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Der neue persische Ajatollah – Modschaba Chamenei und die Lage in Persien

Der nachfolgend widergegebene Artikel über den neuen persischen Führer und die Lage im Lande ist eine Momentaufnahme aus der Feder des Hamburger Historikers Dr. Walter Post, die ich mit seiner Genehmigung zur Kenntnis bringe, weil sie von dem um Meilen abweicht, was man sonst an Aufgeregtheiten hierzulande zu lesen und zu hören kriegt. Es ist seine Auffassung, ich finde sie lesenswert.

Maxim Gorki… und Mura B.

Prolet-Kultur – Wie man einen Staat zerstört, Teil 5: Der Schriftsteller als Waffe… und Maxim Gorki

Mit diesem fünften und letzten Teil der Betrachtungen zum Krisenjahr 1923, wende ich mich der Kampfform der Beeinflussung zu. Nach all den geschilderten Misserfolgen, welche die sowjetrussischen Umstürzler im Laufe das Jahre hinzunehmen hatten, mussten nun die Schriftsteller an die Front. Sie hatten beträchtlichen Erfolg.

       Der Schriftsteller, um den es im Folgenden als den erfolgreichsten unter den Beeinflussern gehen soll, ist der Literaten-Star Maxim Gorki. Er war, um in einem sowjettypischen Bild zu schwelgen, ohne es zu wollen, Hammer und Amboss zugleich.

Eins

Auf dem Wege zur Sonne: der Wanderer Maxim Gorki

Bevor aus dem Mann der weltbekannte Maxim Gorki wurde, hieß er Alexej Maximowitsch Peschkow. Der kam 1868 in Nishnij Nowgorod – das liegt rund 450 km östlich von Moskau – als armer Leute Kind zur Welt. Frühzeitig verwaist und ohne nennenswerte Schulbildung vagabundierte er in Russland umher. Kurz vor der Jahrhundertwende gelang es ihm, eine erste Erzählung zu veröffentlichen. Zu der Zeit hatte er einen Posten als Journalist bei einer Lokalzeitung in Samara inne. Das befand sich nicht gerade im Zentrum Russlands, sondern rund 700 km Wolga-abwärts von seinem Geburtsort entfernt. Nun ja, die Wolga ist lang, und, wie der Russe so sagt, der Zar ist weit.

     Wir würden heute nichts von Gorki wissen, wenn er nicht 1903 mit seinem Bühnenstück Nachtasyl einen überraschenden Welterfolg gelandet hätte. Plötzlich war er wer. Ein Foto, das ihn mit einer gleichaltrigen berühmten Theaterdiva, Maria Andrejewa (1868-1953), zeigt, die seine Geliebte wurde, belegt den Wandel. Die aparte Russin war nicht nur eine bekannte Schauspielerin, sondern sie diente um die Jahrhundertwende prominenten Malern und Fotographen als Modell.

Von den Bildern, auf denen sie zusehen ist, hat es mir genau dieses eine aus dem Jahre 1905 besonders angetan, auf dem sie von zwei jungen Männern flankiert wird. Der eine ist ihr Sohn, der andere der soeben zu erstem zarten Ruhm gelangte Schriftsteller Maxim Gorki. Er war es, der die Schauspielerin mit seinen sozial-revolutionären Gedanken beeinflusste, als er ihr Liebhaber und später auch ihr Ehemann wurde.

       Dass Gorki mit sozialrevolutionären Gedanken liebäugelte, ja, von ihnen durchdrungen war, muss man nicht mühsam zu erklären suchen. Die Welt, aus der er stammte, lud zu solchen Ideen ein. Folgerichtig engagierte er sich 1905 bei der in Russland ausgebrochenen Revolution, wurde verhaftet und reiste 1906 bei erstbester Gelegenheit aus Russland aus. Sein erstes Auslandsziel wurde Amerika. Danach zog er weiter nach Italien, wo er in Sorrent eine Villa erstand, vis a vis der Insel Capri.

