über diesen Aspekt ist – zumindest wird dies durch die Kontrahenten verkündet – die Ampel-Koalition gescheitert, weil, nachdem der Finanzminister Lindner öffentlich auf die Schieflage hingewiesen hatte, der Bundeskanzler ihn entließ.

      Der Bruch der Ampelkoalition hat auch ganz andere mögliche Auswirkungen auf die deutsche Rolle im Ukraine-Konflikt. Zunächst wird der CDU die Rolle zufallen, ob sie den von der Bundesregierung selbst erzeugten unabsehbaren Finanzbedarf in Sachen Ukraine im Bundestag anstelle der jetzt oppositionellen FDP einfach durchwinkt. Möglich wäre es, denn die Union gehört zu den bedenkenlosen Exekutoren US-amerikanischer Weltmachtpolitik – ein Verhalten, das sie hinter dem Schlagwort der Bündnistreue verbirgt. An dieser Stelle muss ich dem Leser einen scheinbaren gedanklichen Umweg durch die deutsch-russischen Beziehungen zumuten. Ich werde dies in Form von Exkursen zu den drei politischen Parteien tun, die im Augenblick eine zu beachtende Rolle spielen, nämlich, wie schon angedeutet, die CDU, aber auch die AfD und schließlich das BSW.

      aa) Exkurs zur CDU. Die CDU ist ein Kind des Kalten Krieges. Die Bündnistreue zu den USA musste in Westdeutschland angesichts der Verheerungen, die durch die sowjetischen Herrscher im Osten Deutschlands angerichtet wurden, nicht gesondert erzwungen werden. Sie ergaben sich mehr oder weniger automatisch kraft des täglichen Anschauungsmaterials. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks waren es die USA, welche die scheinbare Chance sahen, zur Einzigen Weltmacht aufzusteigen und dies als Änderung ihrer Weltpolitik durchzusetzen versuchten.    

      Die CDU machte diesen Schwenk gehorsam mit. Auch dieser Gehorsam musste nicht groß erzwungen werden, da sich die CDU mit der Teillegende beruhigte, die USA hätten die deutsche Einheit erst ermöglicht. Dass die Wirklichkeit zumindest auch eine andere war, wurde alsbald verdrängt.

      Der allgemein sichtbare, aber nur wenig beachtete Kulminationspunkt in der Selbstunterwerfung der CDU unter das US-amerikanische Weltherrschaftssystem war die Reise der frischgebackenen CDU-Vorsitzenden Merkel zu Beginn des Irak-Kriegs, gleich nachdem der damalige Bundeskanzler Schröder der Kriegsmacht die Gefolgschaftstreue versagt hatte. Beides führte in Deutschland auf geradem Weg zum Machtwechsel. Merkel erschien den US-amerikanischen Weltenlenkern tragbar, da sie ihre Unterwerfung öffentlich zur Schau gestellt hatte. Ihre Herrschaft, die eine Orgie der deutschen Selbstzerstörung war, wurde bei der letzten Bundestagswahl selbst den propagandistisch breitgequatschten Deutschen zuviel, die der dann antretenden schrägen Ampel-Koalition mit der sich selbst auflösenden SPD an der Spitze zur Herrschaft verhalfen. Diese ist jetzt zu Ende, nachdem der nächste US-Trabant zur Machtübernahme bereit steht.

      So sieht die politische Situation in Deutschland bezüglich des Ukraine-Konflikts aus. Es steht zu erwarten, dass sich gleich nach der zu erwartenden Bundestagswahl eine rechnerisch irgendwie zusammengeschusterte Koalition unter der Führung der CDU bildet, die den amerikanischen Vorgaben, die spätestens dann erkennbar sein werden, bedenkenlos folgen wird.

      bb) Exkurs zur AfD: Die AfD ist auf der politischen Bundesbühne derzeit die einzige ernstzunehmende politische Kraft, die konsequent dem Ukraine-Kriegsbeteiligungskurs Deutschlands widerspricht. Die Chance, das sie ihre Auffassung in praktische Politik umsetzen kann, tendiert gegen Null. Auch bei den kommenden Wahlen wird sich hieran kaum etwas ändern. Das Allparteien-Kartell, gestützt von der Exekutivmacht und dem privat-öffentlichen Propaganda-Apparat werden es zu verhindern suchen.Hierbei zeigen die 30-Prozent-Wahlerfolge der AfD in Sachsen und in Thüringen, dass diese für das Establishment ohne weiteres verkraftbar sind. Die Parteien des Kartells können sich hierbei auf eine Rechtsprechung stützen, die einen der angeblich unantastbaren Grundpfeiler der freiheitlichen demokratischen Grundordnung bereits abgebrochen hat, nämlich den der Ausübung der gesetzlich garantierten Opposition.

      Zu den Besonderheiten des propagandistischen Kampfes gegen die AfD gehört die gezielte Falschbehauptung, die CDU sei eine konservativ-bürgerliche Kraft, so dass nach wie vor zahlreiche Wähler, die hoffen, dem linken Weltrettungswahn gegensteuern zu können, CDU wählen. Auch die Behauptungen in den sog. alternativen Medien, in Sachsen und Thüringen hätten die Wähler mit Zweidrittelmehrheit für ein konservativ-bürgerliches Lager gestimmt, sind inhaltlich falsch. Vielmehr ist es so, dass ebendiese alternativen Medien daran beteiligt waren, die Wähler im Sinne des CDU-Machterhalts bzw. Erwerbs zu täuschen. Die Betroffenen werden das nicht gerne hören, aber bevor dieselben sich nicht vom oben schon erörterten Wahn der US-Bündnistreue lösen, wird sich nichts ändern.

      cc) Das BSW. Es liegen nach den Wahlen im September 2024in Brandenburg, Sachsen und Thüringen nunmehr erste praktische Erfahrungen mit dem BSW vor. In allen 3 Bundesländern wird das BSW nach der Marginalisierung von FDP, Grünen und Linken zur Mehrheitsbeschaffung benötigt, wenn man die AfD weiterhin politisch außenvorhalten will. Hierbei zeigt es sich, dass die zentrale Wahlaussage des BSW, nämlich kriegerische Handlungen mit Blick auf Russland zu unterlassen und nach einem friedlichen Ausgleich zu suchen, gleich nach dem Wahlausgang auf der Ebene der Länder unter die Räder gekommen ist. Es muss sich erst noch zeigen, ob es der Bundesspitze des BSW gelingt, die Landesverbände an die Kandare zu nehmen. Gelingt das nicht, kann das BSW seine Chancen auf Bundesebene begraben. Es ist daher damit zu rechnen, dass vor allem CDU und BSW durch tolldreiste Friedensfloskeln versuchen werden, die offensichtlichen Gegensätze in Richtung Russland zu verkleistern.

      Eine Friedens-Demo am 3. Oktober 2024 im Tiergarten zu Berlin brachte angeblich 40.000 Männer und Frauen auf die Beine. Selbst wenn es nur die Hälfte gewesen sein sollte, war es ein seltsames Mixtum aus kommunistischen Machtpolitikern des BSW und ehemaligen Grundsatz-Pazifisten. Ohne Sahra W., das Zugpferd, wären es vielleicht 400 gewesen. Man stelle sich vor, auch die AfD hätte aufgerufen, dann wäre wenigstens der linke Gewalttäter-Mob auf der Straße gewesen. Doch es blieb friedlich und die AfD fern.

(3) Die politische Lage bei der Kriegspartei Ukraine

Der Führer der Ukraine ist seit Mai 2024 nicht mehr als gewählter Präsident im Amt, denn seine Amtszeit ist abgelaufen. Wohlmeinende retten sich und ihn mit dem Scheinargument, dass auch die Abgeordneten des Parlaments, der Zentralrada in Kiew, sich wg. der Kriegszeiten nicht erneut dem Wähler stellen müssten. Nur hat das eine mit dem anderen nichts zu tun, denn der Präsident der Ukraine wird vom Volk direkt und nicht von der Rada gewählt.

      In der Zeit seit dem Nato-Gipfel in Washinton war Selenskyj an etlichen Treffen der Nato, der EU und anderer europäischer Gremien persönlich beteiligt. Lediglich zum Treffen von US-Präsident Biden mit Scholz, Starmer und Macron in Berlin war er nicht zugelassen. Er hielt sich zu dieser Zeit im nahegelegenen Holland auf, um für seinen Siegesplan zu werben, den er bereits wenige Tage zuvor dem Bundeskanzler unter vier Augen erläutert hatte.

      Die offizielle Vorstellung des Siegesplans erfolgte dann wenige Tage später, am 16. Oktober 2024, vor der Rada in Kiew. Um nicht missverstanden zu werden: Dieses ist expressis verbis ein Sieges- und keineswegs ein Friedensplan. Er soll mit einer zweiten sog. Friedenskonferenz westlicher Partner durchgesetzt werden. Von den Russen ist nicht weiter die Rede. Halten wir das im Hinterkopf, bevor wir betrachten, was angestrebt wird: a) Der Krieg wird 2025 (siegreich) zu Ende gehen. b) Der Waffen- und Finanznachschub aus dem Westen wird gesichert. c) Im Gegenzug werden Rohstoffvorkommen und Industrieanlagen in einem geheim gehaltenen Unterplan verwertet, auf gut deutsch: verpfändet oder verhökert. d) Der für wahrscheinlich gehaltene Abzug der US-Amerikaner aus Europa wird dadurch kompensiert, dass ukrainische Truppen in deren Positionen einrücken (jaja, ganz richtig gelesen).

      Es fällt nicht leicht, die Vorschläge Selenskyjs ernst zu nehmen. Sie klingen so, als würde hier ein strahlender militärischer Sieger Brosamen an die Alliierten verteilen, indem er ihnen Bodenschätze und militärische Hilfe anbietet. Die Ukrainer als Schutztruppen im westlichen Europa? Das klingt wie ein schlechter Scherz, zumal es eine ernst zu nehmende ukrainische Armee derzeit nicht mehr gibt. Wovon also redet dieser Mann? Er versucht verzweifelt nach einer Möglichkeit, die europäischen Nato-Staaten in den Krieg mit Russland auf Teufel komm raus hineinzuziehen, und das ist nicht gerade neu. Bei Lichte betrachtet haben die Ukrainer nichts anzubieten. Die militärische Lage, auf die ich sogleich zu sprechen kommen werde, lässt das nicht zu.

(4) Die politische Lage der Kriegspartei Russland

Die politische Führung in Russland ist – entgegen immer wieder aufkommender Gerüchte in den westlichen Medien – unangefochten und stabil. Allen westlichen Verhandlungsaufwallungen zum Trotz vertritt eine Phalanx russischer Spitzenfunktionäre, dass es angesichts der Kriegslage nichts zu verhandeln gäbe. Ihre Kriegsziele stünden fest und würden derzeit erreicht: Inkorporierung der vier ex-ukrainischen Oblaste von Donjezk, Lugansk, Cherson und Saporoshje, die Entmilitarisierung, Entnazifizierung und Nato-Freiheit der Rest-Ukraine.

      Im Westen scheeläugig betrachtet, treiben die BRICS-Staaten, im Herbst im russischen Kasan versammelt, ihre wirtschaftlichen und finanzpolitischen Vereinbarungen voran. Die Zahl der Staaten die diesmal als Beobachter oder Anwärter anwesend waren, ist Ausweis dafür, wie weit inzwischen die Attraktivität dieses System der Entdollarisierung fortgeschritten ist. Wichtig für den neu auflebenden Ost-West-Konflikt: Das Aufnahmegesuch der Türkei wurde nicht angenommen, das finanzpolitisch bedeutsame Saudi-Arabien beschränkte sich auf eine Beobachterrolle. Wichtig für den Ukraine-Konflikt: Der Krieg wurde als eine russische Angelegenheit bezeichnet.

Zweiter Teil: Die Militärische Lage und die Manöver der Geheimdienste

(1) Die Lage im Frontbogen

Es haben sich, wenn man sich erst einmal an das stete langsame Vorrücken der russischen Armee in Richtung Dnjepr gewöhnt hat, keine neuen Besonderheiten ergeben. Die Taktik des Vorgehens bleibt stets dieselbe: Befestigte Plätze werden seitlich umgangen. Dies ist deswegen möglich, weil die ukrainische Armee nicht mehr genügend viele Truppen für den Aufbau einer durchgehenden Frontlinie à la Erster Weltkrieg besitzt. Die Feuerüberlegenheit der russischen Armee ist erdrückend, so dass die in den festen Plätzen konzentrierten ukrainischen Verbände und Einheiten von drei Seiten aus zusammengeschossen werden können. Entsprechend hoch sind die Verluste, die – übereinstimmend nach russischen und ukrainischen Angaben – nicht mehr durch Ersatz ausgeglichen werden können.

      Die russischen Angriffsbewegungen konzentrieren sich auf das vollständige Besetzen der vier für Russland reklamierten Oblaste. Andere großangelegte Offensivabsichten sind nach wie vor nicht zu erkennen.

(2) Die Lage im Sack von Kursk

Am Sonntag, dem 4. August 2024, brach, für die russische Seite offenbar überraschend, eine starke ukrainische Militärkolonne über die russische Grenze hinweg in Richtung Kursk durch. In den darauf folgenden Tagen wurde die Einbruchstelle auf mehrere Kilometer Breite und Tiefe ausgedehnt. Kursk, die Hauptstadt des betreffenden, gleichnamigen Oblasts wurde nicht annähernd erreicht – auch nicht auf Artillerieschussweite –, obwohl die verbreiteten Siegesmeldungen zunächst anders klangen. Bereits Mitte August 2024 wurden die Einbruchsstellen abgeriegelt. Die Kämpfe dort dauern bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt (Anfang November 2024) an.

      Über den Sinn der ukrainischen Kursk-Kampagne ist alsbald mit Erbitterung gestritten worden, vor allem auf der ukrainischen Seite und bei ihren westlichen Verbündeten, nachdem die erste Euphorie eines scheinbaren großen Sieges abgeklungen war. Der ukrainische Präsident sprach von einem Faustfand, das man in Händen halte, um die Russen im Falle von Friedensverhandlungen im Wege des Tausches zum Rückzug aus den besetzten Gebieten veranlassen zu können.

      Dieses Argument klang in dem Maße ab, wie es den Russen gelang, die eingedrungenen Verbände einzuschnüren und wie auf dem Manöverschießplatz Fahrzeug um Fahrzeug, Mann um Mann zu vernichten. Bilder, die aus diesem Kampfabschnitt an die Öffentlichkeit drangen, ließen keinen Zweifel aufkommen, mit welcher brutalen Konsequenz die Russen vorgingen. Kritiker aus den Reihen des höheren ukrainischen Offizierskorps monierten bald öffentlich, dass die Führung hier die letzten funktionstüchtigen Reserven verheizt habe, die nun an der Haupt-Verteidigungsfront im Donbass an allen Ecken und Enden fehlen würden.

      Dieser Kritik schlossen sich auch bald die westlichen Unterstützer, vor allem aus Großbritannien und den USA, an. Es wurde hinzugefügt, man sei von der ukrainischen Offensive vollkommen überrascht worden. Diese Stellungnahmen begegnen Glaubwürdigkeits-Bedenken. Diese verstärkten sich bis zur Überzeugung vom Gegenteil, nachdem am 2. Oktober 2024 Berichte von der Vorplanung der Kursk-Kampagne in die westliche Öffentlichkeit drangen. Hiernach wäre es so gewesen, dass im Februar 2024 im Atlantic Council die Idee des Einbruchs nach Russland entwickelt worden sei, weil die beteiligten Experten, einschließlich von zwei Ex-US-Botschaftern aus Moskau und Kiew, der Überzeugung Ausdruck verliehen hätten, ein plötzlicher Überfall in Richtung Kursk unter Einschluss eines Angriffs auf das dortige Atomkraftwerk werde die Herrschaft Putins zum Einsturz bringen.   Vorausgesetzt, dass diese Meldungen stimmen, lässt sich sagen, dass Prognosen dieser Art auf Wunschdenken beruhten, denn nach meiner Einschätzung bewirkte das Eindringen auf russisches Territorium beim russischen Volk das genaue Gegenteil des Gewünschten, nämlich eine engere Anlehnung an die Kriegführung des russischen Präsidenten. Ich halte zwar nicht viel von Spekulationen über die russische Seele, aber wenn sie überhaupt je sichtbar wird, dann in Fällen wo das russische Vaterland in Gefahr zu geraten droht. Ein Blick auf die Jahre 1941 ff. sollte Neugierigen zu denken geben.

(3) Der Kampf in der Tiefe des Raumes

Nach wie vor richten sich Luftangriffe beider Kriegsparteien (Raketen, Drohnen und zusätzlich auf russischer Seite Gleitbomben) gegen Einrichtungen der Energieversorgung und der Flug- und Raketenabwehr. Über die Ergebnisse lässt sich kaum etwas Verlässliches sagen. Unbestätigtem Vernehmen nach soll es in den Großstädten Charkow und Kiew zu Rationierung von Strom und Wasser gekommen sein.

       Nach ukrainischen offiziellen Angaben gegenüber der EU und den Nato-Staaten sei die Versorgung der gesamten restlichen Ukraine mit Elektrizität äußerst prekär. Hinzu kommt, dass Russland angekündigt hat, die immer noch bestehenden Lieferverträge für Erdgas über das Territorium der Ukraine, die zum Jahrsende vertragsgemäß ausläuft, nicht zu verlängern.

      Das seit Kriegsbeginn im Frühjahr 2022 von russische Sicherheitskräften besetzte Kernkraftwerk Saporoshje, das von der russischen Rosatom betrieben wurde, ist seit geraumer Zeit heruntergefahren, weil es in unregelmäßigen Abständen beschossen wird. Beide Seiten bezichtigen einander hierfür der Täterschaft. Am 10. August 2024 haben zwei Drohnen eine der Kühlanlagen getroffen und schwer beschädigt, so dass ein Brand ausgebrochen ist. Die Lage des Kraftwerks wird zunehmend heikel. Von beiden Seiten, die wie üblich auf einander zeigen, kommt nach meiner Beurteilung nur das Regime in Kiew in Betracht.

      Ähnliches lässt sich für das russische Kernkraftwerk von Kursk feststellen. Einige Kommentatoren behaupten, die Zerstörung des Kraftwerks sei das eigentliche Ziel der ukrainischen Offensive Richtung Kursk gewesen, um durch Erzeugung einer Großkatastrophe die russische Seite friedenswillig zu machen. Die im russischen Fernsehen vorgeführten ukrainischen Kriegsgefangenen, die berichten, einen entsprechenden Sabotageauftrag erhalten zu haben, erwecken Zweifel.

Zweifel wecken auch die Meldungen im Oktober 2024 über angebliche Geheimgespräche zwischen beiden Seiten, die mit dem Ziel geführt würden, die Anlagen der Energieversorgung wechselseitig zu schonen. Die russische Seite widersprach unverzüglich, etwas später auch der ukrainische Verteidigungsminister.

(4) Geheimdienstaktionen

Der Angriff auf die deutsch-russische Gaspipelines Nord Stream 1 und 2 in der Ostsee im September 2022 wurde von mir und einigen anderen unverzüglich als US-amerikanische Sabotageaktion eingeschätzt. Dem hat im Laufe das Jahres 2023 Mainstream mit einer märchenhaften Geschichte von einem aus dem Ruder gelaufenen ukrainischen Sabotagekommando, das die Tat von Bord einer Segelyacht namens Andromeda ausgeführt habe, widersprochen. Diese Annahme ist fachlich so blödsinnig, dass es nicht lohnt, darauf einzugehen.

      In diesen Zusammenhang passt die Verlautbarung des CDU-Bundestagsabgeordneten Oberst a.D. Kiesewetter, der so zitiert wurde, dass – selbst wenn die Sabotagetat eine solche der Ukraine gewesen sein sollte – dies im Interesse Deutschlands geschehen sei. Der Mann ist zuvor bereits mehrfach mit der Forderung in Erscheinung getreten, die aus Deutschland zu liefernden Taurus-Marschflugkörper für den Einsatz im Inneren Russlands freizugeben. Mir liegt ein Schreiben deutscher Generalstäbler vor, die den Ex-Kameraden auffordern, auf den Boden der Realität zurückzukehren. Dem ist nicht viel hinzuzufügen.

      Zurück zu Nord Stream: Mitte Oktober 2024 ist die US-amerikanische Täterschaft durch ein weiteres Detail bestätigt worden. Der bislang zum Schweigen veranlasste Hafenmeister von Christiansø – vor Bornholm gelegen –, John Anker Nielsen, sprach nunmehr öffentlich aus, was er aus eigenem Erleben weiß, dass nämlich das US-amerikanische Sabotageschiff USS Kearsarge kurz vor den Explosionen vor Ort war, wo es seine Navigationseinrichtungen abschaltete, und dass zudem US-amerikanische Seestreitkräfte den Dänen mit Gewaltandrohung vom späteren Tatort verscheuchten. Die Kearsarge ist eine schwimmende Sabotagefestung, bestückt mit Flugzeugen und unbemannten U-Booten. Sie hatte vor dem Einsatz am 17. September 2022 in Gdynia (Gdingen) in Polen festgemacht. Empfehle den US-deutschen Märchenerzählern von der ukrainischen Segelyacht, welche angeblich den Angriff fuhr, mal einen Blick auf diesen Koloss aus Stahl zu werfen, damit sie eine Ahnung von der Kriegs-Realität des US-Angriffs auf das deutsch-russische Energie-Projekt bekommen.

Schluss: Die AussichtenDie sog. Experten streiten zur Zeit, wie sich der Wahlsieg von Trump auf den Ukraine-Krieg auswirken werde. Ich halte all diese gelehrten Prognosen für Kaffeesatzleserei. Wir werden abwarten müssen. Nur eine Sache erscheint mir realistisch: Die Atlantiker bei uns müssen sich schleunigst neu ausrichten, sonst stehen sie plötzlich ohne Hintermann mit beiden Beinen in einem Krieg gegen Russland, den Deutschland nicht gewinnen kann.
©Helmut Roewer, November 2024

Sumenson

Ein Zwinkern der Weltgeschichte, oder: ohne Moos nix los – Eugenia Sumenson und des Kaisers Millionen

Stellen Sie sich vor, es hätte diese Frau nicht gegeben, die Oktoberrevolution 1917 hätte nicht stattgefunden.  Stimmt nicht? Na ja, aber lesen Sie selbst.

Eins

Menschenjagd

Dieses ist die Geschichte einer Menschenjagd. Doch keine Angst, alle Beteiligten sind längst tot, und der Jäger bin ich, der Autor. Die Jagd gilt Eugenia Sumenson. Sie war in den Jahren 1916/17 die finanzielle Drehscheibe für die an die Macht strebenden Bolschewiki in Russland. Den Grund für meinen Jagdeifer vermag ich ohne Mühe zu nennen: Diese Frau war in einem komplexen System der Heimlichkeit tätig, um das Gold des Kaisers, wie man damals sagte, in die Münze der Revolution umzurubeln. Oder, weniger poetisch: Sie betrieb die einschlägige Geldwaschanlage, auf die ich gleich zu sprechen kommen werde.

       Bei meinen ersten Recherchen zu dem Komplex der deutschen Finanzierung der Oktoberrevolution 1917 stieß ich vor rund 20 Jahren auf die üblichen Schwierigkeiten. Eine nicht gerade üppige Faktenlage wurde seit den 1950er Jahren von einem Forscher zum anderen weitergereicht. Neues und Tiefbohrungen blieben aus. Man kann das verstehen, denn ausgesprochen erschwerend war der Umstand, dass die Täter beider beteiligten Seiten kein Interesse daran hatten, das eigene fragwürdige Tun bei diesen Weltereignissen klarzustellen:

       Die deutschen Verursacher mauerten nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, da niemand in der Installierung des Sowjetregimes eine Ruhmestat erkennen mochte. Über das Schweigen der sowjetischen Seite muss man nicht lange räsonieren. Wer gibt schon gerne zu, dass er auf fremde Kosten unterwegs war, und ohne diesen Sponsor nichts gelaufen wäre.

Zwei

Die deutschen Hintermänner

Die Frage Wer-war-das? stellt sich jedem, der nicht daran glaubt, dass Geschichte sich nach den Marx’schen Determinanten abspielt, sondern für unumstößlich hält, dass es ganz normale Menschen sind, die das verursacht haben, was wir in der Rückschau einen historischen Augenblick nennen.

       Ich konzentrierte mich seinerzeit auf die deutschen Verursacher des russischen Desasters, denn als ein solches sehe ich noch heute die einschlägigen revolutionären Ereignisse in Russland an. Es waren zu meiner Verblüffung nicht irgend welche Geheimdienst-Finsterlinge, sondern ein knappes Dutzend hochrangiger kaiserlich deutscher Beamter aus dem Auswärtigen Amt und drei Gesandtschaften, nämlich denen aus Bern, Stockholm und Kopenhagen. Was sie erdachten, war der Systemsturz in Russland, um diesen Staat aus der Phalanx der Feindstaaten des Ersten Weltkriegs herauszubrechen – und zwar durch Anzetteln einer Revolution zugunsten einer zum Frieden bereiten sozialistischen Regierung.

       Diese für die stockkonservativen Würdenträger einer Monarchie, wie den Diplomaten Ulrich Graf Brockdorff Rantzau, nicht gerade auf der Hand liegenden Gedanken waren der Erkenntnis geschuldet, dass bereits im September 1914, nach nur fünf Wochen der Kriegführung, der für wunderbar gehaltene deutsche Schlieffen-Plan für eine Zweifronten-Kriegführung gescheitert war: Die Franzosen waren nicht in einem Blitzfeldzug niedergeworfen worden, und die russische Armee war überraschend rasch über die deutsche Ostgrenze vorgerückt. Der Krieg war demnach mit militärischen Mitteln nicht mehr zu gewinnen.

       Genau diese Erkenntnis zwang zu Überlegungen, die Feinde auf andere Weise unschädlich zu machen. Im Falle Russlands sollte das durch Revolutionierung im Innern und durch Aufwiegelung von dessen Randstaaten gegen die Zentralmacht geschehen. Ab Dezember 1914 konzentrierten sich die einschlägigen Bemühungen auf den Bolschewiki-Führer Wladimir Uljanow (Lenin), der in der Schweiz im Exil saß. Er war der einzige russische Revolutionär von Gewicht, der den sofortigen Kriegsausstieg propagierte.

       Alsbald war den Beteiligten klar, dass es auf Heimlichkeit und finanzielle Unterstützung ankam. Diese Erkenntnis bestimmte das praktische Tun. Eine Handvoll von dubiosen Leuten wurde als Handlanger unter Vertrag genommen.

Drei

Die russischen Hinterleute

Es ist eine eher theoretische Erwägung, welche der in einem mehrgliedrigen Revolutionierungs-Geschehen Beteiligten nun deutsche Agenten waren, und welche nicht. Hierüber ist viel gestritten worden. Für die russische Führung im Sommer des Jahres 1917 war es noch sonnenklar, dass Lenin & Co, die am deutschen Geldtropf hingen, feindliche, also deutsche Agenten seien.

       Die Prokuratur (= Staatsanwaltschaft) in Petrograd eröffnete im Zusammenwirken mit der militärischen Spionageabwehr im Juli 1917 ein Strafverfahren wegen Hochverrats (Zusammenarbeit mit dem Feinde) gegen diejenigen Bolschewiki, die nach ihrer Ansicht am deutschen finanziellen Gängelband liefen, allen voran Wladimir Uljanow, genannt Lenin, der sich dank deutscher Fahrkarte seit April 1917 wieder in der russischen Hauptstadt aufhielt, und Eugenia Sumenson, welche die Schatulle mit dem deutschen Geld unter ihrer Kontrolle hatte. Lenin gelang es unterzutauchen, Sumenson kam in Untersuchungshaft.

       Aus den Haftunterlagen sind wir insofern über das Geschehen unterrichtet, als es die Staatsanwaltschaft aus propagandistischen Gründen für richtig hielt, die Ermittlungsergebnisse noch vor Anklageerhebung zur Presse durchzustechen. Auf der Suche nach den einschlägigen Tageszeitungen wird man mit etwas Glück noch heute fündig, denn – ich sagte es bereits – die Bolschewiki, kaum an der Macht, hatten nichts dringlicheres zu tun, als möglichst alle Spuren des deutschen Geldes zu verwischen. Das gilt selbstredend und in erster Linie für die Akten. Die eine oder andere Zeitung hat die Geschichtsbereinigung überdauert. So die Zeitung Lebendiges Wort (Живое слово) vom 5. (18.) Juni 1017. Dort lautete die knallige Überschrift eines Artikels, der vermeintlich von einem ehemaligen zaristischen Häftling, in Wirklichkeit jedoch vom russischen Justizministerium geschrieben worden war: „Lenin, Ganezkij und Co sind Spione!“

       Wir behalten diesen Artikel und einen weiteren vom 9. (22.) Juli 1917 „Die Anklage des Verrats gegen Lenin, Sinowjew und andere“ im Auge, denn sie werden uns dazu dienen, wichtige Details aus dem Leben der Heldin der vor dem Leser liegenden Geschichte zu erfahren, von Eugenia Sumenson.

Vier

Die Geldwasch-Anlage      

Das Problem der deutschen Reichsleitung und der von ihr gesponserten bolschewistischen Revolutionäre war der Geld-Transfer. Es mussten Goldmark nicht nur nach Russland geschafft, sondern zugleich in Rubel gewechselt werden. Nach Anlaufschwierigkeiten wurden zwei Tarnfirmen installiert, mit deren Hilfe das Allfällige organisiert wurde.

       Auf deutscher Seite handelte es sich um die in Kopenhagen, später in Stockholm angesiedelte Handels- og Exportkompagniet. Sie stand unter der Leitung des ehemaligen russisch-deutschen Sozialisten und Abenteurers Alexander Helphand, Deckname: Parvus. Auf der russischen Seite wurde in Petrograd (= St. Petersburg/Leningrad) die ursprünglich in Warschau ansässige Handelsgesellschaft Fabian Klingsland S/A tätig. Diese zwei Firmen führten dann tatsächlich den zwischen Deutschland und Russland beiderseits strikt verbotenen Handel mit raren Waren durch: Aus Deutschland kamen bevorzugt Medikamente, aus Russland Gummi. Beide Firmen nutzten zur Geschäftsabwicklung Konten bei der Nya-Bank in Stockholm.

       Die Firma Fabian Klingsland unterhielt in Petrograd auch ein Apothekenlager. Medizin-Produkte waren in Russland tatsächlich rar, und wohlhabende Russen waren gewillt, nahezu beliebige Preise zu zahlen. Die Gewinnspanne bei Klingsland war entsprechend hoch, sodass beträchtliche Überschüsse erwirtschaftet wurden und für die Zwecke der Bolschewiki zur Verfügung standen. Diese Gewinne hatten den Charme, dass man ihnen nicht ansah, dass ihr Ursprung das deutsche Sponsoring war.

       Wie sich später herausstellen sollte, war diese Art der Tarnung vortrefflich gelungen, denn sie war geeignet, die Herkunft der Gelder unaufklärbar zu verschleiern. Ein hieb- und stichfester Nachweis, dass es sich hier um zweckgebundene Revolutionierungs-Subventionen handelte, scheint jedenfalls im Sommer 1917, in der kurzen Phase der Ermittlungen, nicht gelungen zu sein. Noch heute beruft sich in Russland und in Deutschland alles, was links und edel ist, auf dieses Defizit. Als ob es darauf ankäme.

       Geht man hingegen den Dingen von der anderen Seite nach, also von der Geldquelle, oder noch genauer: der deutschen Staatskasse, so kommen Zahlungen in Höhe von etlichen Millionen Goldmark ans Licht. Die Akten des Auswärtigen Amtes lassen wenig Spielraum. Sie wurden durch Aussagen des sozialistischen Abgeordneten Eduard Bernstein ergänzt, der den strikt geheim gehaltenen Fundus bald nach Kriegsende 1918/19 kontrollierte, zu einer Zeit also, als noch nicht die spätere Bereinigungen durch die westalliierten Sieger des Zweiten Weltkriegs für eine Ausdünnung des Akten-Bestandes gesorgt hatte.

Fünf

Die Geld-Wäscherin

Nun sind wir nach diesen scheinbaren Umwegen bei der Hauptperson angekommen. Eugenia Sumenson wurde etwa 1880 im Russischen Reich geboren, höchstwahrscheinlich in Warschau. Damit sind wir bereits am Ende der harten Fakten angelangt. Schon die Namensschreibung dieser Frau ist unsicher. Manche schreiben die russische Namensversion Jewgenija Mawrikijewna Sumenson (Евгения Маврикиевна Суменсон), den Nachnamen zuweilen auch mit dem runden S, also Зуменсон, und schließlich auch Samuelson (Самуелсон). Dieser letztere, ein jüdisch klingender Name ist vermutlich der Geburtsname, während Sumenson der finnisch oder schwedisch klingende Ehename ist, was mit ihrer Eigenangabe nach der Festnahme insofern zusammenpasst, als sie angab, sie sei eine Witwe, zudem lutherischen Glaubens, was sie ursprünglich kaum gewesen sein dürfte. Aus ihrer Vernehmung durch die Staatsanwälte in Petrograd stammen die am wenigsten ungenauen Angaben über ihr Leben:

Jewgenija Mawrikijewna Sumenson, eine bürgerliche Frau in Warschau, 37 Jahre alt, eine lutherische Frau, eine Witwe, ich habe keine Kinder, ich habe keine Immobilien, ich war nicht vor Gericht, absolvierte das Warschauer Frauengymnasium, lebte dauerhaft in Warschau und ungefähr einen Monat vor der Eroberung Warschaus zog ich nach Petrograd.

Zugegeben, der Stil ist gewöhnungsbedürftig. Der Text deutet darauf hin, dass hier von eiliger Hand einiges zu Veröffentlichungszwecken zusammengeschustert worden ist.

Es geht im Weiteren um die Firma Fabian Klingsland, deren Angestellte die Sumenson war. Lange habe ich angenommen, es sei eine Scheinfirma gewesen. Doch das ist falsch. Es gab diese Firma tatsächlich und ihr Inhaber war kein Phantom, sondern ein wohlhabender jüdischer Kaufmann in Warschau, dessen Grab heute noch existiert. Ich bin durch puren Zufall auf die Einzelheiten gestoßen, nämlich bei einem Besuch des Impressionisten-Museums von Rouen. Das liegt in Nordfrankreich. Ich gebe zu, dass ich meinen Augen nicht traute, als ich in einem Katalog den Namen Fabian Klingsland fand und auch noch ein Foto dazu, das den Mann mit zweien seiner Töchter zeigt, aufgenommen vor dem Ersten Weltkrieg. Der Grund für die Abbildung war nicht dieser Mann, sondern eine der Töchter, die sich als Malerin Meta Muter nannte.

       Kurzum, so konnte ich mich, wie man so sagt, weiterhangeln und stieß dabei auf folgende bezeichnende Einzelheiten:  Klingsland war ein Warschauer Händler, der ein Vermögen mit dem Import von Babynahrung der schweizerischen Firma Nestlé gemacht hatte. Eine seiner Töchter, gewiss eine gute Partie, heiratete in eine andere wohlhabende jüdische Familie in Warschau ein, die Fürstenbergs. Heinrich Fürstenberg, der Schwiegersohn von Klingsland, wurde, auch nichts Sensationelles, Teilhaber des Alten.

       Jetzt muss der Leser ein bisschen Luft holen, um den Faden nicht zu verlieren: Heinrich Fürstenberg hatte einen Bruder namens Jakob, der selbstredend auch Fürstenberg hieß, jedoch irgendwann nach der Jahrhundertwende vermied Jakob, der Revoluzzer, seinen richtigen Namen. Er nannte sich fortan Jakub Ganezkij. Oder, je nach geforderter ortsüblicher Schreibweise: Ganetzki, Ganetsky, Hanecki oder was es sonst noch für Varianten geben mag. Wir bevorzugen hier die russische, also Jakub Ganezkij (Яакуб Ганецкнй).

       Ganezkij hatte frühzeitig einen engen politischen Kumpel. Das war Wladimir Uljanow, ein politischer Außenseiter und Spross aus dem russischen Dienstadel, der sich als quasi-anonymer Autor seit etwa 1901 N. Lenin nannte. Ganezkij wurde einer seiner engsten Vertrauten. Die Verbindung hielt bis zu dessen Machtergreifung und darüber hinaus. Immer wenn es etwas zu deichseln gab, womit der Meister sich nicht kompromittieren mochte, dann musste Ganezkij ran. Das galt besonders für die Zeit der Geldsorgen, als Lenin ab Kriegsbeginn bis zum April 1917 relativ verbindungslos und nahezu bedeutungslos im schweizerischen Exil saß oder, wenn man so will: festsaß.

       Jetzt kam Ganezkijs große Stunde. Er kannte den bei Kriegsbeginn aus der Türkei nach Deutschland zurückgekehrten Alexander Helphand. Der Leser erinnert sich: Das ist der, der dem Auswärtigen Amt versprochen hatte, die Revolutionierung Russlands mit deutschem Geld voranzutreiben. Er hatte deswegen Tarnfirmen in Kopenhagen und Stockholm gegründet. Jetzt fehlte nur noch das korrespondierende Spundloch nach Russland hinein.

       Wer genau wem die zündende Idee eingeblasen hat, ist nicht überliefert. Einer von beiden, Helphand oder Ganezkij, muss es gewesen sein. Sie erörterten, wie es wohl gehen müsste, das Geld zu transferieren (und dabei selbst nicht zu kurz zu kommen). Ganezkijs Bruder, Heinrich Fürstenberg, war, wie wir schon sahen, Teilhaber einer real existierenden, eingespielten Importfirma. Der hatte der Ausbruch des Ersten Weltkriegs einen Strich durch ihren lukrativen Rechnungen gemacht, denn die Grenzen zwischen dem Zarenreich und den Mittelmächten Deutschland und Österreich-Ungarn waren für Normalsterbliche unpassierbar geworden. Mit dem Import aus der Schweiz war also Schluss. Man müsste, so sinnierten beide, die Firma in die russische Hauptstadt verlegen, denn in Warschau würden in absehbarer Zeit die Deutschen einmarschieren.

       Aber das Firmenschild in Warschau abschrauben und in St. Petersburg-Petrograd wieder anbringen, das würde nicht ohne weiteres gehen. Da würde die Polizei ein Wort mitreden und kein gutes, denn in der russischen Hauptstadt bestand seit Jahren ein kompromissloses Zuzugsverbot für Juden. Nicht nur meinte die Obrigkeit, dass es bereits übergenug viele Juden dort gäbe, auch war sie überzeugt, dass aus diesem Personenkreis das Gros der zur Gewalt neigenden Revolutionäre hervorgegangen sei. Inwieweit dieses Vorurteil auf bestimmten Erfahrungen beruhte, lasse ich hier mal dahingestellt.

       Wie dem auch sei: Ganezkij wusste Rat. In der Firma Klingsland in Warschau arbeitete seit Jahren eine junge Witwe, eine Cousine übrigens. Sie war dort als Fremdsprachen-Korrespondentin angestellt, hatte keine Kinder und war bestens geeignet, Knall auf Fall nach Petrograd umzuziehen. Für sie galt das lästige Zuzugsvorbot nicht, denn sie war – wie ich annehme: seit ihrer Heirat mit Sumenson – eine Protestantin. Ob sie bei solcher Gelegenheit getauft wurde, weiß ich nicht, möglich wäre es.

Sechs

Der Plan wird Wirklichkeit

Die heimlichen Verbündeten ließen keine Zeit unnütz vergehen. Einen Monat vor dem deutschen Einmarsch in Warschau, man schrieb den 5. August 1915, zog Eugenia Sumenson von Warschau nach Petrograd. Sie residierte fortan in einer Datscha in Pawlowsk, eine knappe Eisenbahnstunde von der City von Petrograd entfernt, wo sie zusätzlich eine 4-Zimmer-Wohnung anmietete. Damit war der erste wichtige Schritt getan. Weitere folgten. So das Treffen aller Beteiligten in Kopenhagen 1916. Am Tisch saßen die für den Deal notwendigen Personen, und nur diese: die beiden Fürstenbergs, einer, Heinrich, war der Firmenmiteigentümer von Fabian Klingsland, der andere (Jakub Ganezkij-Fürstenberg) der Emissär Lenins. Mit von der Partie auch der Agent der deutschen Reichsleitung Alexander Helphand sowie die künftige Operateurin der Gelddrehscheibe in Petrograd, Eugenia Sumenson, und schließlich Lenins Geld-Entgegennehmer und -Weiterverteiler in Petrograd, der polnische, in der russischen Hauptstadt zugelassene Rechtsanwalt, Mieczyslaw Koslowski. Es gab also fünf Personen, die Bescheid wusste, genau fünf und nur diese.

       Wie gut diese Geldbeschaffungsmaschine funktionierte, lässt sich am Umstand ablesen, dass eine Druckerei gekauft und fortan bolschewistisches Propagandamaterial in Russland, vor allem in seiner tonangebender Hauptstadt in Hülle und Fülle gedruckt und verteilt werden konnte. Über die Wichtigkeit und den Einfluss der zersetzenden bolschewistischen Propaganda sollte man wenig Zweifel haben.

       Auch die siegreichen Bolschewiki wussten das, und sie wurden nicht müde, in ihren Heldensagen die Geschichte der Prawda (Правда) zu erzählen. Ein bisschen schlechtes Gewissen hatten sie hierbei schon, denn sie sahen sich veranlasst, über die Herkunft der Druck- und Verteilungskosten ungefragt Auskunft zu geben. Es seien Parteispenden der werktätigen Massen gewesen. Sie vertrauten bei diesem Märchen darauf, dass sich niemand daran erinnern würde, dass es diese Arbeitermassen hinter den Bolschewiki nicht gab, denn diese waren kraft eigener Überzeugung keine Massenpartei à la deutscher Sozialdemokratie, sondern eine elitäre Gruppe von Berufsrevolutionären. Das waren sie wirklich. Alles andere ist Unsinn.

Sieben

Aus der Traum

Im Juli 1917 kippte die Geldwaschanlage auf. Stellt sich die Frage, warum und warum nicht früher. Ich kann hierzu nur Vermutungen äußern, die sich auf einige dürftige Quellen von Überlebenden stützen.

       Die Auslandsabteilung der russischen Geheimpolizei (Ochrana – Охрана) hatte keine Illusionen, was die Gefährlichkeit des im schweizerischen Exil lebenden Lenin betrifft. Sie überwachte ihn, so gut sie vermochte, mit Spitzeln, die über sein woher und wohin regelmäßig berichteten. Doch nach der Februar-Revolution von 1917 war die Messe gelesen. Denn wenn es jemanden gab, der aufgrund dieses Ereignisses um sein Leben fürchten musste, so waren es die Mitarbeiter der russischen Sicherheitsbehörden. Sie flogen Knall auf Fall raus, viele von ihren wurden kurzerhand ermordet und ihre Akten in Petrograd unter dem Applaus des Straßenpublikums in einen Scheiterhaufen verwandelt.

       Ich kann also nicht mit Bestimmtheit sagen, ob man von der Existenz des Geldverschiebebahnhofs bereits 1916 etwas mitgekriegt hatte. In den Überresten des Fahndungsbuchs der Spionageabwehr für das Jahr 1916 habe ich die Verantwortlichen jedenfalls nicht entdecken können. Ich bedaure das auch deswegen, weil ich zu gerne ein Foto der Sumenson in Händen gehalten hätte.

       Der Anstoß, auf die Geldwäscher schließlich aufmerksam zu werden, kam von außen und durch ein äußeres Ereignis. Es handelt sich um Lenins Rückkehr nach Russland, die im April 1917 von der deutschen Reichsleitung organisiert und in die Tat umgesetzt wurde. Dem französischen Auslandsdienst und der Spionageabwehr der russischen Armee schwante bei diesem Ereignis nichts Gutes.

       Die französischen Abhör-Spezialisten, die auch in Petrograd eine heimliche Dependance errichtet hatten, bekamen bei der Gelegenheit einen seltsamen telegraphischen Nachrichten-Verkehr zu fassen, den sie an die (noch) verbündeten Russen durchreichten. Hierbei ging es etwas kryptisch um Anforderungen und Bestätigungen für irgendetwas, auf jeden Fall um einen Informations-Austausch zwischen Ganezkij in Stockholm und Sumenson in Petrograd.