     Der nun folgende lange Zwischenstopp in der Sonne Italiens ist deswegen erwähnenswert, weil Gorkis sehenswertes Domizil der Anlaufpunkt für vielerlei russische Exilanten wurde, die bei ihm urlaubten, denn merke: Revoluzzen und vor allem die zugehörigen Fraktionskämpfe sind anstrengend, man bedarf der Erholung. Wir sind deswegen über dieses staunenswerte Detail des Sozialismus informiert, weil in einigen, viel später veröffentlichten Leninbüchern ein Foto auftaucht, auf welchem der Meister-Bolschewik und spätere Diktator Russlands beim Schachspiel auf Gorkis Terrasse im Kreise von Genossen zu sehen ist.

     Zur Geschichte dieses Bildes gehört, dass die sowjetischen Zensurkünstler von Auflage zu Auflage neue Retuschen vornehmen mussten, um missliebig Gewordene zu entfernen, respektive nach deren Rehabilitierung wieder zum Leben zu erwecken. Auch die Unbekannte vorn rechts, von der wir nur die linke Hand und ein Bein im gestreiften Rock sehen, musste manchmal weichen und ein andermal wieder platznehmen. Sie ist für mich das einzige Rätsel in diesem Suchbild. Oder doch nicht? Täusche ich mich, wenn ich auf Lenins Miene ein selbstgefälliges Sieger-Lächeln entdecke? Ein Teilnehmer berichtete später, dass Lenin die Partie verloren habe und außer sich gewesen sei.

1913, knapp vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, kehrte Gorki nach Russland zurück. Er blieb bis 1921, um erneut nach Italien auszuweichen. Aber innerhalb dieses Zeitraums hatten die Jahre ab der Oktoberrevolution es in sich. Da war er so etwas wie ein revolutionärer Nationalheld, der Vorzeige-Proletarier schlechthin.

       Bei den diversen Kongressen, die von den Bolschewiki zelebriert wurden, war er sichtbarer Mittelpunkt. Zum Zweiten Weltkongress der Kommunistischen Internationale 1920 veranstaltete er ein Massenspektakel im Freien, zu dem er die Dramaturgie entworfen hatte. Auf dem zugehörigen vielfach verbreiteten Teilnehmerfoto sehen wir ihn (mit kahlrasiertem Schädel) hinter Lenin stehen. Der kahle Schädel: eine Hommage an den Meister? Hinter Gorki eine Säule, und links hinter der Säule sein Sohn Maxim, auch er kahlrasiert und zudem Mitarbeiter bei der Geheimpolizei Tscheka.

Zwei

Bei Gorkis zu Hause

In diesen wenigen russischen Jahren vor und nach der Oktoberrevolution lebte Gorki mit seiner Frau Maria Andrejewa in einer hochherrschaftlichen riesengroßen Wohnung in Petrograd. In dieser gründeten die beiden 1918 mitten in den Wirren des Herrschaftswechsels einen Verlag, Всемирная литература, den Verlag für Weltliteratur. Nein, bescheiden war man bezüglich des eigenen Werkes nicht.

       Nun ist das Gründen eines Verlages und sein Betrieb zweierlei. Maria wusste Rat. Den Verlag würde ein Jurist führen, und sie wusste auch schon welcher. Es war Peter Petrowitsch Krjutschkow (1889-1938). Zwei Jahre zuvor, 1916, als Maria und Pjotr sich erstmals paarten, saß der Zar noch, wenn auch schon wacklig, auf seinem Thron. Was also hatte so ein Sprössling aus dem russischen Dienstadel, ein junger hoffungsvoller Jurist im Staatsdienst, der es bei etwas anderem Verlauf der Geschichte unter der Herrschaft des Zaren sicher einmal weit gebracht hätte, kurz drauf bei den Bolschewiki verloren?

       Zunächst war es ein Fall von Liebe und sonst gar nichts. Dabei ließ es sich offenbar nicht vermeiden, dass die Andrejewa ihren wesentlich jüngeren Geliebten mit revolutionärem Gedankengut infizierte, das sie selbst seit ihrer Liaison mit Gorki in sich trug. Für den jungen Mann mag das zunächst überraschend gewesen sein, kurze Zeit später war es lebensrettend, denn mehr als nur einer in seiner Position bezahlte nach der Oktoberrevolution die falsche Klassenzugehörigkeit mit dem Leben.