       Die verbliebenen Abwehrleute unter dem russischen Obristen Boris Nikitin hatten bald keinen Zweifel mehr, hier floss Geld, das sodann weitergereicht wurde. Als Spinne im Netz orteten sie zurecht Eugenia Sumenson. Ebenfalls zutreffend stellten sie fest, dass diese in einer Datscha in Pawlowsk hauste oder in der Wohnung des polnischen Rechtsanwalts Koslowski anzutreffen war. Zunächst dachte man sich nur sein Teil und grinste, dann aber sickerte allmähliche der Verdacht in die Hirne der Ermittler, dass dies keine erotische Beziehung sei (oder nicht nur), sondern dass hier revolutionäre Profis mit Geld jonglierten, das dazu diente, Bares an die Genossen weiterverteilen zu können. Allein auf Koslowskis Konto bei der Sibirischen Bank befanden sich zum Zeitpunkt seiner Festnahme über 2.000.000 Rubel.

       Nun wäre immer noch nicht eingeschritten worden, denn die Militärs hatten im revolutionären Russland keine Befugnis dies zu tun und die neu gebildeten Volksmilizen hatten keine Lust dazu. Das änderte sich schlagartig am 3. (15.) Juli 1917 als Lenin seine bewaffneten Kader gegen die Vorläufige Regierung losschlagen ließ. Der Putsch-Versuch scheiterte kläglich. Er bewirkte indessen, dass die Doppelherrschaft aus Vorläufiger Regierung und Arbeiter- und Soldatenräten plötzlich darin einig war, jetzt unnachgiebig gegen die Putschisten vorzugehen.

       Lenin entfloh ohne Bart, dafür mit Perücke und Landarbeiter-Kluft im letzten Moment in die Wälder Finnlands. Die Sumenson hingegen kam zusammen mit einem guten Dutzend Bolschewiken in U-Haft. Dort verblieben sie bis September. Da fand ein weiterer überraschender Putschversuch statt, nämlich der des Generals Kornilow gegen die von der Duma eingerichtete Vorläufige Regierung. Deren Macht zerbröselte zusehends. Als sie gegen den putschenden General Hilfe suchte, fand sie solche bei den zuvor wütend bekämpften Bolschewiki. Eine Hand wäscht die andere: die bis vor Tagen noch mit der Hinrichtung bedrohten Hochverräter kamen Knall auf Fall auf freien Fuß. Von dem für Oktober terminierten Prozess sprach niemand mehr. Oder doch fast niemand.

       Mir ist schleierhaft, wie es die nur noch mühsam strampelnde Vorläufige Regierung angesichts des im Lande und in der Hauptstadt herrschenden Chaos fertigbrachte, eine Dokumenten-Sammlung ihrer Herrschaft edieren und herauszubringen zu lassen. Sie kam, soweit man weiß, bis Band 21, dann blieb ihr nach Lenins November-Putsch (= Oktoberrevolution) nur noch die Flucht. Ich erwähne diese Edition, weil in ihrem 18. Band, von dem ich bislang lediglich Rudimente entdecken konnte, das Vernehmungsprotokoll der Sumenson enthalten sein muss, in dem diese als einzige der Angeklagten eine Aussage zur Sache machte. Sie räumte hierin den Geldtransfer ein. Im Oktober 1917 kam sie dann als letzte der angeklagten Hochverräter gegen Kaution auf freien Fuß.

       Was war nun fürderhin mit den deutschen Zuwendungen? Das im Juli 1917 vorgefundene Geld wurde beschlagnahmt, doch es gelang nicht, den weiteren Geldfluss an die Bolschewiki zu stoppen. Vielmehr hatte Lenins neuer Statthalter in Stockholm, Karl Radek, alsbald andere Kanäle installiert. Das Geld erhielt er jetzt aus der dortigen deutschen Gesandtschaft (von einem gewissen Svenson, Klarname: Hans Steinwachs) und leitete es nach Umtausch in Rubel mit Kurieren über die russische Grenze. Die erneut heimlich und in großer Stückzahl gedruckte Prawda (sie hieß in dieser Zeit: Rabotschij i Soldat – Рабочий и Солдат) erschien wieder wie gehabt, und Anfang November 1917 gelang der nunmehr besser vorbereitete zweite Putsch des Wladimir Lenin. In Sowjet-Russland begann die Neue Zeit.

Acht

Der Dank des Vaterlandes der Werktätigen

Bleibt noch zu klären, was mit den Geldwäschern geschah. Alexander Helphand zog es vor, nicht erneut ein Leben in Russland auszuprobieren. Er ist in Berlin eines natürlichen Todes gestorben. Der polnische Rechtsanwalt Koslowski blieb in Sowjetrussland, machte sich verdient, indem er den Vorschriften-Apparat der neuen Geheimpolizei, der Tscheka, entwarf. Auch er starb bald eines natürlichen Todes. Nicht so Lenins Vertrauter, Jakub Ganezkij. Es half ihm nichts, dass er vor einem Parteigericht die Bekanntschaft mit der Sumenson leugnete und sie abwertend als einen dicken Ofen bezeichnete. Er musste in der Sowjethierarchie bis 1937 eine Stufe nach der anderen nach unten klettern, dann wurden er, seine Frau und sein Sohn auf Stalins Geheiß vom NKWD verhaftet und erschossen, die Tochter kam mit langjähriger Lagerhaft davon.

       Und die Sumenson? Sie verschwand von der Bildfläche, so als hätte es sie nie gegeben. Auf einer russischen Frauenrechts-Seite fand ich sie vor Jahr und Tag abgebildet, aber ich habe starke Zweifel, dass das verschwommene Bild authentisch ist.

       Mehrfach las ich die Behauptung, dass Sumenson die Große Säuberung 1936-39 nicht lebend überstanden habe. Andere wollen wissen, sie sei in die USA ausgewandert und habe in einer jüdischen Gemeinde in New York ihr Leben beschlossen. Ob’s stimmt. Wer weiß.

©Helmut Roewer, August 2023

Hinweis auf ausgewählte Quellen:

Wladimir Burzew: Borba za svobobnuju Rossiju. Moi vospominanija  1882-1924 [Der Kampf um ein freies Russland. Meine Erinnerungen aus den Jahren 1882-1924]. Berlin 1924.

Michael Futrell: Northern Underground. Episodes of Russian Revolutionary Transport and Communications through Scandinavia and Finland 1873-1917. London 1963.

Ганецкий Я. [Jakow Ganezkij]: Воспоминания о Ленине [Woslominanija o Leninje – Erinnerungen an Lenin]. Moskwa 1933.

W.K. von Korostowetz: Lenin im Hause der Väter, Berlin 1928, S. 271-284.

Космач Вениамин Аркадьевич/П. М. Машерова. Журнал Псковский военно-исторический вестник № 2/2016 [Kosmatsch Weniamin Arkadjewitsch/P. M. Masherov: Zeitschrift Pskow Militärhistorisches Bulletin Nr. 2/2016]; https://zapadrus.su/rusmir/istf/1657-bolsheviki-i-germaniya-v-gody-pervoj-mirovoj-vojny.html.

Gustav Mayer: Erinnerungen. Vom Journalisten zum Historiker der deutschen Arbeiterbewegung. Mit Erläuterungen und Ergänzungen, einem Nachwort und einem Personenregister von Gottfried Niedhart. Nachdruck der Ausgabe Zürich/München 1949. Hildesheim/Zürich/New York 1993.

B[oris] V[ladimirovich] Nikitine [i.e. Boris Wladimirowitsch Nikitin]: The fatal Years. Fresh Relevations on a Chapter of Underground History. With a Preface by Alfred Knox. London 1938. Nachdruck: Westport/Connecticut 1977.

Fritz Platten: Lenins Reise durch Deutschland im plombierten Wagen. Frankfurt 1985.

Stefan T. Possony: Lenin, Gütersloh, 1965, S. 282-298.

Kurt Riezler: Tagebücher, Aufsätze, Dokumente. Eingeleitet und herausgegeben von Karl Dietrich Erdmann. Göttingen 1972.

Winfried B. Scharlau/Zbynèk A. Zeman: Freibeuter der Revolution. Parvus-Helphand. Eine politische Biografie. Köln 1964.

Виктор Штанько: Философский взгляд на …  Том 5 (продолжение) [Wiktor Schtanko: Ein philosophischer Blick auf… Band 5 (Fortsetzung); https://leninism.su/lie/5153-filosofskij-vzglyad-na-tom-5.html.

FSuenson1 edor Stepun: Das Antlitz Russlands und das Gesicht der Revolution. Aus meinem Leben 1884-1922. München 1961.

A.T. Wassiljew: Ochrana. Aus den Papieren des letzten russischen Polizeidirektors. Zürich/Leipzig/Wien 1930.

Maxim Gorki… und Mura B.

Prolet-Kultur – Wie man einen Staat zerstört, Teil 5: Der Schriftsteller als Waffe… und Maxim Gorki

Mit diesem fünften und letzten Teil der Betrachtungen zum Krisenjahr 1923, wende ich mich der Kampfform der Beeinflussung zu. Nach all den geschilderten Misserfolgen, welche die sowjetrussischen Umstürzler im Laufe das Jahre hinzunehmen hatten, mussten nun die Schriftsteller an die Front. Sie hatten beträchtlichen Erfolg.

       Der Schriftsteller, um den es im Folgenden als den erfolgreichsten unter den Beeinflussern gehen soll, ist der Literaten-Star Maxim Gorki. Er war, um in einem sowjettypischen Bild zu schwelgen, ohne es zu wollen, Hammer und Amboss zugleich.

Eins

Auf dem Wege zur Sonne: der Wanderer Maxim Gorki

Bevor aus dem Mann der weltbekannte Maxim Gorki wurde, hieß er Alexej Maximowitsch Peschkow. Der kam 1868 in Nishnij Nowgorod – das liegt rund 450 km östlich von Moskau – als armer Leute Kind zur Welt. Frühzeitig verwaist und ohne nennenswerte Schulbildung vagabundierte er in Russland umher. Kurz vor der Jahrhundertwende gelang es ihm, eine erste Erzählung zu veröffentlichen. Zu der Zeit hatte er einen Posten als Journalist bei einer Lokalzeitung in Samara inne. Das befand sich nicht gerade im Zentrum Russlands, sondern rund 700 km Wolga-abwärts von seinem Geburtsort entfernt. Nun ja, die Wolga ist lang, und, wie der Russe so sagt, der Zar ist weit.

     Wir würden heute nichts von Gorki wissen, wenn er nicht 1903 mit seinem Bühnenstück Nachtasyl einen überraschenden Welterfolg gelandet hätte. Plötzlich war er wer. Ein Foto, das ihn mit einer gleichaltrigen berühmten Theaterdiva, Maria Andrejewa (1868-1953), zeigt, die seine Geliebte wurde, belegt den Wandel. Die aparte Russin war nicht nur eine bekannte Schauspielerin, sondern sie diente um die Jahrhundertwende prominenten Malern und Fotographen als Modell.

Von den Bildern, auf denen sie zusehen ist, hat es mir genau dieses eine aus dem Jahre 1905 besonders angetan, auf dem sie von zwei jungen Männern flankiert wird. Der eine ist ihr Sohn, der andere der soeben zu erstem zarten Ruhm gelangte Schriftsteller Maxim Gorki. Er war es, der die Schauspielerin mit seinen sozial-revolutionären Gedanken beeinflusste, als er ihr Liebhaber und später auch ihr Ehemann wurde.

       Dass Gorki mit sozialrevolutionären Gedanken liebäugelte, ja, von ihnen durchdrungen war, muss man nicht mühsam zu erklären suchen. Die Welt, aus der er stammte, lud zu solchen Ideen ein. Folgerichtig engagierte er sich 1905 bei der in Russland ausgebrochenen Revolution, wurde verhaftet und reiste 1906 bei erstbester Gelegenheit aus Russland aus. Sein erstes Auslandsziel wurde Amerika. Danach zog er weiter nach Italien, wo er in Sorrent eine Villa erstand, vis a vis der Insel Capri.

     Der nun folgende lange Zwischenstopp in der Sonne Italiens ist deswegen erwähnenswert, weil Gorkis sehenswertes Domizil der Anlaufpunkt für vielerlei russische Exilanten wurde, die bei ihm urlaubten, denn merke: Revoluzzen und vor allem die zugehörigen Fraktionskämpfe sind anstrengend, man bedarf der Erholung. Wir sind deswegen über dieses staunenswerte Detail des Sozialismus informiert, weil in einigen, viel später veröffentlichten Leninbüchern ein Foto auftaucht, auf welchem der Meister-Bolschewik und spätere Diktator Russlands beim Schachspiel auf Gorkis Terrasse im Kreise von Genossen zu sehen ist.

     Zur Geschichte dieses Bildes gehört, dass die sowjetischen Zensurkünstler von Auflage zu Auflage neue Retuschen vornehmen mussten, um missliebig Gewordene zu entfernen, respektive nach deren Rehabilitierung wieder zum Leben zu erwecken. Auch die Unbekannte vorn rechts, von der wir nur die linke Hand und ein Bein im gestreiften Rock sehen, musste manchmal weichen und ein andermal wieder platznehmen. Sie ist für mich das einzige Rätsel in diesem Suchbild. Oder doch nicht? Täusche ich mich, wenn ich auf Lenins Miene ein selbstgefälliges Sieger-Lächeln entdecke? Ein Teilnehmer berichtete später, dass Lenin die Partie verloren habe und außer sich gewesen sei.

1913, knapp vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, kehrte Gorki nach Russland zurück. Er blieb bis 1921, um erneut nach Italien auszuweichen. Aber innerhalb dieses Zeitraums hatten die Jahre ab der Oktoberrevolution es in sich. Da war er so etwas wie ein revolutionärer Nationalheld, der Vorzeige-Proletarier schlechthin.

       Bei den diversen Kongressen, die von den Bolschewiki zelebriert wurden, war er sichtbarer Mittelpunkt. Zum Zweiten Weltkongress der Kommunistischen Internationale 1920 veranstaltete er ein Massenspektakel im Freien, zu dem er die Dramaturgie entworfen hatte. Auf dem zugehörigen vielfach verbreiteten Teilnehmerfoto sehen wir ihn (mit kahlrasiertem Schädel) hinter Lenin stehen. Der kahle Schädel: eine Hommage an den Meister? Hinter Gorki eine Säule, und links hinter der Säule sein Sohn Maxim, auch er kahlrasiert und zudem Mitarbeiter bei der Geheimpolizei Tscheka.

Zwei

Bei Gorkis zu Hause

In diesen wenigen russischen Jahren vor und nach der Oktoberrevolution lebte Gorki mit seiner Frau Maria Andrejewa in einer hochherrschaftlichen riesengroßen Wohnung in Petrograd. In dieser gründeten die beiden 1918 mitten in den Wirren des Herrschaftswechsels einen Verlag, Всемирная литература, den Verlag für Weltliteratur. Nein, bescheiden war man bezüglich des eigenen Werkes nicht.

       Nun ist das Gründen eines Verlages und sein Betrieb zweierlei. Maria wusste Rat. Den Verlag würde ein Jurist führen, und sie wusste auch schon welcher. Es war Peter Petrowitsch Krjutschkow (1889-1938). Zwei Jahre zuvor, 1916, als Maria und Pjotr sich erstmals paarten, saß der Zar noch, wenn auch schon wacklig, auf seinem Thron. Was also hatte so ein Sprössling aus dem russischen Dienstadel, ein junger hoffungsvoller Jurist im Staatsdienst, der es bei etwas anderem Verlauf der Geschichte unter der Herrschaft des Zaren sicher einmal weit gebracht hätte, kurz drauf bei den Bolschewiki verloren?

       Zunächst war es ein Fall von Liebe und sonst gar nichts. Dabei ließ es sich offenbar nicht vermeiden, dass die Andrejewa ihren wesentlich jüngeren Geliebten mit revolutionärem Gedankengut infizierte, das sie selbst seit ihrer Liaison mit Gorki in sich trug. Für den jungen Mann mag das zunächst überraschend gewesen sein, kurze Zeit später war es lebensrettend, denn mehr als nur einer in seiner Position bezahlte nach der Oktoberrevolution die falsche Klassenzugehörigkeit mit dem Leben.

Nach der Weichenstellung durch Maria zog Krjutschkow zu dem Gorki-Paar in dessen Wohnung. Was mag der Hausherr dazu gesagt haben? fragt etwas entgeistert die Leserin. Wir wissen es nicht, allerdings das, was er kurz drauf tat, denn in der Wohnung tauchte – es muss ein wahrer Taubenschlag mit ungezählten Personen gewesen sein – noch im Verlauf des Jahres 1918 eine Frau auf, bei der ich mich streng disziplinieren muss, um nicht deren Lebensroman zu erzählen, der in drei fette Oktav-Bände nicht hineinpassen würde. Wir begnügen uns also mit Stichworten, die nur mit Gorki zu tun haben. Das sind schon ziemlich viele.

Drei

Auf die stürmische Art

Es geht um Maria Ignatjewa Budberg, genannt Mura (1892-1974), geborene Sakrewskaja, zum Zeitpunkt ihres Auftauchens noch verheiratete von Benckendorff. Die Grundbesitzers-Tochter aus Poltawa hatte als Zwanzigjährige standesgemäß geheiratet, der Ehemann, Johann von Benckendorff (1882-1919), entstammte dem deutschbaltischen Adel mit einem Gut in Jendel (Jäneda), Gouvernement Reval, also im heutigen Estland. Die Hochzeit fand 1912 nicht dort, sondern in London statt, wo ein Verwandter aus der gräflichen Linie der Benckendorffs der zaristisch-russische Botschafter war.  Sodann zog das Paar nach Berlin um, wo der frischgebackene Ehemann an der russischen Botschaft als Dritter Sekretär diente. Damit war’s im August 1914 nach dem Kriegsausbruch vorbei. Man kehrte nach Russland zurück, genauer gesagt auf das Gut im Estnischen.

(Drei Mann in einem Bett: Bruce Lockart, Jekabs Peterss, Maxim Gorki)

Irgendwann während des Krieges trennten sich die Eheleute, wenigstens räumlich, denn Mura Benckendoff befindet sich im Sommer 1918 in Moskau, wo sie eine heftige Affäre mit dem britischen Agenten und Diplomaten Robert Bruce Lockart (1887-1970) beginnt, die im September 1918 im Tscheka-Gefängnis endet, denn Lockart wird mit gutem Grund verdächtigt, den gewaltsamen Sturz der bolschewistischen Regierung vorbereitet zu haben. Er entkommt dem sicheren Tod aus diplomatischem Kalkül, dem des Agentenaustauschs zwischen Moskau und London, und wird, man kann’s nachvollziehen, für immer des Landes verwiesen.

       Für die Russin Mura von Benckendoff-Sakreskaja schien die letzte Stunde zu schlagen: falsche Klasse und konterrevolutionär zudem. Nur ein Wunder konnte sie retten. In ihrem Falle war es der Lette Jēkabs Peterss (1886-1938), Mitglied im Kollegium der Tscheka und ein berüchtigter Folterer. Der ließ sie aus der Haft raus. Ob sie hierbei einen Umweg durch sein Bett machte, ist umstritten. Wir sagen: Selbst wenn.

       Nunmehr reiste Mura – nicht aus eigenem Antrieb – von Moskau nach Petrograd, wo sie bei der Ankunft erneut festgesetzt, aber nach einem Rückruf in Moskau gleich wieder auf freien Fuß gesetzt wurde. Stehenden Fußes begab sie sich in Gorkis Wohnung, die sie so bald nicht wieder verlassen sollte. Was hatte sie zu bieten? Zunächst die Eintrittskarte, die galt dem Verlag. Sie sprach vier Sprachen fließend, Deutsch, Französisch, Englisch und Russisch, das Russische davon am wenigsten perfekt, ganz so wie in ihren Kreisen üblich. Und für Gorki? Sie war ungewöhnlich intelligent und gebildet. Zudem war sie, wie man das heute nennen würde, sexy, und sie war 24 Jahre jünger als Gorki und seine gleichaltrige Frau. Gorki war überwältigt, denn so eine Frau wie Mura hatte noch nie zu seinem Repertoire gehört. Seine Noch-Frau hatte keine Einwände, denn sie hatte schließlich ihren Pjotr.

       Mit Mura Budberg hatte sich die Tscheka in Gorkis Leben eingenistet. Sie, die Tscheka bzw. ihre Nachfolger, würden dort bis zu Gorkis Tod fest verankert bleiben, wie wir noch sehen werden. Doch zunächst gilt es von einem Ereignis zu berichten, das 1921, kurz vor Gorkis Wiederausreise aus Russland stattfand. Er erhielt Besuch von einem anderen Star der Weltliteratur, von H.G. Wells (1866-1946). Der linkslastige Brite war nach Russland gereist, um sich vom Wunder des Sowjetstaats ein eigenes Bild zu machen. Da lag es nahe, beim gleichgesinnten und zudem gastfreien Gorki Station zu machen. Mura erhielt Order aus Moskau, den Gast zu begleiten, offiziell hieß es: als Dolmetscherin.

Ein Foto, das die drei beieinander zeigt, hat die Zeitläufte überdauert. Es zeigt den verschmitzten, besitzergreifenden Gorki, die etwas tiefer kauernde, erstaunlich jung aussehende Mura und den leicht abwesend wirkenden Wells. Was das Bild beim besten Willen der Interpretation nicht offenbart, ist der Umstand, dass der Engländer und die Russin soeben eine heftige Liaison begonnen hatten, die Gorki bei aller Gastfreundschaft keineswegs gefiel. Vielleicht tröstete er sich damit, dass die Beziehung ohnedies nur einige Tage andauern könnte, bis der Gast wieder weg war, doch da irrte er sich.

       Es wird Gorki bei allem Im-Mittelpunkt-stehen in Russland der Revolution nicht gefallen haben. Zwar tanzte alles, was rot und mächtig war, durch seine Wohnung, aber es kann ihm nicht entgangen sein, dass die Bürger, die nicht zum roten Adel gehörten, hungerten, ihre Wertsachen für ein Stück Brot verkaufen, und die Frauen, deren Männer man erschossen hatte, auch sich selbst. Vielleicht sah er auch nichts davon und sehnte sich nur nach dem ungebundenen Leben in Sorrent zurück, an die Wärme, an die Sonne, an den italienischen Wein.

       Bleibt noch eine Dritte Variante, nämlich dass Mura ihn anstachelte, das Land der Väter zu verlassen. Doch zunächst trennte sich das Paar: Gorki reiste nach Westen, Mura von Petrograd nach Nordost. Ihr Zielland war das frisch aus der Taufe gehobene Estland, dort lag das Gut der Benckendorffs, wo ihre Kinder bei den Großeltern lebten. Den Vater hatten estnische Landarbeiter kurz zuvor erschlagen. Die estnische Regierung sah den Ankömmling ungern und nahm ihn unter Spionageverdacht vorübergehend fest.

Doch Mura, noch hieß sie offiziell Benckendorff, gelang ein Handstreich der bizarren Art. Sie heiratete Knall auf Fall einen anderen baltendeutschen Adligen und bis vorgestern noch zaristisch-russischen Offizier. Ich vermute, es ist dieser hier: Baron Nikolaj Antoljewitsch Budberg (1894-1971). Die Ehe hielt ein paar Tage – verrückt, aber wahr. Sie brachte ihr einen neuen Pass mit einem neuen Namen. Den neuen Namen behielt sie ihr Leben lang, und mit dem reiste sie im Frühjahr 1922 aus Estland aus. Ich nehme an per Schiff, denn sie traf auf Gorki im Ostseebad Heringsdorf, von wo das Paar, wie deutsche Polizeiakten wissen, nach Bad Saarow weiterreiste.

       Nun zurück zur Hauptperson: Nach Gorkis Wiederausreise 1921 endete seine Bedeutung für den Bolschewismus keineswegs. Ganz im Gegenteil. Vielmehr blieb er der Halbgott und ließ es sich, wie ich vermute, gerne gefallen. Von den Gründen muss jetzt die Rede sein.

Vier

Warum Gorki?

Es ist nicht ganz einfach, dem Erfolg von Maxim Gorki auf die Spur zu kommen. Es handelt sich nach meiner Einschätzung um ein ganzes Bündel von Gründen. Vorweg: Ich habe nicht vor, hier den Literaturkritiker zu spielen, die Deutsch- und Russischlehrer unter meinen ein oder zwei Lesern mögen sich also entspannt zurücklehnen. Zu Gorkis Können also kein Wort. Doch Erfolg ist nicht nur vom Können abhängig. Im Falle Gorkis muss man einen Blick auf sein Publikum und auf seine, Gorkis, Macher richten.

       Die Wirkung von Gorki im Deutschland der 1920er Jahre auf alles, was links und edel war, muss eine ungeheure gewesen sein. Mein Maßstab für diese Aussage sind die Werke aus der weiblichen Memoirenliteratur, die ohne Gorki nicht auskommen. Kein gesellschaftlicher Anlass, kein politischer Kongress ohne Gorki, wenigstens ein Zitat, besser noch ein Grußwort und am allerbesten seine Anwesenheit. Was also machte den Zauber dieses Mannes aus? Er hatte etwas zu bieten, was all diese vom Proletariat und seiner Herrschaft Berauschten nur als theoretische Hoffnung kannten: einmal ein echter Proletarier sein, ein Prolet gar. Da war er der Einzige weit und breit. Das ist meiner Meinung nach das Hauptmotiv für die hiesige Vergötterung.

       Warum er ausgerechnet auf Frauen so unwiderstehlichen Reiz ausübte? Ich weiß es beim besten Willen nicht zu sagen. Weiß auch über dessen Umgangsformen nichts. Dass es die eines auf Prolet getrimmten Salonbolschewiken waren, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Es war vielleicht – man sehe mir den hässlichen Vergleich nach – der selbe Reiz wie ihn ein bestimmter vulgärer draller Frauentypus auf manche Männer ausübt, die sonst von intellektuellen Frauen umringt werden.

       Mag alles sein, doch jetzt kommt die Hauptsache: Jeder Erfolg braucht seine Sponsoren. Im Falle von Gorki ist es seit der Oktoberrevolution die Regierung von Sowjetrussland, der späteren Sowjetunion. Das mag, solange Gorki bis 1921 in Russland ist, als eine Art Selbstläufer durchgehen. Aber danach, als er 1921 Russland mit durchaus diffusen Gedanken den Rücken gekehrt hatte? Jetzt wird die Sache interessant. Ich spreche von der Operation Gorki. Sie hieß im Geheimdienst-Russisch nicht wirklich so. Ich selbst habe sie zur Illustration so bezeichnet, weil ich die zugrundeliegende Fall-Akte noch nicht entdeckt habe.

Fünf

Wem kann man ein X für ein U vormachen, und wie macht man es?

Besondern Wert legten die sowjetischen Unterwanderungsspezialisten auf die Erringung der kulturellen Hegemonie. Mit anderen Worten: Sie wollten, dass ihre Zielpersonen die Sowjetunion liebten und bewunderten, und, jetzt kommt’s, dies auch mit dem Ziel der Nachahmung zum Ausdruck brachten. Die zugehörige Beeinflussung geschah stets zweigliedrig: teils durch plumpe Propaganda, zum Teil durch das Einspannen von Kultur-Prominenz vor den Karren des Sozialismus sowjetisch-russischer Bauart.

       Fürs deutsche Publikum, genauer gesagt: für dessen links-intellektuelle Schickeria,  wurde 1923 zu diesem Zweck ein spezieller Beeinflussungs-Apparat geschaffen: der Verlag Das Buch, später etwas bekannter unter dem Namen Das internationale Buch. Der Chef dieses frisch gegründeten Unternehmens, das zunächst bei der sowjetischen Handelsvertretung in Berlin mehr oder weniger heimlich unterkroch, war ein Bekannter von uns aus Petrograd: Peter Petrowitsch Krjuschkow. Der war dort bis dahin, wie wir schon hörten, der Liebhaber von Gorkis Frau, Maria Andrejewa und der Leiter des von Gorki 1918 in seiner Wohnung gegründeten Verlags für internationale Literatur. Krjutschkow sprach das Deutsche fließend, denn die Mutter war eine Baltendeutsche aus – wie man so sagte – gutem Hause und der Vater ein russischer Staatsrat, mithin ein Mann des russischen politischen und kulturellen Establishments.

       Der von Krjutschkow in Berlin geleitete Verlag wurde zum Dreh- und Angelpunkt der Deutschland-Beeinflussung, deren Zielpersonen deutsche Intellektuelle und über diesen Treibriemen die breite Öffentlichkeit wurden. Krjutschkow hatte im krisengeschüttelten Deutschland ein starkes Argument bei der Hand: eine mit Dollar-Devisen gefüllte Kasse. Es entbehrt nicht der Komik, dass einer der Geldkuriere, die zwischen Moskau und Berlin verkehrten, der Schriftsteller Maxim Gorki war, denn den Weltstar würde an den Grenzen niemand genau kontrollieren. Wir lesen mit Behagen, wie sich solche Übergabetreffs in Berlin abspielten. Immer im selben Café, Gorki immer schlechtgelaunt und vor Entgegennahme der Quittung akribisch das Geld mehrfach nachzählend. So hat es eine später erzählt, die, wie man beim Dienst so sagt, solche Treffs abzusichern hatte.

Sechs

In eurem Bunde der Dritte

Mit Gorkis Absetzbewegung aus Sowjetrussland im Jahre 1921 begann die zweite Operation Gorki der jungen sowjetischen Geheimpolizei Tscheka, später GPU, OGPU, NKWD. Es war einer der leitenden Funktionäre, der die Sache Gorki zu seiner eigenen gemacht hatte und der damit, sicher ohne es zu ahnen, sein eigenes Schicksal an das des Schriftstellers band.

       Die Rede ist vom Genrich Jagoda (1891-1938). Der ehemalige jugendliche Anarcho-Kommunist war seit 1917 Mitglied der Bolschewiki und ab 1920 bei der Tscheka. Er stieg dort steil auf, war seit 1923 Erster stellvertretender Leiter der in GPU/OGPU umgetauften Behörde und schließlich ab dem 10. Juni 1934 Leiter der erneut, diesmal in NKWD umbenannten Staatssicherheits-Behörde. Ab dem 26.November 1935 trug er den schmückenden Titel eines Generalkommissars der Staatssicherheit.

       Jagoda entwickelte frühzeitig einen glasklaren Plan zum Schutze der Sowjetherrschaft. Hierzu gehörte es, Russland-Flüchtlinge zu System-Bekennern umzudrehen. Die Notwendigkeit hierfür entsprang der Tatsache, dass Hunderttausende, die Russland nach der Revolution und im Bürgerkrieg fluchtartig den Rücken kehrten, über die Sowjet-Herrschaft nichts Gutes zu berichten wussten. Vor allem die Aussagen über Massenerschießungen, Enteignungen, Massenelend, Seuchen und Hungersnöte wirkten nicht eben anziehend. So kam es darauf an, wenigstens die eine oder andere Gegenstimme von einigem Gewicht zu gewinnen, besonders wenn sie im westlichen Ausland zu hören und der Sprecher prominent und scheinbar unpolitisch war. Es nimmt also nicht wunder, dass die Tscheka-GPU bei Gorki ansetzte.

       Der Mann, der jetzt sein Meisterstück zu erbringen hatte, war der soeben bereits ins Bild getretene Neubolschewik Peter Krjutschkow. Er war ein Freund Gorkis. Dass er dessen Frau quasi geerbt hatte, tat dem Verhältnis der beiden keinen Abbruch. Zudem saß Krjutschkow in Berlin genau an der richtigen Stelle, um den Schriftsteller zu umgarnen. Er hatte das Geld und schuf die Verbindungen, damit Gorkis Geschäfte auch fürderhin blühen konnten. Krjutschkow tat, was er konnte, und das war wirklich enorm. Ich bezweifle, dass Gorki ahnte, was mit dem Geld passierte, dass er im Auftrag der Komintern heimlich in bar von Moskau nach Berlin transportierte. Auch zweifle ich, ob er eins und eins zusammenzählte, wenn er all die prächtigen Einladungen und Publikationsaufträge erhielt und annahm, um mündlich oder gedruckt vom Ruhme Moskaus vor den Ohren naiver Intellektueller zu künden. Er tat’s und nicht zu seinem Nachteil.

Sieben

Finale in Moskau

Im Jahre 1928 gelang es Krjutschkow, seinen angeblichen Freund Gorki nach Russland zurück zu locken. In Moskau würde er alles haben, was er zum Leben und Dichten brauchte, einschließlich einer Villa mit dem nötigem Personal und einem erstklassigen Sekretär, nämlich ihm selbst. Es hat nicht an Warnungen gefehlt, Gorki solle sich auf die Einflüsterungen von Krjutschkow nicht einlassen. So vom polnisch-stämmigen Alt-Bolschewiken und Lenin-Vertrauten Mieczyslaw Kozłowski (1867-1927). Dem erteilte Gorki eine rüde Abfuhr, indem er dem vorgeblichen Freund Krjutschkow eine makellose Gesinnung attestierte und zu dem Warner jeglichen Kontakt abbrach. Dass dieser kurz drauf im Alter von 60 Jahren plötzlich und unerwartet starb, will ich zumindest erwähnt haben.

       Es ist nicht glaubwürdig überliefert, was genau den Rückholplan auslöste, noch warum Gorki hierauf einging. Zwei Antworten erscheinen mir möglich. Der mittlerweile – nach der Austreibung seines Erzrivalen Trotzki – nahezu fest im Sattel sitzende Stalin, wollte durch den prominenten Gorki im Ausland kein unnützes Risiko mit einem unabhängigen Geist und potenziellen Trotzki-Unterstützer eingehen, sondern den Mann räumlich und körperlich unter Kontrolle bringen. Und dieser ging darauf ein, weil er als Sechzigjähriger das Wanderleben satt hatte.

       Gorki wird sich allerdings kaum vorgestellt haben, dass das Moskauer Domizil ein Leben im Goldenen Käfig werden würde. Denn genau das wurde es. Gorki war dicht von Mitarbeitern der Geheimpolizei umstellt, die seinen Besucher- und Postverkehr streng überwachten. Und schlimmer noch: Der Hauptüberwachungs- und Lenkungs-Spitzel an seiner Seite war sein angeblicher Freund Krjutschkow. Der wohnte mit Familie auf dem Gorki-Anwesen. Aus seinem Arbeitszimmer führte ein direkter Telefondraht zum Leiter der Staatssicherheit. Von Zeit zu Zeit wurde er zudem von Stalin vorgeladen, der sich unter vier Augen Bericht erstatten ließ.

       Ein Bild aus diesen Tagen zeigt Gorki Seit an Seit mit Krjutschkow und mit dessen Vorgesetzten, dem damals noch stellvertretenden Chef der Geheimpolizei Genrich Jagoda. Als die Aufnahme 1933 entstand, waren die Tage der angeblichen Freunde gezählt.

Auch nach seiner Ernennung zum Generalkommissar des NKWD blieb Genrich Jagoda dicht an Gorkis Seite. Ein ziemlich finsteres Foto zeigt die beiden im Jahre 1935. Es erweckt nicht den Eindruck, als sei dem Dichter diese Begleitung angenehm. Aber wir wollen die Szene nicht überinterpretieren. Das nächste sichere Datum ist der 18. Juni 1936. Das ist Gorkis Todestag. Drei Monate später wurde Jagoda als Chef der Staatssicherheit abgesetzt – einfach so.

Nach Gorki Tod wollten die Gerüchte nicht verstummen, dass der Mann ermordet worden sei. Zuzutrauen wäre es den uns bekannten Beteiligten allemal. Dass in einem solchen Fall der Befehl von Stalin kam, halte ich für sicher. Sein Motiv: Gorkis Villa war in Moskau ein gesuchter Treffpunkt der sowjetischen Kulturniki.

       Auch Chef Stalin lenkte nur zu gerne seine Schritte dorthin, um sich in angeblich zwangloser Umgebung als Kunst-Mäzen ein bisschen feiern zu lassen. Doch nur ein einziger gab sich, wenn Stalin anwesend war, zwanglos. Das war Gorki. Bei solchen Gelegenheiten soll er sich in einer Weise geäußert haben, dass die übrigen anwesenden Kultur-Schranzen sich am liebsten in Mauselöcher verkrochen hätten. Stalin war nicht der Mann, derartige Insubordinationen hinzunehmen. So einfach erklärt sich die Sache, falls Gorki tatsächlich einer Mörderhand zum Oper fiel. Wie auch immer: Für die Leichtgläubigen gab’s ein prunkvolles Gorki-Begängnis.

       Für Jagoda und Krjutschkow galten andere Maßstäbe: Beide starben am 15. März 1938, hinterrücks erschossen auf dem Truppenübungsplatz Butowo bei Moskau. Auf diese Weise wurden sie als angebliche Verschwörer nach dem 3. Moskauer Schauprozess hingerichtet, devot beklatscht von den Kräften des Fortschritts in Ost und West.

Zurück zum Start: Die ganze hier erzählte Geschichte hätte so nicht stattfinden können, wenn sie nicht von der Schauspielerin Maria Andrejewa eingefädelt und befördert worden wäre. Was wurde aus ihr? Sie starb – es wird gesagt: völlig verarmt – 1953 in Moskau. Mura Budberg erging es entschieden besser: Nachdem Gorki nicht mehr aus Russland raus durfte, trennte sie sich 1933 endgültig von ihm und zog nach London – ins Nachbarhaus von H.G. Wells, der ihr 1946 bei seinem Tode ein beträchtliches Vermögen hinterließ. Sie starb 1974 in Italien.

Wera Gutschkowa

Dies ist eine Männerwelt – Frauen im Geheimdienst, zum Beispiel Wera Gutschkowa

Die Heldin dieser Geschichte, Wera Alexandrowna Gutschkowa (Вера Александровна Гучкова) kam im März 1906 in Moskau zur Welt. Der Vater, Alexander Gutschkow, war im Zarenreich ein wohlhabender, einflussreicher Mann. Alles sprach dafür, dass Tochter Wera ein sorgloses Dasein an der Sonnenseite des Lebens beschieden sein würde. Es kam anders.

       Doch zunächst lief alles glatt, denn im Geburtsjahr des Kindes, ging die kurzlebige gewaltsame Revolution des Jahres 1905/06 in Sankt Petersburg zu Ende. Die Reichen der heimlichen Hauptstadt Moskau richteten sich wieder in ihrem gewohnten Geschäftemachen und im behaglichen Wohlleben ein. Indes: der Friede hielt nur noch magere acht Jahre, dann begann der Erste Weltkrieg, der für Russland einen verheerenden Verlauf nahm.

       Spätestens Ende 1916 war den etwas klarer Blickenden klar, dass ein Weiterkämpfen in eine totale militärische Niederlage einmünden könnte. Eine solche Niederlage, das wussten die Gebildeten und Wohlhabenden, würde durchaus auch ihren eigenen Stand demolieren. Die Schuld an diesem Desaster gab man nur zu gerne dem Zaren und seiner Autokraten-Herrschaft, die nicht mehr reformierbar erschien.

       Mit an der Spitze der nunmehr aus der Deckung tretenden großbürgerlichen Rebellen stand Alexander Gutschkow. Er und seine Parteigänger führten mit nachdrücklicher britischer Hilfe den Sturz des Zaren im Februar 1917 herbei. Dieses politische Abenteuer gelang wegen des Zusammentreffens von zwei ganz unterschiedlichen, und wie sich zeigen sollte: nicht zusammenpassenden politischen Bewegungen, denn neben Gutschkow und den Seinen rebellierten auch die von Agitatoren der Sozialdemokratischen Partei Russlands mit deutscher Finanzhilfe aufgewiegelten Arbeiter in Petrograd (vormals Sankt Petersburg und später Leningrad), die sich mit den Soldaten der dortigen Garnison verbrüderten.

       So kam es in Russland zum Kuriosum einer Doppelherrschaft: auf der einen Seite die von der Duma – dem russischen Parlament – gebildete Vorläufige Regierung, in der Gutschkow vorübergehend zum Kriegsminister avancierte, und auf der anderen Seite die Arbeiter- und Soldatenräte, die Sowjets. Mit einem Militärputsch Anfang November 1917, der alsbald als die Große Sozialistische Oktoberrevolution glorifiziert wurde, entschied der aus dem Untergrund agierende Lenin den Machtkampf für sich und seine Bolschewiki. Sein Motto war einfach und für viele nachvollziehbar: Sofortige Ausstieg aus dem Krieg gegen Deutschland und Verteilung des Landes an das Landproletariat.

       Unter diesen Bedingungen war für Gutschkow in der russischen Führung kein Platz mehr, und bevor in Russland das große Morden gegen die verhasste Ausbeuterklasse begann, floh er mit seiner Familie außer Landes. Fortan lebte er, von vergeblichen Hoffnungen auf eine Rückkehr heimgesucht, wie so viele seiner Schicksalsgenossen in Paris.

       Nun tritt die Tochter Wera ins Bild. Noch keine Zwanzig heiratete sie den wesentlich älteren Pjotr Suwtschinskij. Er, Suwtschinskij, gehörte einer dieser sektenartigen Emigrantenzirkel an, wo man an die russische Sendung in einer asiatisch-europäischen Welt glaubte – eine Denkrichtung, die in den 1990er Jahren in Russland fröhliche Auferstehung feierte. Es versteht sich, dass solch rassen-zentriertes Denken mit den Vorstellungen der tonangebenden Bolschewiki in Moskau nicht harmonieren konnte, denn dort sprach man ungeniert von der kommunistischen Klassenherrschaft, weltweit. Mit dem kommunistischen, für sie neuen Denken kam Wera Gutschkowa alsbald in enge Berührung, denn sie lernte in einem Literaten-Salon, dem der ebenfalls exilierten Dichterin Marina Zwetajewa, zwei Herren kennen, die ihr Leben grundlegend verändern sollten.

       Alle beide – der eine als heimlicher Abgesandter aus Moskau, der andere als Emigrant – waren Mitglieder des Auslandsdienstes der sowjetischen Geheimpolizei, die in jenen 1920er-Jahren OGPU hieß. Die Bemühungen der OGPU, die Emigranten-Zirkel – zumal die in Berlin und in Paris – zu unterwandern und zu zersetzen, waren keineswegs die reine Willkür, sondern aus Sicht der Führung in Moskau überlebensnotwendig, denn wenn ihrer noch keineswegs fest etablierten Herrschaft von irgendwo Gefahr drohte, dann von hier.

       In diesem Milieu wurde die Gutschowa eine erfolgreiche Geheimagentin. Sie warb fleißig weitere Agenten an und infiltrierte – wie man beim Dienst so sagt – die russische Heimkehrerszene, für die es einen von der OGPU gesteuerten Verband gab. Der Zulauf muss beträchtlich gewesen sein, denn die Ärmlichkeit und Hoffnungslosigkeit, in der die meisten ehedem wohlhabenden russischen Emigranten lebten, war Antrieb genug, es noch einmal bei Mütterchen Russland zu versuchen. Hinzu kam, dass grelle Berichte über den Fortschritt des dortigen Arbeiter-Paradises Hoffnungen auf einen erfolgreichen Neustart in der Heimat weckten.

       Unaufgeklärt ist bis zum heutigen Tage, wie vielen der Rückreisenden durch die Agentin und deren Berichte brutal geschadet worden ist. Klar ist lediglich, dass ungezählte Rückwanderer ihren Entschluss bitter bereuten, als sie 1936-39 in die Mühlen der stalinistischen Säuberungen gerieten. Jahrelange Zwangsarbeit in einem Gulag oder der Genickschuss waren die Quittung für die Leichtgläubigkeit, in der alten Heimat willkommen zu sein.

       Für die Agentin Wera galten diese Maßstäbe nicht. Sie wurde 1936 zwar auch nach Moskau beordert, doch nicht um reglementiert werden, ganz im Gegenteil. Sie unterrichtete an einer der Fremdsprachen-Schulen beim jetzt in NKWD umbenannten Geheimdienst. Ich nehme an, dass dies nur eine Parkposition war, denn in Wirklichkeit wurde sie zu einer Agentenehe veranlasst. Ihr Liebesobjekt wurde der schottische Millionärssohn Robert Traill, der sich als glühender Sozialismusverehrer und Journalist zu dieser Zeit in Moskau aufhielt. Die Dame nahm ihren Parteiauftrag recht ernst, denn alsbald muss sie schwanger geworden sein. Viel Zeit blieb dem Paar für die einschlägige Betätigung nicht, denn Traill zog es im Februar 1937 nach Spanien. Im dortigen Bürgerkrieg kam er im Sommer auf der Seite der Guten – wie man es heutzutage formulieren würde – ums Leben.

       Wie dem auch sei, bis es dazu kam, hatte er gut funktioniert, denn die Heirat der Gutschkowa – ihre erste Ehe war bereits vor geraumer Zeit wieder geschieden worden – verschaffte der Agentin einen nagelneuen und dazu auch noch echten britischen Pass, der es ihr ermöglichte, ungehindert in der weiten Welt herumzureisen. Ihr erstes Reiseziel war erneut Frankreich. Dort galt es einen im Absprung befindlichen sowjetischen Spitzenagenten, der als NKWD-Resident in Westeuropa gearbeitet hatte und folglich Ross und Reiter genauestens kannte, aus dem Wege zu räumen. So waren damals die Sitten.

       Der sorgsam ausbaldowerte Mord fand am 4. September 1937 in Genf statt. Das Opfer, der abgesprungene Ex-Agent Ignaz Reiss, Klarname: Ignatij Porezkij, wurde auf die konventionelle Weise erledigt: Ihn töteten die Kugeln aus mehreren Tatwaffen auf offener Straße. Am anschließenden Fluchtgeschehen war die Gutschkowa aktiv beteiligt. Insider vermuteten indessen, dass dies nicht ihr einziger Tatbeitrag gewesen sei. Doch verschiedene Stempel in ihrem britischen Pass verschafften ihr ein Alibi. Deswegen ließ die in Amtshilfe für die schweizerischen Behörden nicht sonderlich engagiert ermittelnde französische Polizei sie wieder laufen.

       Erst zwei Jahre später tritt die Russin erneut in unser Blickfeld. Gleich nach Eintritt der Grande Nation in den Zweiten Weltkrieg sperrte man dortzulande alle Deutschen und Russen als unerwünschte Ausländer in Internierungslager ein. Hinsichtlich der Deutschen versteht man das, denn Frankreich hatte soeben, am 3. September 1939, dem Deutschen Reich den Krieg erklärt. Bei den Russen verhielt es sich nun so, dass man denen den Hitler-Stalin-Pakt vom Vormonat ausgesprochen übel nahm, denn der zerschlug die lange gehegte Hoffnung, Deutschland – wie schon ein viertel Jahrhundert zuvor – erneut einkreisen zu können.

       Die Gutschkowa kam – britischer Pass hin oder her – in eines der Internierungslager, die bereits zu Jahresbeginn 1939 ihren Betrieb aufgenommen hatten, um das Heer der aus dem Spanischen Bürgerkrieg entfliehenden Internationalisten einzusperren. Deren Flucht war geboten, denn die Guten hatten durchaus nicht gesiegt, vielmehr nahm das siegreiche Franco-Regime für die nächsten Jahrzehnte seinen Lauf.

       Nun tritt Bruno von Salomon ins Bild. Er war im selben Lager interniert, kam aus Spanien, wo er ebenso wenig für den Sieg der Volksfront hatte beitragen können, wie all die anderen desillusionierten Gestalten, die weder mit der Weimarer Republik, noch mit den dann an die Macht gelangenden Nationalsozialisten etwas am Hut hatten und froh sein mussten, wenn sie deren Verfolgung entgingen. Heute werden ihnen von den hierzu berufenen Widerstandslisteraten Kränze gefochten. Dabei mag es hier sein Bewenden haben. Eine der Schleifen, die in diesen Kränzen fehlt, ist die Affäre von Salomon und Gutschkowa im französischen KZ. Ich verkneife mir hier das Bild des Wer-mit-wem der Brüder Salomon zu entwerfen. Es wäre ein Abstieg in die politischen Gewalttaten und ein Leben in allen denkbaren Praktiken einer Intellektuellen-Kaste, die das, was später einmal die Sexuelle Revolution genannt wurde, um Jahrzehnte vorwegnahm.

       Doch halt, nicht weiter auf solchem Pfad ins Abseits. Der Russin muss bald klar geworden sein, dass mit diesem lungenkranken Deutschen für ihre Fluchtpläne nichts anzufangen war, deswegen wandte sie ich einem anderen zu, Alexander Halpern (auf russisch: Galpern). Auch er ein ehemaliger Untertan des Zaren, auch er ein Emigrant. Er ging nach der Oktoberrevolution  nach England und wurde dort ein wohlsituierter britischer Staatsbürger. Ganz nebenbei war er mehreren Geheimdiensten dienlich, mindestens dem englischen, dem US-amerikanischen, auch die Gestapo kannte ihn, wenn auch nicht als eigenen V-Mann. In seinem sonstigen Leben war Halpern seit 1925 mit einer weiteren Exilrussin verheiratet. Das Paar führte eine sog. offene Ehe. Heißt zu deutsch: Man delektierte sich daran, wenn der andere fremdging. Gegen eine Liaison mit der Gutschkowa werden also kaum Einwendungen bestanden haben.

       Was genau Halpern in Südfrankreich verloren hatte, wo er die Gutschkowa aufgabelte (oder sie ihn), das verschweigen die Biographen diskret. Suchte er sie gezielt, so kommt wohl nur ein sowjetischer Auftraggeber in Frage. Die Gestapo muss ähnliches vermutet haben, denn sie stellte beide im Frühjahr 1941 in einem nicht gerade genial zu nennenden Eintrag ins Fahndungsbuch für die Sowjetunion: „„A83 Alexandrowna, Vera (?1910-), sowjetische Agentin (Deckname: A. Halperin), Murmansk, RSHA IVE5.“

       In Wirklichkeit reisten beide heimlich über Spanien und Portugal nach England aus. Wieder kommt eine Lücke in Gutschkowas Lebenslauf, über die man nichts genaues sagen kann. Erst 1947 tauchte sie wieder auf, als sie das Buch des sowjetischen Überläufers Wiktor Krawtschenko „Ich wählte die Freiheit“ ins Französische übersetzt hatte. Damit nicht genug: Sie wurde 1949 für eben diesen Krawtschenko als Dolmetscherin in einem Pariser Prozess tätig, als er die französische kommunistisch-orientierte Zeitung Les Lettres françaises verklagte, die ihm Lügen vorwarf. Der Prozess sollte mehr Staub aufwirbeln als das Buch selbst, denn Krawtschenko lud Zeugen auf Zeugen gegen das Moskauer Regime in den Zeugenstand – und gewann. Es war die Zeit, als bei den normalen Linken die Vorstellung von der wunderbaren Sowjetunion im Nebel der Desillusion verschwand.

       Biographen der Gutschkowa behaupten, auch sie selbst habe die große Wende vollzogen und sei auf die im Schwange befindliche, militante antisowjetische Linie eingeschwenkt. Ich habe da, gelinde gesagt, meine Zweifel. Wir befinden uns in den Vierziger-Fünfziger Jahren auf dem Höhepunkt der sowjetischen Bemühungen, die West-Gesellschaften zu zersetzen. Im britischen Establishment arbeiteten Dutzende von Sowjetagenten, die der Upper Class angehörten. Es gibt kaum einen besseren Schutz gegen Enttarnung als das öffentliche Arbeiten für die Gegenseite. Das passt recht gut zusammen mit dem, was danach kam, denn Gutschkowa bot ihre Dolmetscher-Dienste hochrangigen britischen Delegationen an, die amtlich oder geschäftlich in die Sowjetunion reisten. Einspruch von den Russen kam nie.

       1987 ist die Gutschkowa-Suwtschinskaja-Traill dann 81jährig in Cambridge gestorben. Das ist wie eine ironische Schluss-Note. Die härtesten britischen Sowjet-Agenten, die ab den 1930er Jahren gegen ihr Land arbeiteten, erhielten, als sie schließlich Mann um Mann enttarnt wurden, die Sammelbezeichnung Cambridge-Five. Die Zahl fünf ist sicher untertrieben. Solange die Akte der Gutschkowa gesperrt ist, wird man über ihr wahres Gesicht nach dem Zweiten Weltkrieg nichts Genaues sagen können.

Quellen in Auswahl: Dallin: Sowjetspionage, S. 89 f.; Kantorowicz: Exil in Frankreich, S. 86-88 [erwähnt von der Beziehung zwischen Salomon und Gutschkowa kein Wort]; Rogowin: Die Partei der Hingerichteten, Bd. 5, S. 347-349, 561 f.; Roewer u.a.: Lexikon der Geheimdienste im 20. Jahrhundert;  https://ru.wikipedia.org/wiki/Гучкова,_Вера_Александровна; https://international-brigades.org.uk/roll/robert-traill/; Reichssicherheitshauptamt (Hg.): Sonderfahndungsliste SU; https://archiveshub.jisc.ac.uk/search/archives/94972fd4-7cd6-3315-9a97-c4bab00a9967.

Die Nackte auf dem heißen Blech-Dach: Tina Modotti

Einige unzeitgemäße Bemerkungen über eine Ikone

In diesem kurzen Beitrag geht es um linke Ikonographie am Beispiel der Tina Modotti. Sie war eine Fotografin, eine Stummfilm-Darstellerin, ein Modell, eine Komintern-Agentin, und sie ist ein Liebling aller gerecht und billig und feminin Denkenden. Kratzen wir ein wenig an der Fassade:

Eins

Nun wäre ich im Traum nicht darauf gekommen, an Modotti einen Gedanken zu verschwenden, doch der vorbeifahrende Linienbus wollte es anders. Die Erschütterungen, die er in meinem Arbeitszimmer routinemäßig erzeugt, waren diesmal Anlass, dass ein von mir unordentlich aufgeschichteter Bücherstapel umstürzte und das seit langem Auszumusternde, Doppelte oder als offensichtlich idiotisch Wegzuwerfende sich auf dem Fußboden ohne erkennbare Ordnung verteilte. Ich war also genötigt, jedes Buch noch einmal in die Hand zu nehmen. Es waren ziemlich viele.

       Mein Auge blieb, wie man so sagt, an einem roten Sonderangebots-Aufpapper hängen, der auf 1,95 € lautete. Er verunstaltete unentfernbar das Buch Auf den Spuren von Tina Modotti. Ich kann mich nicht entsinnen, es wenigstens durchgeblättert, geschweige denn gelesen zu haben. Der Name der Beschriebenen sagte mir nichts, und schon gar nicht der Name der Autorin Christiane Barckhausen.

       Was nun folgte, könnte man einen Selbsterforschungs-Prozess nennen. Mein Arbeitsrechner meldete, dass ihm Modotti bekannt sei. Der Fundort, nämlich das von mir mitverfasste Lexikon der Geheimdienste, machte mich stutzig. Nun gut, man kann nicht jeden der dort verzeichneten Tausenden von Namen im Kopf haben. Wirklich nicht. Und richtig, der Treffer bezog sich gar nicht auf Modotti selber, sondern auf diesen Mann hier:

Vidali, Vittorio (27.9.1900-1983), italienischer Kommunist, sowjetischer Agent. In den 1920er Jahren als Komintern-Agent in den USA, Ende der 1920er Jahre in Mexiko (Deckname: Enea Sormenti), dort 1930 ausgewiesen. Zurück nach Moskau; von dort aus Spionageaufträge auf dem Balkan und in Mitteleuropa. Teilnahme am Spanischen Bürgerkrieg 1936-39 (Deckname: Carlos Contreras). Dort Arbeit für das NKWD. Ende Juni 1937 Mörder von Andres Nin, den Führer der trotzkistischen POUM im spanischen Bürgerkrieg, den er im Garten des Prado auf Anweisung des NKWD-Residenten Alexander Orlow  (Lew ®Feldbin) erschießt. 1939 Emigration nach Mexiko. Dort mit Naum Ejtingon Leiter des (fehlgeschlagenen) Mordanschlags auf Leo Trotzki in Coyoacán bei Mexiko City am 24.5.1940. Vermutlich 1942 an der Ermordung seiner Lebensgefährtin, der Fotografin und Komintern-Agentin Tina Modotti (1896-5.1.1942), beteiligt. 1947 Rückkehr nach Italien; Politiker unter seinem wirklichen Namen; u.a. 1954-63 kommunistischer Parlamentsabgeordneter, 1963-68 Senator.

Nach solchem Einstieg war die Neugierde geweckt und gedanklichen Abschweifungen vom Arbeitsprogramm des Tages Tor und Tür geöffnet.

Zwei

Die hier portraitierte Modotti stammte – wichtig genug in der kommunistischen Ikonen-Malerei – aus der italienischen Arbeiterschaft, also der richtigen, der Vater war Arbeiter, die Mutter Hausfrau. Wann und wie sich die Tochter, die in Wirklichkeit gar nicht Tina hieß, aus diesem Milieu löste, habe ich nirgends glaubhaft beschrieben gefunden. Ist auch letztlich ohne Bedeutung.

       Sie tritt Anfang der 1920er Jahre aus der Anonymität heraus, als sie nach erfolgter Auswanderung der Familie nach Kalifornien wenig bis gar nicht bekleidet in Stummfilmen auftritt und als Modell bekannter Maler und Fotografen dient. Jetzt im Nachhinein ist es unklar, ob dieses Heraustreten aus der Masse schon damals so gesehen wurde, oder ob es sich hier um Memoiren-Redseligkeit und späteren Recherche-Fleiß handelt, denen wir solche Lebensweg-Daten verdanken. Irgendwann in diesen Tagen muss sie in den USA den französischen Adligen Roubaix de l’Abrie Richey geheiratet haben, von dem ich gelesen habe, dass er sie alsbald zur Witwe machte.

       Wie auch immer, der eigentliche Durchbruch erfolgte nach ihrer Ausreise nach Mexiko, wo sie mit dem amerikanischen Fotografen Edward Weston zusammenlebte, der sie gründlich in die Kunst mit der Kamera einführte. Nachdem sich der Geliebte Ende 1925 in die USA absetzt, macht sie alleine weiter, hat mit ersten Fotos Erfolg und etabliert sich in der linken Künstlerschickeria um Diego Rivera in Mexico-City.

       Die Verbindung zur Komintern, der in Moskau ansässigen Zentrale der Weltrevolution, schafft deren Mexiko-Resident Arnold Waag, den sie vermutlich unter dessen Decknamen Stirner kennenlernt. Nachdem dieser Weg eröffnet ist, tritt ein neuer Mann in Modottis Lebensbahn ein. Sie fotografiert ihn, das Ergebnis kann sich sehen lassen. Es hätte jeden Gangster-Film aus Hollywood schmücken können. Der Mann ist tatsächlich ein Gangster. Es ist der Komintern- und spätere NKWD-Agent Enea Sormenti, in Wirklichkeit der Italiener Vittorio Vidali – ein Auftragsmörder.

       Von nun an ist nicht mehr trennscharf zu unterscheiden, ob ihr die Verbindung zu den Sowjets bei der Arbeit nutzt, oder ob es diesen nutzt, dass sie ein etabliertes Mitglied der mit Stalins Russland sympathisierenden Kunstszene ist. 1930 wird dieses Doppelleben unterbrochen, denn der mexikanische Staat weist Modotti wg. unterstellter terroristischer Umtriebe aus. Zufall oder auch nicht: Mit dem selben holländischen Dampfer muss auch Komintern-Mann Vidali das Land Richtung Europa verlassen.

(Als die Arbeiter Illustrierte Zeitung (AIZ) zum 1. Mai 1931 mit dem Frontcover des bereits Jahre alten Modotti-Fotos einer Fahnenträgerin aus Mexiko erscheint, ist die Fotografin in Moskau angekommen. Fortan gibt es keine Fotografien mehr von ihr, denn sie ist Untergrundkämpferin für die Sache des Kommunismus geworden. Sie reist fortan mit Decknamen und Falsch-Papieren in Europa herum, um schließlich wieder in Mexiko zu landen, wo sie 45jährig stirbt.)

Drei

Der Rest ihres Lebens ist schnell erzählt, weil es im Grunde die weißen Flecken sind, die ihren Weg markieren. Von Mexiko geht die Reise via Deutschland nach Moskau, wo sie fortan als Mitarbeiterin der Komintern beschäftigt wird. Dieser Generalstab der Weltrevolution sendet die Vielsprachige (italienisch, deutsch, englisch, spanisch und vermutlich französisch) als Kurier und Organisatorin in sein Westeuropäisches Büro in Paris. Fortan heißt sie Maria. Dann, nach sechs Jahren kommt das nächste große Abenteuer, der Spanische Bürgerkrieg (1936-39).

       Als sie dem Chaos am Ende dieses Kriegsgeschehens schließlich über Frankreich entkommt, hat sie eine wüste Karriere an der Seite ihres Lebensgefährten Vittorio Vidali hinter sich. Dieser NKWD-Agent betätigte sich auf Geheiß seiner sowjetischen Vorleute als Auftragskiller. Seine Zielpersonen sind linke Abweichler, an denen in Spanien kein Mangel war. Zu Vidalis Opfern zählte Andres Nin, der Führer der spanischen Anarchisten. Für solche Leute war in Moskaus Lesart des Sozialismus kein Platz. So sorgte man, wenn auch auf Umwegen, zum Sieg der Franco-Partei, allem Geschwafel von der internationalen Solidarität zum Trotz. Ich erwähne diesen Umstand, weil bei der Lektüre der reichhaltigen sozialistischen Erbauungsliteratur über den Spanischen Bürgerkrieg stets der unzutreffende Eindruck erzeugt wird, das sog. Gute habe gesiegt, während in Wirklichkeit das Gegenteil zutraf – Francos Diktatur ging als Sieger in die Geschichte ein.

       Ob Modotti beim Leute-Umlegen behilflich war, vermag ich nicht zu sagen. Ihre Biografen halten diese Sache nicht für erwähnenswert. Indessen: Dass sie vom Tun ihres Lebensgefährten nichts mitbekam, schließe ich aus, und was genau Modotti in der Zeit in Spanien machte, weiß ich auch nicht. Klar ist hingegen, dass Modotti nach der Flucht aus Spanien versuchte, mit dem Schiff und echten spanischen Falschpapieren als Carmen Ruiz Sánchez auftragsgemäß aus Europa zu entkommen. Ihr Zielland war die USA, wo man sie nicht einreisen ließ, denn mittlerweile hatte das FBI eine Personenakte über sie angelegt, in der sie als sowjetische Agentin bezeichnet wurde.

       Eine Einreise nach Mexiko gelang hingegen, wo sich Modotti wegen ihrer Ausweisung im Jahre 1930 nunmehr vermutlich als Illegale unter einem Falschnamen aufhielt. Inwieweit ihr Aufenthalt in Mexiko-City von den Behörden geduldet wurde, lasse ich mal offen. Jedenfalls hat sie in ihrem verbleibenden Lebensrest nicht wieder für öffentliches Furore gesorgt. Erst ihr Tod brachte sie wieder in die Schlagzeilen.

       Erwähnenswert bleibt noch, dass sie hier in Mexiko wieder mit ihrem Gefährten aus Spanien, Vittorio Vidali zusammenkam, der eingetroffen war, um den Stalins Erzfeind Leo Trotzki umzubringen. Der Anschlag misslang, wurde aber bald darauf von anderen Agenten mit Erfolg zu einem Ende geführt. Modotti und Vidali blieben liiert, bis sie am 5. Januar 1942 in einem Taxi auf dem Nachhauseweg starb. Die festgestellte Todesursache war ein Herzanfall der 45jährigen. Bald machte das Gerücht die Runde, Genosse Vidali – er sich weigerte, die Leiche zu identifizieren, und er vermied es, auf ihrer Beerdigung zu erscheinen – habe Hand angelegt. Ich weiß nicht, ob es so war. Und: Warum sollte er das tun?

Vier

In den sozialistischen Ländern gehörte Modotti bald zu den Ikonen. Vor allem Frauen, man versteht das, berauschten sich an dieser Frau, die so wunderbar in ein scheinbar selbstbestimmtes Sozialistinnen-Leben zu passen schien und deren früher mysteriöser Tod gut ins Legenden-Stricken passte. Nach dem Ende des realen Sozialismus sowjetischer Bauart, ging das Erbe an die West-Linken über. In deren Händen ist Modotti heute noch.

       Schnell noch ein Blick auf die Autorin des beinahe in den Ramsch geratenen Buches. Christiane Barckhausen (*2.5.1942) war nach einem 2jährigen Studium der Ethnologie Dolmetscherin, Journalistin und Buchautorin in der DDR. Ihre Kenntnisse und Fähigkeiten ließen es dem Ministerium für Staatssicherheit naheliegend erscheinen, sie als Agentin in den immerwährenden Klassenkampf einzubinden. So diente sie Jahr und Tag (1963-73) als Geheime Mitarbeiterin Tatjana der Hauptabteilung II (Spionageabwehr) unter dem Deckmantel einer Angestellten der DDR-Botschaft von Cuba in Ost-Berlin. Nachdem ein Gegenspionage- sprich: Doppelspiel mit dem französischen Dienst in West-Berlin keinen Erfolg brachte, wurde sie auf Binnenoppositionelle umgepolt und später ganz fallengelassen.      

Davon ist in ihrem Modotti-Buch selbstverständlich keine Rede. Dafür aber, dass sie zu Recherche-Zwecken jahrelang in der westlichen Welt herumreiste, was bekanntlich sonst kaum ein DDR-Bürger vermochte. Das ging nach meiner Auffassung mit Sicherheit nur mit dem Segen ihres ehemaligen geheimdienstlichen Zweitarbeitgebers. Ob diese Genehmigung mit einem neuerlichen Auftrag verbunden war, vermag ich nicht zu sagen. Jedenfalls haben die Akten des MfS, soweit wir sie kennen, hierüber nichts vermerkt.

Kalenderblatt der Dienste II

Das Kalenderblatt der Dienste ist ein Kind des Lexikons der Geheimdienste im 20. Jahrhundert, das ich – zusammen mit Stefan Schäfer und Matthias Uhl – im Jahre 2003 herausbrachte. Es entwickelte sich in den Folgejahren weiter zu einem Umfang, der es ausschließt, veröffentlicht zu werden. Jetzt, nach Jahren, mache ich mir einen Spaß daraus, den Leser in eine Art Chronologie ab und an hineinsehen zu lassen. Leider ist dieses Verfahren aufwendiger, als ich es mir vorgestellt hatte, denn immer wieder gerate ich in Zweifel, ob das, was das steht, auch stimmt, so dass neue Recherchen nötig werden.

16. September 2021 – 120. Geburtstag der sowjetischen Agentin Jeanne Großvogel-Pesant; 60. Todestag des sowjetischen Geheimdienst-Funktionärs Wolf Stern; 125. Geburtstag des Theologen und Mehrfachagenten Eduard Winter; 110. Geburtstag des sowjetischen Fallschirmagenten Franz Berger

Jeanne Großvogel-Pesant (16.9.1901 Bevere-Audenarde/Belgien-6.7.1944 Berlin, hingerichtet), ?Französin, sowjetische Agentin. Ehefrau und Helferin des Agenten Leo Großvogel. Sie leitet die Ostender Filiale der Tarnfirma Le Roi du Caoutchouc, wird bei der Fahndung nach der Roten Kapelle am 25.11.1942 festgenommen und am 6.7.1944 durch Enthaupten in Berlin-Charlottenburg hingerichtet.

Wolf Stern (urspr.: Jonas Leib Stern) (15.12.1897 Woloka/Bukowina/Österreich-Ungarn-16.9.1961), sowjetischer Geheimdienst-Funktionär, deutscher Offizier. Bruder von Manfred Stern. Im Ersten Weltkrieg als Fähnrich in der k.u.k. Armee; danach in der rumänischen Armee; aus dieser in den 1920er Jahren in die Sowjetunion desertiert. Tätigkeit für die GRU; Auslandseinsätze in Wien (Ende der 20er Jahre) und Paris (Anfang der 30er Jahre) und Spanien. Anfang 1939 erneut in der Sowjetunion. 1941-50 in der Kriegsgefangenenarbeit des NKWD; dabei 1944/45 für die kommunistische Umerziehung des Feldmarschalls Friedrich Paulus eingesetzt. Anfang der 1950er Jahre verhaftet, unter Hausarrest gestellt. Mitte der 1950er Jahre Ausreise in die DDR, dort Offizier der NVA, zuletzt Oberst und Leiter des Instituts für Militärgeschichte.

Eduard Winter, Prof. Dr. theol. (16.9.1896 Grottau/Nordböhmen-3.3.1982 Ost-Berlin), Theologe, Wissenschaftler, Mehrfachagent. 1915-19 Studium der katholischen Theologie und der Geschichte in Innsbruck. 1919 Priesterweihe, sodann bis 1945 an der Deutschen Universität Prag, dort Promotion und Habilitation, 1929-41 Professor für Kirchengeschichte, 1941 als Mitglied der SS von den priesterlichen Amtspflichten entbunden, Professor für Geistesgeschichte; zugleich mindestens 1945 als Mitarbeiter des SD in Prag eingesetzt. Sodann 1945-47 Forschungs- und Lehrtätigkeit in Wien; zugleich und in der Folgezeit für einen sowjetischen Geheimdienst tätig. 1947 Professor für osteuropäische Geschichte an der Martin-Luther-Universität Halle, dort 1948-51 Rektor. 1951-66 Ordinarius am Institut für Geschichte der Völker der UdSSR der Ost-Berliner Humboldt-Universität; zugleich Mitarbeiter der HVA des MfS.

Franz Berger (16.9.1911 Lichtenegg b. Wels/Österreich-?1942/43, vermisst), österreichischer Hilfsarbeiter, sowjetischer Agent (Decknamen: Reuter, Emil). Mitglied der SDAP, Teilnahme am Februaraufstand 1934. 13.2.1934 in der Oststeiermark verhaftet. Sommer 1934 Flucht über die Tschechoslowakei in die Sowjetunion. Instrukteur für Alpinistik, Eintritt in die KPÖ. Im Spanischen Bürgerkrieg Bataillonskommandeur (österreichisches Bataillon 12. Februar 1934) bei den Interbrigaden, ab Sommer 1938 Stabschef der XI. Inter-Brigade. 1939 nach Paris geflohen, von dort in die Sowjetunion zurückgereist. Im Frühjahr 1941 aufder Sonderfahndungsliste SU als: B192, RSHA IVA1, IVA2, Stapo Halle/Saale. Agent o. Mitarbeiter der ?GRU. 18./19.5.1942 als Leiter einer Gruppe von Fallschirmagenten (vermutlich der GRU) über den Generalgouvernement abgesprungen. Ums Leben gekommen.

11. September 2021 – 120. Geburtstag des kommunistischen Geheimdienst-Funktionärs Jonny Dettmer; 80. Jahrestag des von Stalin angeordneten Massenmords an ca. 160 politischen Gefangenen aus dem Gefängnis von Orjol bei der Annäherung der deutschen Wehrmacht, unter den Getöteten etliche Männer und Frauen mit Geheimdienst-Karrieren, so Fritz Eichenwald, Joseph Erdmann, Franz Faustmann, Warwara Jakowlewa, Christian Rakowski, Georgij Sibold und Julius Trossin

Jonny Dettmer (auch unrichtig: Johnny) (11.9.1901 Hamburg-19.5.1934 ebd., hingerichtet), kommunistischer Geheimdienstfunktionär. In den 1920er/30er Jahren im M-Apparat in Hamburg, bereits 1923 beim dortigen Aufstandsversuch als Waffenschmuggler tätig; Anfang der 1930er Jahre Leiter der Roten Marine im M-Apparat; in dieser Funktion führend bei der Ermordung von NS-Mitgliedern tätig. 1933 festgenommen und 1934 im Roten-Marine-Prozess zum Tode verurteilt. Mit dem Beil hingerichtet.

Fritz Eichenwald (russ. Namenszusatz: Moritzowitsch, Эйхенвальд Фриц Морицович) (29.5.1901 Illva/Böhmen-11.9.1941 Orjol, hingerichtet), kommunistischer Geheimdienst-Funktionär (Deckname o. Klarname: Joseph Schmitz). 1921-28 Chemiestudium in Berlin. 1924 Mitglied der KPD und Funktionär in Recklinghausen. Mitarbeiter im BB-Apparat. März 1933 Emigration in die Schweiz, dort Physikstudium. Nach kurzer Verhaftung im Juli 1934 wg. kommunistischer Umtriebe aus der Schweiz ausgewiesen. Über Österreich Anfang 1936 in Prag. Von dort vermutlich 1936 nach Moskau einbestellt, dort als Ingenieur tätig. Am 27.4.1937 verhaftet und am 2.8.1937 wg. Teilnahme an einer Terrororganisation zu 10 (+ 5) Jahren Haft verurteilt. Wird im Frühjahr 1941 vom RSHA in der Sonderfahndungsliste SU ausgeschrieben als: E35, RSHA IVE5, Stapo Recklinghausen. Bei Annäherung der deutschen Wehrmacht am 11.9.1941 zusammen mit 160 anderen politischen Gefangenen im Gefängnis von Orjol vom NKWD erschossen. 26.7.1990 in der Sowjetunion posthum rehabilitiert.

Joseph Erdmann (russ. Namenszusatz: Nikolaijewitsch, Эрдман Иосиф Николаевич) (4.12.1900 Labischin/Posen-11.9.1941 Orjol, hingerichtet), Schlosser, kommunistischer Geheimdienst-Funktionär. Schlosser in Bromberg, Essen, dann 1922 in Berlin. 1918 Mitglied der USPD, 1920 der KPD, 1926 in der Bezirksverordnetenversammlung von Neukölln, Mai 1927 wg. Kritik ausgeschlossen, Mai 1928 wieder aufgenommen. 1929-33 Stadtverordneter in Berlin; zugleich im AM-Apparat. Februar 1933 festgenommen und in KZ-Haft. Freigelassen und abgetaucht, 1935 Emigration in die Tschechoslowakei. 1936 in die Sowjetunion, dort Anfang November [o.30.10.]1936 im Moskauer Emigrantenhotel Baltschuk verhaftet. Ohne klare Spur verschwunden. 23.7.1937 zu 8 Jahren Lagerhaft verurteilt. 1954 wird Erdmann ehemaliger Frau mitgeteilt, dass er 1936 wg. Spionage für Deutschland zu 10 Jahren Lager verurteilt worden sei. Wird im Frühjahr 1941 vom RSHA in der Sonderfahndungsliste SU ausgeschrieben als: E82, Gorki, RSHA IVA1. Bei Herannahem der deutschen Wehrmacht am 11.9.1941 im Gefängnis von Orjol zusammen mit weiteren 160 politischen Häftlingen vom NKWD erschossen. 6.7.1990 posthum in der Sowjetunion rehabilitiert.

Franz Faustmann (russ. Namenszusatz: Simonowitsch, Фаустман Франц Симонович) (25.2.1909 Spital o. Sital am Semmering-11.9.1941 Orjol, hingerichtet), Bergmann, mutmaßlicher kommunistischer Agent, angeblicher deutscher Agent. 1931 Eintritt in die KPÖ. Ende 1932 in die Sowjetunion ausgewandert. Juni 1937 festgenommen, 25.10.1938 wg. Spionage zu 20 Jahren Arbeitslager verurteilt. Wird im Frühjahr 1941 vom RSHA in der Sonderfahndungsliste SU ausgeschrieben als: F23, Prokpjest, anzuwerben als V-Mann, RSHA IVA2. Bei Annäherung der deutschen Wehrmacht am 11.9.1941 zusammen mit 160 anderen politischen Gefangenen im Gefängnis von Orjol vom NKWD erschossen. Posthum rehabilitiert am 26.7.1990.

Warwara Nikolajewna Jakowlewa (Яковлева Варвара Николаевна) (1.1. o. 19.12.1884 Moskau-11.9.1941 Orjol, hingerichtet), sowjetische Politikerin, Geheimdienst-Funktionärin. Die Tochter eines wohlhabenden Moskauer Juweliers schlägt frühzeitig die Kariere einer sozialistischen Revolutionärin ein. 1904 Mitglied der SDAPR. In den Folgejahren viermal in Verbannung, aus der sie entkommt, schließlich im Ausland mit Stationen in Paris, Berlin und Warschau. Zur Februarrevolution 1917 zurück in Russland, nimmt an der ZK-Sitzung der SDAPR(B) im Oktober 1917 teil, während der der Aufstand beschlossen wird. Neben anderen Funktionen 1917/18 Mitglied des Kollegiums der Tscheka, nach der Ermordung von Tscheka-Chef Moissej Urizkij am 30.8.1918 De-facto-Vorsitzende der Tscheka des Nordgebietes. Sie übt in dieser Funktion eine Schreckensherrschaft aus, die schließlich im Januar 1919 zu ihrer Ablösung und zum Rückruf nach Moskau führt. Danach in anderen Staats- und hohen Parteifunktionen, vor allem 1930-37 als Kommissarin für Finanzen der Russischen SSR in Moskau tätig, bis zur Verhaftung am 12.9.1937. In den letzten beiden Jahren bis hierhin betätigt sie sich zudem als Denunziantin gegenüber ehemaligen Genossen im Verfolg der Großen Säuberung. Am 24.5.1938 zu 20 Jahren Haft verurteilt. Bei Herannahen der deutschen Wehrmacht wird Jakolewna zusammen mit 160 anderen politischen Häftlingen am 11.9.1941 im Gefängnis von Orjol nach einer am 8.9.1941 ergangenen Weisung von Lawrentij Berija erschossen. 1958 posthum in der Sowjetunion rehabilitiert.

Christian (Christo) Rakowski (russ. Namenszusatz: Georgijewitsch, urspr. Krystju Statsev, Раковский Христиан Георгиевич) (1.8.1873 Kotel/Dobrudscha-11.9.1941 Orjol, hingerichtet), sozialdemokratischer später bolschewistischer Funktionär. Vor dem Ersten Weltkrieg sozialdemokratischer Funktionär in Bulgarien und Rumänien. Während des Ersten Weltkriegs zugleich besoldeter Agent des deutschen Auswärtigen Amtes; hierbei enge Zusammenarbeit mit Alexander Helphand. Ab 1917 Mitglied der Bolschewiki. Sodann hoher Funktionär im sowjetischen Partei- und Staatsapparat (im Bild zusammen mit Leo Trotzki, ca. 1918). 1927 erster Parteiausschluss. Im dritten Moskauer Schauprozess 1938 als angeblicher britischer Agent zu 20 Jahren Haft verurteilt. Bei Herannahmen der deutschen Wehrmacht am 11.9.1941 zusammen mit 160 anderen politischen Gefangenen im Gefängnis von Orjol vom NKWD erschossen.

Georgij Wladimirowitsch Sibold (?o. Georg Siebold, Зибольд Георгий Владимирович) (1897-11.9.1941 Orjol, hingerichtet), Deutscher, sowjetischer Geheimdienstfunktionär, zuletzt Intendant zweiten Ranges. 1916 Absolvent der Kriegsschule Pawlowsk. Reserveoffizier. 1924-26 bei der GRU. 1926-28 Beamter im sowjetischen Generalkonsulat in Täbris/Persien, Sekretär im Konsulat Urmia/Persien und im Konsulat Kars/Türkei. 1928-30 Agent mit dem Spitznamen Persansnefti. 1930-36 Gehilfe des Leiters der Sprachenausbildung bei der GRU. 1936-38 stellvertretender Leiter der Registratur der GRU. Im März 1938 aus der Roten Armee entfernt. Bei Herannahmen der deutschen Wehrmacht zusammen mit 160 anderen Häftlingen im Gefängnis von Orjol vom NKWD erschossen.

JuliusTrossin (o. Trosin, Julius Franz, Троссин Юлиус)(15.1.1896 Stettin-11.9.1941 bei Orjol, hingerichtet), Seemann, deutscher Mehrfachagent. Mitglied der KPD, Kurier für die GRU zwischen Hamburg und den USA sowie zwischen dem Baltikum und Frankreich. Am 6.7.1933 von der Gestapo verhaftet, der er zahlreiche Verbindungen aufdeckt. Seine Aussagen führen u.a. zum Zusammenbruch des sowjetischen Netzes in Estland. Trossin wird sodann von der Gestapo als deren Doppelagent in die Sowjetunion geschickt. Dort enttarnt und am 4.8.1933 verhaftet, am 4.11.1933 wg. Spionage zu 10 Jahren Arbeitslager verurteilt. Am 8.9.1941 zum Tode verurteilt, am 11.9.1941 bei der Räumung seines Gefängnisses zusammen mit 157 anderen Inhaftierten vom NKWD erschossen. Wird im Frühjahr 1941 vom RSHA auf der Sonderfahndungsliste SU ausgeschrieben als: T117, Lubjanka-Gefängnis, Moskau, RSHA IVA1, IVA2. In der Sowjetunion posthum rehabilitiert in zwei Verfahren, 1989 und 26.7.1990.

10. September 2021 – 110. Geburtstag des kommunistischen Geheimdienst-Mitarbeiters Otto Falke; 125. Geburtstag des sowjetischen Geheimdienst-Funktionärs Jakob Locker, alias Franz Miller

Otto Falke (10.9.1911-), Elektromonteur, kommunistischer Geheimdienst-Mitarbeiter. In den 1930er Jahren im E-Ressort (SPD) des AM-Apparats der KPD in Wuppertal, zur Tarnung auch in der SA. 2.7.1936 festgenommen, 6.3.1937 zu 5 Jahren Zuchthaus verurteilt.


Jakob Locker (russ. Namenszusatz Germanowitsch; Локкер Яков Германович (10.9.1896 Kronstadt/Siebenbürgen/Österreich-Ungarn-8.5.1939 Butowo b. Moskau, hingerichtet), sowjetischer Geheimdienst-Funktionär, zuletzt Bataillon-Kommissar (17.2.1936) (Decknamen: Friedrich Konrad, Фридрих Конрад, Franz Miller, МиллерФранц). 1912-18 Mitglied der Sozialdemokratischen Union der jüdischen Jugend Paolej Zion, 1912-18 von anarchosyndikalistischen Gruppen, 1918-25 der KPÖ und 1925-27 der KPD, seit 1927 der KPdSU. Im Ersten Weltkrieg Soldat der k.u.k. Armee, gegen Kriegsende desertiert. Seit 1921 bei der Roten Armee unter dem Decknamen ?

Franz Johannowitsch (o.Iwanowitsch) Miller (МиллерФранцИоганнович, Иванович), geb. 1896 in Danzig, zunächst als Illegaler der GRU in Lemberg Aufbau eines illegales kommunistisches Netzwerks (zusammen mit Ignatz Reiss-Porezkij). Sodann als Agent in Österreich, Deutschland, Polen, Rumänien und China. Ende der 1920er Jahre in Wien, bzw. Wiener Neustadt. Dort mit ca. 60 Agenten aufgeflogen. Flieht nach Berlin. Dort unter den Namen Franz Birk bzw. Jacob Locker Beziehung zur Abwehr IIIF (Richard Protze, der ihn zutreffend als Stabshauptmann und Agenten in China unter Borodin beschreibt). Wickelt über diesen mit Genehmigung der Reichswehrführung den Ankauf von U-Bootkonstruktionsunterlagen in Den Haag (deutsche Tarnfirma unter Korvettenkapitän Blum) ab. Beliefert die Abwehr mit Informationen über die polnische Armee; setzt hierfür zwei ungarische Offiziere (Juden) als Unteragenten ein (?Decknamen: Ungern, einer davon Fritz). Kurz vor Hitlers Machtergreifung aus Berlin abgezogen. Sodann weiterhin Kontakte zur Abwehr in der Schweiz o. über die Schweiz (noch 1937).Von dort 1937 nach Moskau zurückbeordert, aus der Roten Armee entlassen. Vor der Festnahme wohnhaft in Moskau, Hotel Nowo-Moskowskaja als Bataillons-Kommissar der GRU. Verhaftet im Februar 1939 wg. Spionage; vom Militärkollegium des Obersten Gerichts der Sowjetunion am 14.3.1939 zum Tode verurteilt, am 8.5.1939 erschossen. Posthum rehabilitiert am 4.8.1956.

7. September 2021 – 135. Geburtstag des kommunistischen Geheimdienst-Mitarbeiters Hermann UngarHerman

Hermann Ungar (?recte: Unger, Унгер Герман) (7.9.1886 Kassel-6.11.1937 Butowo b. Moskau, hingerichtet), kommunistischer Geheimdienst-Funktionär. 1914 als Techniker nach Königsberg, 1915 als Techniker und Ingenieur in Berlin, 1918 Mitglied der SPD, 1919 der USPD, 1923 der KPD. 1929 als Oberingenieur bei der sowjetischen Handelsvertretung angestellt, in Wirklichkeit beim AM-Apparat beschäftigt. Als Anfang 1934 mehrere deutsche Mitarbeiter der sowjetischen Handelsvertretung von der Gestapo verhaftet werden, entkommt Ungar in die Sowjetunion. Dort bei der Eisenbahn beschäftigt, im Juli o. am 10.8.1937 vom NKWD verhaftet, am 16.11.1937 wg. Spionage für Deutschland und Mitgliedschaft in einer rechtstrotzkistischen terroristischen Organisation vom Militärkollegium des Obersten Gerichts der Sowjetunion zum Tode verurteilt, am selben Tag erschossen. Wird im Frühjahr 1941 vom RSHA auf der Sonderfahndungsliste SU ausgeschrieben als: U14, Moskau, als V-Mann anzuwerben, RSHA IVA1, IVA2. In der Sowjetunion am 23.3.1998 posthum rehabilitiert. Die Ehefrau, Elfriede Ungar (14.8.1892-27.9.1967), wird am 2.12.1937 in der Sowjetunion festgenommen und im Juni 1938 nach Deutschland ausgewiesen; ihr Mann wird ihr gegenüber im Nachhinein zum 31.12.1937 für tot erklärt.

3. September 2021 – 90. Geburtstag des Militär-Geheimdienstlers Günter Oldenburg; 160. Geburtstag des kommunistischen Geheimdienst-Mitarbeiters Heinrich Arenz; 40. Todestag des sowjetischen Militär-Geheimdienstlers Alexej Asmolow

Günter Oldenburg (3.9.1931 Stettin-18.6.2010), NVA-Offizier, zuletzt Generalmajor (7.10.1974). 1949 Eintritt in die Deutsche Volkspolizei, später Wechsel zur NVA. 1982-87 Militärattaché in der Sowjetunion. 1987 kommandiert zum Chef der Aufklärung im Ministerium für Nationale Verteidigung der DDR, 1989 stellvertretender Chef Aufklärung und Chef der 2. Verwaltung Bereich Aufklärung; bis 30.4.1990: Entlassung in den Ruhestand.

Heinrich Arenz (3.9.1861 Köln-4.9.1943 Bonn, Selbstmord), Straßenbahnschaffner, kommunistischer Geheimdienst-Funktionär. In den 1930er Jahren Mitglied im AM-Apparat der KPD. Im März 1933 in den Kölner Stadtrat gewählt, kann jedoch das Mandat wg. des Verbots der Betätigung der KPD nicht antreten. Flieht ?1934 nach Frankreich. Dort bei Kriegsbeginn interniert. Wird 1940 durch das RSHA irrtümlich zur Fahndung in Großbritannien ausgeschrieben. 1943 in Frankreich festgenommen und nach Deutschland überstellt, Selbstmord in der Haft.

Alexej Nikitowitsch Asmolow (Асмолов Алексей Никнтович) (30.3.1906 Alexaschkino-3.9.1981 Moskau), sowjetischer Geheimdienstfunktionär (Deckname: Leonid), zuletzt Generalmajor (19.4.1945). Ab 1928 Angehöriger der Roten Armee, 1932 Mitglied der KPR(B). 1939 Abschluss an der Frunse-Militärakademie. 1942 Abteilungsleiter für die Partisanenbewegung beim Kriegsrat der Nordwestfront. Leitet 1941-43 Partisaneneinsätze im Raum Leningrad. Im August 1944 als Oberst Leiter eines Kommandounternehmens, das mit 1000 Fallschirmspringern im Raum Banska Bystrica durchgeführt wird, um in der Slowakei einen Aufstand gegen die deutsche Besatzung auszulösen; das Unternehmen scheitert. Asmolow wird hierbei von den Sowjets als stellvertretender Stabschef der slowakischen Verbände eingesetzt. 1952 Abschluss an der Akademie des Generalstabes, jedoch weiterhin für das MGB und später den KGB tätig. 1956 nach der Geheimrede Chruschtschows in den Ruhestand.

2. September 2021 – 120. Geburtstag de slowakischen Politikers und ungarischen Agenten Franz Karmazin

Franz Karmazin (2.9.1901-25.6.1970), Politiker, Agent. Vor dem Zweiten Weltkrieg führender Funktionär der Karpathendeutschen Partei; während des Krieges Staatssekretär in der Slowakei; deswegen in der Tschechoslowakei 1947 in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Lebt nach dem Krieg unter dem Aliasnamen Franz Dibak in Westdeutschland; führender Funktionär der sudetendeutschen Landsmannschaft und des Witiko-Bundes; zugleich Agent des ungarischen Geheimdienstes.

31. August 2021 – 80. Todestag der russischen Dichterin und mutmaßlichen sowjetischen Agentin Marina Zwetajewa

Marina Iwanowna Zwetajewa (26.9./8.10.1892 Moskau-31.8.1941 Jelabuga/Tatarische SSR), russische Dichterin, Schriftstellerin, mutmaßliche sowjetische Agentin. 1908 Studium der Literaturgeschichte an der Sorbonne, Paris. Lebt während des Ersten Weltkriegs auf der Krim, während des Bürgerkriegs in Moskau, wo eine ihrer beiden Töchter verhungert. Flieht 1922 nach Deutschland, in Berlin 15.5.-Ende Juli 1922, wohnt dort vorübergehend beim GPU-Agenten Ilja Ehrenburg. Sodann zusammen mit ihrem Mann, Sergej Efron, in Prag. Von dort 1925 nach Paris, nur geringe Beachtung als Dichterin. Wie ihr Ehemann Sergej Efraon wird auch sie vermutlich Agent der OGPU; erhält nach dessen Flucht nach Moskau sein Gehalt in Paris ausbezahlt. 1939 Rückkehr nach Moskau. Dort 1941 nach Jelabuga ausgewiesen, begeht sodann Selbstmord. Ihre Werke werden ab Mitte der 1950er Jahre von ihrer Tochter Adriana herausgegeben. Gilt heute als eine der bedeutendsten russischen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts.

30. August 2021 – 140. Geburtstag des deutsch-finnischen Agenten Walter von Gerich

Walter Harald von Gerich (30.8.1881 Helsingfors/Finnland/Russisches Reich-1.9.1939 Helsinki/Finnland, Unfalltod), deutscher Agent (Deckname: Friedrich Walter von Rautenfels). 1905/06 Leutnant in einem finnischen Gardeverband der russischen Armee. 1907-16 Direktor des Wyborger Gefängnisses. September/Oktober 1916 illegal über Schweden nach Deutschland ausgereist. Nunmehr (?und zuvor) Agent des Marinenachrichtendienstes N, von diesem als diplomatischer Kurier getarnt, reist u.a. mit Sprengstoff im falsch deklarierten Diplomatengepäck zwischen Berlin Schweden und Norwegen. Dort nach Beobachtung durch die norwegische Polizei in Flagranti festgenommen und Ende Juni 1917 abgeschoben. Der Fall um diesen zugleich aufgeflogenen deutschen Sprengstoffverteilungsring löst die Rautenfels-Affäre aus. Von Deutschland aus Anfang 1918 zum Finnland-Unternehmen, dort Offizier bei den Weißen. Danach als Geschäftsmann in Finnland tätig.

28. August 2021 – 60. Jahrestag der Entführung des Journalisten Hans Joachim Helwig-Wilson nach Ost-Berlin; 65. Todestag des Sowjetagenten Rudolf Herrnstadt; 110. Geburtstag des sowjetischen Geheimdienstfunktionärs Iwan Agajanz

Hans Joachim Helwig-Wilson (12.3.1931 Berlin-14.9.2009), Bildjournalist, vorgeblicher Agent. In den 1950er Jahren als Bildreporter für das Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen tätig. Am 28.8.1961 unter einem Vorwand in die Redaktion der Zeitung Neues Deutschland nach Ost-Berlin gelockt, dort festgenommen und am 22.2.1962 wg. angeblicher Spionage und schwerer Hetze zu 13 Jahren Haft verurteilt, von denen er vier Jahre in der DDR verbüßen muss. H-W. war ohne sein Wissen wegen seiner Kontakte zu dem DDR-Überläufer Heinz Lippmann durch den Doppelagenten Michael Gromnica dem MfS gegenüber als BfV-Quelle Linse bezeichnet worden. 1965 Abschiebung in die Bundesrepublik. 1967-93 in der Presseabteilung des Berliner Senats.

Rudolf Herrnstadt (Гернштадт Рудольф)(18.3.1903-28.8.1966 Halle/Saale), Journalist, sowjetischer Agent (Deckname: Arbin o. Albin, Албин), kommunistischer Spitzenfunktionär. In den 1920er Jahren im AM-Apparat der KPD, Redakteur beim Berliner Tageblatt, 1928 als dessen Korrespondent nach Prag, seit 1929 Agent der GRU, 1932 deren Resident in Warschau. 1933 Rückruf nach Moskau, im selben Jahr nach Prag entsandt, sodann wieder in Warschau, dort zusammen mit seiner Lebensgefährtin, der Sowjetagentin Ilse Stöbe (Alta), der er im August 1939 die Leitung des Rings übergibt, u.a. den von ihm als sowjetische Spitzenquelle geworbenen und geführten Diplomaten Rudolf von Scheliha. 1939-45 als Emigrant in der Sowjetunion, Mitarbeiter der Komintern; hierbei 1942/43 Instrukteur für sowjetische Fallschirmagenten, sodann Mitbegründer des NKFD. 1945 Rückkehr nach Deutschland, Spitzenfunktionen in der SED, u.a. Chefredakteur des Neuen Deutschland, bis Juli 1953: Verlust aller Ämter, 1954 wegen fraktioneller Tätigkeit aus der SED ausgeschlossen. (im Bild links, zusammen mit dem Mit-Agenten Rudolf Kegel, 1946).

Iwan Iwanowitsch Agajanz (АгаянцИванИванович) (28.8.1911 Jelisabetpol-12.5.1968 Moskau), sowjetischer Geheimdienstfunktionär, zuletzt Generalmajor. Armenier. Seit 1930 Mitarbeiter der OGPU. 1936 zur Auslandsaufklärung versetzt (INO). Ein Jahr später unter der Tarnung eines Mitarbeiters der sowjetischen Handelsvertretung in Paris als Agent der INO tätig. Schleust 1938 die spanischen KP-Funktionäre Josè Diaz und Dolores Ibárruri nach Moskau. Ab 1941 Resident des NKGB im Iran (Deckname: Iwan Iwanowitsch Angarow). Nach Kriegsende erneute Tätigkeit in Paris, dort NKGB-Resident. 1947 Rückkehr nach Moskau, dort in der Zentrale der Auslandsaufklärung in verschiedenen Dienststellungen eingesetzt; zunächst Chef der für Europa zuständigen Verwaltung, dann seit 1959 Chef der neuen Abteilung D(esinformation); löst in dieser Funktion durch die Belieferung der Zeitschrift Der Spiegel mit KGB(?)-Material den Sturz von Verteidigungsminister Franz Josef Strauß aus (® Spiegel-Affäre). 1967 Ernennung zum stellvertretenden Chef der 1. Hauptverwaltung des KGB.

27. August 2021 – 120. Geburtstag des französischen Sowjetagenten Pierre Villon

Pierre Villon (urspr.: Roger Samuel Ginsburger; auch falsch: Roger Walter Ginsburg) (27.8.1901 Sulz/Oberelsaß [heute: Soultz/Dep. Haut-Rhin]-6.11.1980 Vallauris/Dep. Alpes-Maritimes), Architekt, kommunistischer Politiker, sowjetischer Agent (Decknamen: Antoine; Cantais; Philippe; Walter). Ende der 1920er Jahre als Architekt in Paris tätig; gleichzeitig unter dem Decknamen Walter Anlaufpunkt für Komintern-Agenten. Bereits gleich nach Beginn des Zweiten Weltkriegs in den Untergrund abgetaucht; Annahme des Namens Pierre Villon, den G. später beibehält. 8.10.1940 festgenommen; 17.1.1942 aus der Haft entflohen, Mitgründer des Front National, ab 1942 im Conseil National de la Resistance. Nach dem Krieg bekannter kommunistischer Politiker, 1946-76 (mit einer Unterbrechung 1962-67) Mitglied der Nationalversammlung und führender Funktionär der KPF.

25. August 2021 – 115. Geburtstag des kommunistischen Geheimdienstlers Josef Bender; 115. Geburtstag des Abwehrmitarbeiters, CDU-Politikers und angeblichen Gestapo-Agenten Eugen Gerstenmaier

Josef Theo Bender (25.8.1906 [Wuppertal]-Elberfeld-?), Arbeiter, kommunistischer Geheimdienst-Funktionär. Ab ca. 1931 Leiter des AM-Apparats der KPD in Wuppertal. Wird 1940 vom RSHA irrtümlich in Großbritannien vermutet und zur Fahndung dort ausgeschrieben. Im deutschen Machtbereich festgenommen und am 4.3.1942 zu 8 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Eugen Gerstenmaier, Dr. Dr. (25.8.1906-13.3.1986), Theologe, Politiker, angeblicher Agent. Im Zweiten Weltkrieg am aktiven Widerstand gegen Hitler beteiligt. Beschäftigt beim Auswärtigen Amt, sodann beim Amt Ausland/Abwehr; nutzt diese Dienststellung für Reisen in die Schweiz. Am Tag des Attentats vom 20.7.1944 verhaftet und am 11.1.1945 zu einer siebenjährigen Zuchthausstrafe verurteilt (Bild: G. vor dem Volksgerichtshof); im April 1945 befreit. Nach dem Krieg prominenter Politiker der CDU, u.a. seit 1949 MdB und seit 1954 Präsident des Deutschen Bundestages. In den 1960er Jahren Opfer einer lang andauernden Verleumdungskampagne mit der Behauptung, Gerstenmaier sei SD-Agent (Registriernummer P 38/546) gewesen und habe den Auftrag gehabt, in die Verschwörer des Kreisauer Kreises einzudringen, die er sodann der Gestapo denunziert habe. Maßgeblicher Miturheber und Bearbeiter der Aktion ist der MfS-Agent Hans-Joachim Seidowsky. Die Kampagne, die in Westdeutschland willig aufgegriffen wird, ist ein Auftragswerk des SED-Politikers Albert Norden an die Abteilung X (Desinformation) der HVA. Da die ursprüngliche Kampagne keine rechte Wirkung zeigt, wird Ende der 1960er Jahre das Gerücht nachgelegt, Gerstenmaier habe zu Unrecht Wiedergutmachungsleistungen erhalten; diese Angelegenheit wird im Januar 1969 von der Zeitschrift Stern „enthüllt“; Gerstenmaier tritt daraufhin von seinem Posten als Bundestagspräsident zurück. Die kurz darauf von Albert Norden veröffentliche Broschüre Vom SD-Agenten… geht in ihrer politischen Wirkung ins Leere; ein durch Desinformation dauerhaft beschädigter Politiker bleibt zurück. Ein Ermittlungsverfahren wg. des Verdachts des Betruges wird 1974 eingestellt.

21. August 2021 – 80. Todestag des kommunistischen Geheimdienstlers Johann Dombrowski; 100. Geburtstag des CDU-Politikers und MfS-Agenten Wolfgang Heyl

Johann Dombrowski (13.4.1903 Stolp-21.8.1941 Berlin, hingerichtet), kommunistischer Geheimdienst-Funktionär. 1923 Mitglied der KPD. 1925 führend am Aufbau des Rotfrontkämpfer Bundes beteiligt, Mitarbeiter im AM-Apparat. April-November 1933 KZ-Haft. Dezember 1933 Flucht nach Amsterdam, Rückkehr nach Hamborn. 1937 Leiter des M-Apparats Ruhr, organisiert in dieser Funktion Industrie- und Wehrmachtsspionage. Im März 1939 verhaftet, im März 1941 zum Tode verurteilt, hingerichtet.

Wolfgang Heyl (21.8.1921 Borna-14.5.2014), DDR-Funktionär, Agent. 1939 Mitglied der NSDAP. 1941-45 Wehrdienst, zuletzt Oberleutnant. 1945 kurzfristige sowjetische und US-amerikanische Kriegsgefangenschaft. 1945-47 Zimmermann. 1949 Mitglied der CDU (Ost), darin zahlreiche Funktionen, u.a 1958-66 stellvertretender Generalsekretär, sodann bis 1989 stellvertretender Vorsitzender. Auch zahlreiche Staatsfunktionen, u.a. 1958-90 Mitglied der Volkskammer; zugleich (nach Gerken) zumindest in den 1950er/60er Jahren Agent des MfS (Deckname: Herold).

20. August 2021 – 50. Todestag des Luftwaffenoffiziers und Nachrichtendienstlers Jens Peter Petersen: 40. Todestag des sowjetischen Agenten Sándor Radó

Jens Peter Petersen (12.10.1893 Bredebro/Tondern-20.8.1971 Stuttgart) Luftwaffenoffizier, zuletzt Generalmajor (1.1.1944). Im Ersten Weltkrieg Kriegsfreiwilliger, zuletzt als Leutnant d.R. Luftbeobachter. 1934 Eintritt in die Luftwaffe. 1938-30.9.1942 (o. 30.4.1940-27.12.1942) als Oberst Luftattaché in Stockholm (zeitgleich Leiter der KO Schweden o. Resident des SD-Ausland). Danach andere Verwendungen bzw. Führerreserve. 2.5.1945-10.3.1947 Kriegsgefangenschaft.


Sándor Radó (auch: Alexander Rado, Alexander Radolfi) (5.11.1899 Újpest (Budapest)-20.8.1981 Budapest), ungarischer Kartograph und Geograph, sowjetischer Agent (Deckname: Albert, ab 1941 Funkdeckname: Dora). 1917 Einberufung zur k.u.k. Armee; zugleich Beginn des Jurastudiums in Budapest. Dezember 1918 Mitglied er KP Ungarns. 1918/9 Teilnahme an der ungarischen Räterevolution, sodann im Juli Flucht nach Österreich. Beginn des Geographiestudiums in Wien und 1920 Gründung der sowjetischen Nachrichtenagentur Rosta-Wien, die Informationen in die Sowjetunion liefert, und später in Intel umbenannt wird. 1922 Übersiedlung nach Deutschland; Fortsetzung des Studiums in Jena; Mitglied im M-Apparat der KPD. Im Oktoberaufstand 1923 operativer Leiter der Proletarischen Hundertschaften in Sachsen. 13.10.1923 Festnahme; 1924 Flucht in die Sowjetunion. Mitte der 1920er Jahre Korrespondent der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS in Berlin, Mitarbeiter der Komintern. 1933 Wechsel nach Paris. 1935 Wechsel zur GRU. Ab März 1936 Resident der GRU in der Schweiz. Gründet im August 1936 zur Tarnung die Presseagentur Atlas Permanent S.A. in Genf. Unterhält ein Agentennetz in der Schweiz. Leitet im Zweiten Weltkrieg, nach dem Abzug von Ursula Kuczynski, die sowjetischen Spionageringe in der Schweiz. Radó taucht im Oktober 1943 nach der weitgehenden Enttarnung seiner Organisation unter; er wird am 18.5.1944 verhaftet, jedoch bereits nach 111 Tagen wieder auf freien Fuß gesetzt; flieht sodann nach Frankreich. Eine Anklage vor dem Militärtribunal wegen Spionage im Frühjahr 1945 endet nach Intervention des schweizerischen Nachrichtendienstes mit dem Freispruch von Radó, der kurz darauf nach Moskau zurückgerufen wird; dort verhaftet und zu einer langjährigen Freiheitsstrafe verurteilt (1947 in Abwesenheit in der Schweiz wegen Spionage verurteilt), aus der er 1955 freigelassen wird. Sodann Übersiedlung nach Ungarn, wo er bis 1966 Geografie und Kartografie lehrt.

19. August 2021 – 140. Geburtstag des holländischen Mehrfachagenten Alois Snep

Alois (Aloisius) Petrus Laurenzius Snep (19.8.1881 Westervoord-März 1961 St. Albans/England), Niederländer, Polsterer, Dekorateur, Mehrfach-Agent (deutscher Deckname: GV88; sonst: Sloot; Slooter; Sleeper). Vor Beginn des Ersten Weltkriegs als britischer Agent gegen Deutschland, von Amsterdam aus operierend, im ?Juli 1914 in Duisburg festgenommen. 1914 in Deutschland wg. Spionage zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt, die zum Teil in Essen verbüßt werden. Ende 1918 auf freien Fuß gesetzt. Erneut gegen Deutschland operierend, später an den französischen Dienst übergeben, als Briefe schreibender Werber tätig. 1935 erneut in Hannover und im Ruhrgebiet in Erscheinung getreten. Von Abwehr III F gegen Zahlung von 25.000 Mark überworben; verrät die französischen Hintermänner, u.a. den Leiter der Marinespionage in Dünkirchen, Henri Trautmann, und den angeblichen Konsulatsbeamten Fontes in Amsterdam; in den kommenden Jahren gegen ein monatliches Fixum für Richard Protze als Doppelagent tätig. Führt 1938-40 für Protze die Verbindung zu dem MI6-Mitarbeiter aus dessen holländischer Residentur, Folkert Arie van Koutrik (unter dessen Abwehr-Decknamen Walbach). Beim Einmarsch der Deutschen in Holland 1940 flieht Snep in die Schweiz.

17. August 2021 – 115. bzw. 110. Geburtstag der SD-Funktionäre und Kriegsverbrecher Eduard Strauch und Martin Sandberger

Eduard Strauch (17.8.1906 Essen-15.9.1955 Uccle/Belgien), SD-Funktionär, zuletzt SS-Obersturmbannführer (20.4.1939). 1931 Mitglied der SA, Dezember 1931 Übertritt in die SS. Ab 1.7.1934 hauptamtlich beim SD. September bis Dezember 1939 SD-Einsatz in Polen. Ab 1.3.1941 Leiter des SD-Leitabschnitts Königsberg. 4.11.1941 Leiter des Einsatzkommandos 2, 3.12.1941 Leiter des Sonderkommandos 1b zugleich BdS Weißruthenien (Minsk); bis 24.6.1943; sodann Verbindungsmann des SD beim Chef der Bandenkämpfe (von dem Bach-Zelewski), 5.4.1944 Beauftragter des RSHA-Chefs Ernst Kaltenbrunner beim Militärbefehlshaber Belgien und Nordfrankreich, 31.5.1944 KdS Wallonien (Lüttich); bis 11.10.1944. 21.10.1944 Einberufung zur Waffen-SS, Ic-Generalstabslehrgang. Verwendung nach dem 16.12.1944 unklar. Nach dem Krieg im Einsatzgruppenprozess zum Tode verurteilt, sodann nach Belgien ausgeliefert, dort erneut zum Tode verurteilt und in einem Krankenhaus in Uccle verstorben.

Martin Carl Sandberger, Dr. jur. (17.8.1911 [Berlin]-Charlottenburg-30.3.2010 Stuttgart), SD-Funktionär, zuletzt SS-Standartenführer (30.1.1945). Seit Mai 1935 für den SD tätig, ab Januar 1936 hauptamtlich. 1939/40 als Sturmbannführer Leiter der Einwandererzentrale beim Chef der Sipo und des SD; zugleich stellvertretender Gruppenleiter I B (Erziehung, Ausbildung, Schulung) im RSHA. Juni-Dezember 1941 Chef der Einsatzgruppe 1 a; 3.10.1941-Herbst 1943 zum Teil gleichzeitig auch Kommandeur der Sipo und des SD (KdS) in Estland. Sodann Rückkehr zum Amt I des RSHA. 1.12.1943 Leiter der Gruppe VI A (Organisation) des Amtes VI (SD-Ausland); bis Kriegsende. Nach dem Krieg im Nürnberger Einsatzgruppenprozess am 10.4.1948 zum Tode verurteilt, 1951 Umwandlung in lebenslange Haft, 1958 entlassen.

15. August 2021 – 80. Todestag des deutschen Agenten Josef Jakobs; 110. Geburtstag des MfS-Funktionärs Hans Fruck

Josef Jakobs (auch: Jacobs) (30.6.1898 Luxemburg-15.8.1941 London, hingerichtet), Deutscher, Agent. August-Dezember 1914 Soldat im 4. Garderegiment zu Fuß, Oktober 1916-November 1918 Leutnant im selben Regiment. 1935-37 in Haft in der Schweiz. Sodann Schiebergeschäfte mit gefälschten Pässen für ausreisewillige Juden. Festgenommen und in KZ-Haft. 1940 von der Abwehr angeworben. 31.1./1.2.1941 als Agent über Ramsay/Huttindonshire/Großbritannien mit dem Fallschirm abgesetzt; hierbei ein Bein gebrochen. Festgenommen, im August 1941 zum Tode verurteilt; Jacobs macht im Gerichtsverfahren vergeblich geltend, als Freund Englands gekommen zu sein. Er wird im Tower erschossen.

HansFruck (15.8.1911-15.12.1990), Werkzeugdreher, kommunistischer Funktionär, MfS-Offizier, zuletzt Generalmajor (1953). Im Dritten Reich als Werkzeugdreher Leiter einer illegalen kommunistischen Gruppe, 1943 festgenommen und wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. 1945 Einstellung bei der Polizei. 1950 Wechsel zum MfS, Leiter der Verwaltung von Groß-Berlin. 1956 stellvertretender Leiter der HVA; bis 1977: Entlassung.

13. August 2021 – 115 Geburtstag des sowjetischen Agenten Karl Helfrich

Karl Helfrich, Dr. (13.8.1906 Lampertheim-31.5.1960 Bonn), 1941/42 Mitarbeiter im Auswärtigen Amt; zugleich Lebensgefährte und Mitagent (Deckname: Хир [=?Hier]) der GRU-Agentin Ilse Stöbe (Alta). 12.9.1942 festgenommen (Bild: Erkennungsdienstliche Fotos der Gestapo, 1942). Überlebt das Kriegsende. November 1945 Chefredakteur der Berliner Abendzeitung Kurier. 1948 Teilnehmer eines sowjetisch gesteuerten Kongresses der Intellektuellen zur Verteidigung des Friedens in Breslau.

11. August 2021 – 140. Geburtstag des Abwehroffiziers Günther Schwantes

Günther Schwantes (15.10.1881 Kolberg-11.8.1942 Gläsen/Kr. Lobschütz), Offizier, zuletzt Generalleutnant. 1899 Eintritt in die Armee. 18.5.1901 Leutnant. 1.10.1908 für drei Jahre an die Kriegsakademie kommandiert. 22.3.1912 zum Großen Generalstab kommandiert. Während des Ersten Weltkriegs im Truppengeneralstab, ausgezeichnet mit dem EK II und I sowie dem Hausorden von Hohenzollern. 1.10.1919 der Heeresfriedenskommission zugeteilt. Von dort im Februar 1921 in die Reichswehr versetzt. Nach Truppendienst September 1925 Versetzung ins Reichswehrministerium, Abteilung T3, 1926 Referent in der Abwehrgruppe der Reichswehr. 1927 als Major stellvertretender Leiter der Abwehrabteilung. 1.4.1928-31.1.1930 als Oberstleutnant Leiter der Abteilung. Sodann andere Verwendungen, zuletzt: 1938-41 Divisionskommandeur.

9. August 2021 – 140. Geburtstag des ungarischen Schriftstellers Bela Vago

Bela Vago (ung. Vágó Béla; russ. Namenszusatz: Alexandrowitsch, ВагоБельаАльексвндрович) (9.8.1881 Keczkemet/Ungarn-10.3.1939 Butowo b. Moskau, hingerichtet), jüdisch-ungarischer Schriftsteller, mutmaßlicher kommunistischer Agent, angeblicher deutscher Agent. Hochschulausbildung abgebrochen. Seit 1905 Mitglied der Sozialdemokratie in Ungarn, dort ab 1906 Sekretär. Während des Ersten Weltkriegs pazifistischer Redner. 1919 führende Rolle in der kurzzeitigen ungarischen Räterepublik als Innenkommissar und Militärkommandant. Nach der Niederschlagung des Putsches Flucht ins Ausland (Bild links). Mitglied der KPD. Heirat mit der deutschen Kommunistin Erna Schaefter. Emigration in die Sowjetunion, dort Hg. der Zeitung Hammer und Sichel sowie Leiter der ungarischen Sektion im Verlag für ausländische Arbeiter in Moskau. Verhaftet am 28.2.1938 wg. Spionage und Teilnahme an einer konterrevolutionären Terrororganisation (Bild rechts); vom Militärkollegium des Obersten Gerichts der Sowjetunion am 10.3.1939 zum Tode verurteilt und am selben Tag erschossen. Wird im Frühjahr 1941 vom RSHA auf der Sonderfahndungsliste SU ausgeschrieben als: V2, RSHA IVA2, Stapo Berlin. In der Sowjetunion am 25.2.1956 posthum rehabilitiert.

8. August 2021 – 60. Todestag des sowjetischen Einflussagenten Wilhelm Kropp; 120. Geburtstag des kommunistischen Geheimdienst-Funktionärs Franz Riegg

Wilhelm (Willi) Kropp (3.11.1899 Grünberg/Hessen-8.8.1961 Weimar), kommunistischer Funktionär, sowjetischer Einflussagent (Deckname: Willi Keller). 1919/20 Mitglied der KPD im Ruhrgebiet. Juni 1923 von der französischen Geheimpolizei verhaftet. Nach einem Jahr Haft Übersiedlung nach Dietz/Lahn. Verschiedene Funktionen als KPD-Funktionär und Redakteur. Am 4.5.1933 in Berlin verhaftet. Nach Entlassung aus dem KZ Sonnenburg Emigration über Saarbrücken und Paris in die Sowjetunion; dort im März 1935 eingetroffen. Mitarbeit im Sekretariat des EKKI. Oktober 1941-Februar 1942 Kursant an der Komintern-Schule in Kuschnarenkowo. Februar 1942-Februar 1943 Oberkommissar in einem sowjetischen Gefangenenlager. 1943-45 Beeinflussungsarbeit gegenüber deutschen Kriegsgefangenen an der Zentralschule 27 und im Objekt 12 unter dem Decknamen Willy Keller. 28.5.1945 Rückkehr nach Schwerin als Mitglied der Gruppe Sobottka. Sodann Parteifunktionär, u.a.: Leiter der Parteihochschule der SED.

Franz Riegg (8.8.1901 München-4.5.1945 Lübecker Bucht), kommunistischer Geheimdienst-Funktionär. 1921 Eintritt in die KPD, 1923 aktiv an deren Aufstandsvorbereitungen beteiligt, sodann aus Bayern geflüchtet. Lebt ab 1924 unter dem Falschnamen Max Dänicke im Ruhrgebiet, Tätigkeit in der KPD-Presse. Ende 1927-Frühjahr 1929 Agentenausbildung an der M-Schule der Komintern in Moskau. Sodann Funktionär im AM-Apparat, zugleich Redakteur bei der KPD in Berlin. Ende 1933 verhaftet und bis Mai 1945 durchgehend in Zuchthaus- und KZ-Haft. Bei Untergang des Passagierschiffs Cap Arcona in der Lübecker Bucht Anfang Mai 1945 ums Leben gekommen.

7. August 2021 – 50. Todestag des Offiziers Enno von Rintelen; 110. Geburtstag des SD-Funktionärs und Kriegsverbrechers Martin Sandberger

Enno von Rintelen (6.11.1891 Stettin-7.8.1971 Heidelberg), Offizier, zuletzt General der Infanterie (1.7.1942). 18.9.1910 Eintritt in die preußische Armee als Fahnenjunker. Im Ersten Weltkrieg Truppenoffizier, Beförderung zum Oberleutnant (18.9.1915) und Hauptmann (18.10.1918), ausgezeichnet mit dem EK II und I. Nach 1918 Übernahme in die Reichswehr, Eingesetzt bevozugt in Stäben, ab 1.10.1921 Abwehroffizier im Gruppenkommando 1 in Berlin. Frühjahr 1924/Anfang 1925 im Stab des Gruppenkommandos 2 in Kassel. 1.10.1936-31.8.1943 Militärattaché in Rom (November 1937-April 1939 zusätzlich in Albanien) und ab 1.6.1940 zugleich Bevollmächtigter General bei der italienischen Wehrmacht, bis 1.9.1943. September 1943 Versetzung in die Führerreserve, Ende 1944 a.D.

Martin Carl Sandberger, Dr. jur. (17.8.1911 [Berlin]-Charlottenburg-30.3.2010 Stuttgart), SD-Funktionär, zuletzt SS-Standartenführer (30.1.1945). Seit Mai 1935 für den SD tätig, ab Januar 1936 hauptamtlich. 1939/40 als Sturmbannführer Leiter der Einwandererzentrale beim Chef der Sipo und des SD; zugleich stellvertretender Gruppenleiter I B (Erziehung, Ausbildung, Schulung) im RSHA. Juni-Dezember 1941 Chef der Einsatzgruppe 1 a bei der Heeresgruppe Nord; 3.10.1941-Herbst 1943 zum Teil gleichzeitig auch Kommandeur der Sipo und des SD (KdS) in Estland. Sodann Rückkehr zum Amt I des RSHA. 1.12.1943 Leiter der Gruppe VI A (Organisation) des Amtes VI (SD-Ausland); bis Kriegsende. Nach dem Krieg im Nürnberger Einsatzgruppenprozess am 10.4.1948 zum Tode verurteilt, 1951 Umwandlung in lebenslange Haft, 1958 entlassen.

6. August 2021 – 120. Geburtstag des britischen Nachrichtendienst-Offiziers Angus Campbell; 80. Todestag der Agenten Theodor Drücke und Robert Petter

Angus Campbell (6.8.1901 London-), britischer Nachrichtendienst-Offizier. ?1939 Beamter des britischen Passport-Office Berlin. Vom RSHA zuletzt in Oslo lokalisiert, sodann in England vermutet und wg. Spionageaktivitäten zur Fahndung in Großbritannien ausgeschrieben (RSHA IV E 4).

Karl Theodor Drücke (auch falsch: Drucke, Druecke, Theodore) (1906 Grevenstein-6.8.1941 London, hingerichtet), deutscher Abwehr-Agent (Deckname: Francois de Deeker). Vermutlich bereits in den 1930er Jahren (?oder früher) in der deutschen Frankreich-Spionage tätig (?V-Mann-Führer: Hilmar Dierks). 12.5.1936 in Frankreich wg. Spionage zu 3 Jahren Haft verurteilt. Ab?1938 wieder auf freiem Fuß. Reist über Belgien und Holland nach Deutschland zurück. Am 30.9.1940 im Mory Firth (GB) zusammen mit Vera Chalburg und Robert Petter von einem Flugboot zur Spionage abgesetzt. Am selben Tag von britischen Sicherheitskräften festgenommen, wird er am 6.8.1941 gehängt.

Robert Petter (14.12.1915 Zürich-6.8.1941 London, hingerichtet), deutscher Abwehr-Agent (Decknamen: Keller; Werner Heinrich Wälti o. Waelti, auch: Walti; möglichweise sind Klarname und Deckname auch umgekehrt: Wälti/Petter). Vor dem Zweiten Weltkrieg angeblich Fahrer des französischen Konsuls in Hamburg. 1939 in Antwerpen, um sich dort als Funkagent der Abwehrstelle X, Hamburg,zu etablieren. Als angeblicher Schweizer Staatsbürger am 30.9.1940 im Mory Firth (GB) von einem Flugboot zur Spionage abgesetzt. Am selben Tag von britischen Sicherheitskräften in Edinburgh festgenommen; Petter wird sogleich aufgrund seines gefälschten, mit „ä“ geschriebenen britischen Passes enttarnt; er wird am 6.8.1941 gehängt.

4. August 2021 – 130. Geburtstag des SD-Funktionärs und Kriegsverbrechers Max Thomas

Max Thomas, Dr.med. (4.8.1891-November o. 3.12.1945, Selbstmord), Arzt, SD-Funktionär, zuletzt SS-Gruppenführer (9.11.1942) und Generalleutnant der Polizei. Teilnehmer am Ersten Weltkrieg, ausgezeichnet mit dem EK I. Seit 1933 Mitglied der NSDAP und der SS. Oktober Inspekteur der Sipo und des SD (IdS) Wiesbaden. Juni 1940-Oktober 1941 Beauftragter des Chefs der Sipo und des SD in Frankreich. Oktober 1941-29.4.1943 Kommandeur der Einsatzgruppe C in der Sowjetunion. 1944 im SS-Personalhauptamt.

3. August 2021 – 155. Geburtstag des kommunistischen Geheimdienst-Funktionärs Friedrich Senger

Friedrich Senger (3.8.1866 Bochold-3.8.1936 Wuppertal, ?Selbstmord), Kraftfahrer, kommunistischer Geheimdienst-Funktionär. Ursprünglich Mitglied SPD, nach 1933 zum AM-Apparat der illegalen KPD, 30.7.1936 festgenommen, in der Haftzelle erhängt.

2. August 2021 – 135. Geburtstag des kommunistischen Spitzenfunktionärs Paul Bertz

Paul Bertz (2.8.1886 Mühlhausen/Thüringen-18./19.4.1950 Gera, Selbstmord), Werkzeugschlosser, kommunistischer Spitzenfunktionär, mutmaßlicher Agent (Deckname: Johann). 1910 Eintritt in die SPD, im Ersten Weltkrieg im Spartacus-Bund, ab Ende 1918/Anfang 1919 Mitglied der KPD, deren Abgeordneter 1922-25 in Sachsen und 1924-30 im Reichstag. Als sog. Linksabweichler verfemt. Nach Der NS-Machtübernahme Flucht Ende 1933 in die Niederlande, von dort 1934 nach Frankreich, Wiederaufnahme in die illegalen Parteistrukturen unter dem Decknamen Johann; in einzelnen Veröffentlichungen als Leiter der Abwehr bezeichnet. Vorn Frankreich aus Schleusungstätigkeit nach Deutschland, auch Leiter des KPD-Grenzstützpunktes Zürich. Ab August 1939 erneut in Widerspruch zur Parteilinie wg. des Hitler-Stalin-Pakts, den er verurteilt. Nach Kriegsbeginn im September 1939 als deutscher Emigrant in Frankreich interniert. Nach der Freilassung in die Schweiz ausgewichen, dort Führungsfigur in der illegalen KPD. Im Frühjahr 1941 zu Unrecht vom RSHA auf der Sonderfahndungsliste SU als: B227, RSHA IVA2-2909/36g zur Festnahme in der Sowjetunion ausgeschrieben, während sich Bertz in Wirklichkeit unerkannt in der Schweiz aufhält. Nach dem Krieg Rückkehr nach Deutschland, in die Sowjetische Besatzungszone, dort erneut als Abweichler verfemt und alsbald in Verdacht geraten, ein sog. Noel Field-Agent zu sein. Begeht, als er sich vor der Zentralen Parteikommission der SED in Ost-Berlin rechtfertigen soll, Selbstmord.

31. Juli 2021 – 50. Todestag des britischen Geheimdienstoffiziers Desmond Morton

Desmond Morton (13.11.1891 Hyde Park Gate/England-31.7.1971), britischer Offizier, Geheimdienstmitarbeiter. Schulausbildung in Eton. 1909 an der Royal Military Academy in Woolwich. Artillerieleutnant. Ab Sommer 1914 beim Britischen Expeditionskorps in Frankreich. Nach Verwundung und Genesung ab 23.7.1917 dem Feldmarschall Sir Douglas Haig als Adjutant zugeteilt; zugleich enge Verbindung zum britischen Munitionsminister Winston Churchill. 1919 zum Foreign Office abgeordnet, in Wirklichkeit zu MI 6, dort Leiter der Sektion V (Bolschewismusabwehr). 1930-39 Leiter des Industrial Intelligence Center (IIC) ; in dieser Zeit Weitergabe von Geheimdienstinformationen über die deutsche Wiederbewaffnung an Winston Churchill, der ohne Regierungsamt ist. Danach Mitarbeit beim Aufbau des Ministeriums für wirtschaftliche Kriegführung (MEW), in diesem dann 1. Assistent des Ministers. 1940-45 Persönlicher Sekretär von Winston Churchill. 1946 Delegierter bei der Interalliierten Agentur für Reparationen. 1950 Wechsel vom Schatz-Amt zum Ministerium für zivile Luftfahrt. 1953 in Ruhestand.

29. Juli 2021 – 120. Geburtstag des mutmaßlichen Agenten Davis Bengen

Davis Bengen (29.7.1901 London-? [?ders. -Februar 1978 West Hempstead/Nassau County/New York]), mutmaßlicher Agent. Wird 1940 vom RSHA in London vermutet und auf der Sonderfahndungsliste GB wg. vorangegangener Spionageaktivitäten zur Fahndung in Großbritannien ausgeschrieben (RSHA IV E 3, Stapoleitstelle München).

28. Juli 2021 – 125. Geburtstag des estnischen Geheimdienstoffiziers Richard Maasing; 110. Geburtstag des Kriminalbeamten Heinz Pannwitz; 80. Todestag des sowjetischen Geheimdienstfunktionärs Samuil Perewosnikow; 130. Geburtstag des finnischen Einflussagenten Waino Ilmari Pesonen

Richard Maasing (28.7.1896 Vorbuse/Estland-10.4.1976 Stockholm), estnischer Offizier. Im Ersten Weltkrieg russischer Offizier. 1918 bei der deutschen Frühjahroffensive an der Ostfront in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten. Ende 1935-38 (o. 1.4.1934-1.9.1939) als Oberst Leiter des estnischen Geheimdienstes (Abteilung II des Generalstabs). In dieser Funktion und danach enge Zusammenarbeit mit dem Amt Ausland/Abwehr gegen die Sowjetunion. Verlässt am 9.10.1939 Tallinn mit dem Schiff und reist über Stralsund nach Stockholm. 1938?-40 estnischer Militärattaché in Stockholm; verbleibt dort auch nach der Besetzung durch die Sowjetunion; enge Zusammenarbeit mit dem japanischen Heeresattaché Ondera Makato bei des Spionageaktivitäten gegen Deutschland und die Sowjetunion. (?Anschließend/zwischenzeitlich Übersiedlung nach Deutschland).

Heinz Pannwitz (recte: Heinz Paulsen) (28.7.1911 Berlin-1975), Kriminalbeamter, SS-Offizier. Zunächst Studium der Theologie; nach der Aufgabe 1937 Eintritt bei der Kripo, 1939 Kripokommissar in Berlin. 1940 Versetzung zur Gestapo, dort Kriminalrat, Leiter des Referats IIg (Attentate, illegaler Waffenbesitz, Sabotage) bei der Gestapo in Prag; dabei 1942 bei der Mordsache Heydrich als Leiter der Soko eingesetzt, sodann Strafversetzung zur finnisch-russischen Front. März 1943 als Kriminalrat im RSHA Chef der Sonderkommission Rote Kapelle in Paris. Begibt sich zusammen mit Anatolij Gurjewitsch im Mai 1945 in Bludenz/Österreich in französische Gefangenschaft, wird nach Paris überstellt und sodann in die Sowjetunion verbracht, 1945-55 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft; dort umfangreiche Vernehmungen, u.a. durch den Smersch-Chef Viktor Abakumow. Zu 25 Jahren Haft verurteilt. Lebt nach der Freilassung in Ludwigsburg. Sein früherer Vorgesetzter Eugen Steimle behauptet später, Pannwitz sei sowjetischer Agent gewesen.

Samuil Markowitsch Perewosnikow (ПеревозниковСамуилМаркович) (12.1.1904-28.7.1941 Moskau, hingerichtet), sowjetischer Geheimdienstfunktionär (Deckname: Semjon Markowitsch Petrow, Семён Маркович Перов), Nationalität lt. Haftakte: Jude. 1922 Übersiedlung nach Deutschland, dort in Berlin Ausbildung zum Bankkaufmann. 1924 Eintritt in die KPD, gleichzeitig Sekretär der Vereinigung der sowjetischen Studenten in Deutschland. 1926 Rückkehr in die Sowjetunion, dort zur Roten Armee einberufen. Ab 1933 Mitarbeiter der INO, 1934-39 illegaler Resident in Shanghai. 1939 Rückruf nach Moskau, dort Anfang September verhaftet. Am 7.7.1941 wegen angeblicher Spionage zum Tode verurteilt und wenig später erschossen. 1967 posthum rehabilitiert.Waino Ilmari Pesonen (28.7.1991 Helsingfors-?), Finne, deutscher Agent (Decknamen: Björkman; Erik Salin o. Sahlin). Reist 1915 illegal nach Deutschland aus und wird im (finnisch-deutschen) Jäger-Bataillon militärisch ausgebildet. Seit Herbst 1915 erneut in Finnland, um dort weitere Jäger anzuwerben. Betätigt sich ab März 1917 beim Sprenstoffverteilungsring von N in Oslo (Rautenfels-Affäre).

27. Juli 2021 – 105. Todestag des britischen Piraten Charles Fryatt

Charles Algernon Fryatt, (auch: Edward) (2.12.1872 Southampton/England-27.7.1916 Brügge/Belgien, hingerichtet), britischer Seeoffizier, Saboteur. Rammt mit seinem als U-Boot-Falle (Q-Ship) benutzen Handelsschiff im März 1915 ein deutsches U-Boot. Wyatt lässt die im Wasser treibenden deutschen Soldaten von Bord aus erschießen. Wird 1916 mit seinem Dampfer Brussels von deutschen Seestreitkräften in der Nordsee vor Holland aufgebracht; bei der Durchsuchung des Schiffes werden zahlreiche Berichte des britischen Spionagerings von Richard Tinsley aus Holland aufgefunden, die zum Auffliegen etlicher Agenten in Belgien führen. Wird im Juli 1916 im besetzten Belgien als Saboteur erschossen. Der Fall Fryatt wird von den Kriegführenden beider Seiten für propagandistische Zwecke ausgeschlachtet. Die englische Seite behauptet noch heute, das U-Boot sei gar nicht gesunken.

25. Juli 2021 – 80. Todestag des Komintern-Agenten Willi Gall

Willi Gall (3.10.1908 Falkenstein/Vogtland-25.7.1941 Berlin-Plötzensee, hingerichtet), kommunistischer Funktionär, Komintern-Agent. Lehre als Dreher. 1929 Eintritt in die KPD. Funktionär in der Unterbezirksgruppe Zittau. 1933 Flucht in die Tschechoslowakei, bei der sog. Grenzarbeit mehrfach Einreise nach Deutschland. 1938/39 in Dänemark. Von dort imAugust 1939 illegale Einreise nach Berlin. Versucht dort, Verbindungen wiederaufzubauen. Hierbei im Dezember 1939 festgenommen. Zum Tode verurteilt und hingerichtet.

23. Juli 2021 – 110. Geburtstag des sowjetischen Geheimdienstfunktionärs Norman Borodin

Norman Michailowitsch Borodin (БородинНорманМихаилович; urspr. Grusenberg, Грузенберг) (23.7.1911 Chikago/USA-8.1974), sowjetischer Geheimdienstfunktionär (Deckname: Granit), zuletzt Oberst. Sohn des Revolutionärs Michail Borodin. 1923 zusammen mit der Mutter Übersiedlung aus den USA in die Sowjetunion. Seit März 1930 Mitarbeiter der ® INO in der ® OGPU. 1931-33 Agent der INO in Berlin. 1934 Rückkehr mach Moskau, Studium an der Militärchemischen Akademie der Roten Armee. 1937 Ernennung zum Stellvertreter des illegalen Residenten Itschak A. Achmerow in den USA. Als Student getarnt, wirbt er mehrere Quellen in der Lateinamerikaabteilung des State Departments an. 1938 Rückkehr in die Sowjetunion, während des Krieges NKWD-Mitarbeiter in Moskau (nach anderer, aber unwahrscheinlicher Darstellung während des Krieges als Mitarbeiter des Internationalen Roten Kreuzes getarnt in Berlin). 1949 verhaftet und nach Karaganda deportiert. 1955 in das KGB aufgenommen, dort Leiter der Abteilung für die Arbeit mit ausländischen Korrespondenten. 1961-67 Chef der aktiven Reserve der PGU des KGB, gleichzeitig Chefredakteur bei Nowostij; publiziert dort unter den Pseudonymen: N. Bardin, N. Barojan, N. Borisow, N. Tariblow. – Borodin dient dem sowjetischen Autor Julian Semerow als literarisches Vorbild für dessen (erfundenen) Helden Maxim Issajew, alias SS-Standartenführer Otto von Stierlitz in der Spionageschnulze Siebzehn Augenblicke im Frühling, die in der Spionageliteratur als Selbstläufer für viel Verwirrung gesorgt hat.

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