Nach der Weichenstellung durch Maria zog Krjutschkow zu dem Gorki-Paar in dessen Wohnung. Was mag der Hausherr dazu gesagt haben? fragt etwas entgeistert die Leserin. Wir wissen es nicht, allerdings das, was er kurz drauf tat, denn in der Wohnung tauchte – es muss ein wahrer Taubenschlag mit ungezählten Personen gewesen sein – noch im Verlauf des Jahres 1918 eine Frau auf, bei der ich mich streng disziplinieren muss, um nicht deren Lebensroman zu erzählen, der in drei fette Oktav-Bände nicht hineinpassen würde. Wir begnügen uns also mit Stichworten, die nur mit Gorki zu tun haben. Das sind schon ziemlich viele.

Drei

Auf die stürmische Art

Es geht um Maria Ignatjewa Budberg, genannt Mura (1892-1974), geborene Sakrewskaja, zum Zeitpunkt ihres Auftauchens noch verheiratete von Benckendorff. Die Grundbesitzers-Tochter aus Poltawa hatte als Zwanzigjährige standesgemäß geheiratet, der Ehemann, Johann von Benckendorff (1882-1919), entstammte dem deutschbaltischen Adel mit einem Gut in Jendel (Jäneda), Gouvernement Reval, also im heutigen Estland. Die Hochzeit fand 1912 nicht dort, sondern in London statt, wo ein Verwandter aus der gräflichen Linie der Benckendorffs der zaristisch-russische Botschafter war.  Sodann zog das Paar nach Berlin um, wo der frischgebackene Ehemann an der russischen Botschaft als Dritter Sekretär diente. Damit war’s im August 1914 nach dem Kriegsausbruch vorbei. Man kehrte nach Russland zurück, genauer gesagt auf das Gut im Estnischen.

(Drei Mann in einem Bett: Bruce Lockart, Jekabs Peterss, Maxim Gorki)

Irgendwann während des Krieges trennten sich die Eheleute, wenigstens räumlich, denn Mura Benckendoff befindet sich im Sommer 1918 in Moskau, wo sie eine heftige Affäre mit dem britischen Agenten und Diplomaten Robert Bruce Lockart (1887-1970) beginnt, die im September 1918 im Tscheka-Gefängnis endet, denn Lockart wird mit gutem Grund verdächtigt, den gewaltsamen Sturz der bolschewistischen Regierung vorbereitet zu haben. Er entkommt dem sicheren Tod aus diplomatischem Kalkül, dem des Agentenaustauschs zwischen Moskau und London, und wird, man kann’s nachvollziehen, für immer des Landes verwiesen.

       Für die Russin Mura von Benckendoff-Sakreskaja schien die letzte Stunde zu schlagen: falsche Klasse und konterrevolutionär zudem. Nur ein Wunder konnte sie retten. In ihrem Falle war es der Lette Jēkabs Peterss (1886-1938), Mitglied im Kollegium der Tscheka und ein berüchtigter Folterer. Der ließ sie aus der Haft raus. Ob sie hierbei einen Umweg durch sein Bett machte, ist umstritten. Wir sagen: Selbst wenn.

       Nunmehr reiste Mura – nicht aus eigenem Antrieb – von Moskau nach Petrograd, wo sie bei der Ankunft erneut festgesetzt, aber nach einem Rückruf in Moskau gleich wieder auf freien Fuß gesetzt wurde. Stehenden Fußes begab sie sich in Gorkis Wohnung, die sie so bald nicht wieder verlassen sollte. Was hatte sie zu bieten? Zunächst die Eintrittskarte, die galt dem Verlag. Sie sprach vier Sprachen fließend, Deutsch, Französisch, Englisch und Russisch, das Russische davon am wenigsten perfekt, ganz so wie in ihren Kreisen üblich. Und für Gorki? Sie war ungewöhnlich intelligent und gebildet. Zudem war sie, wie man das heute nennen würde, sexy, und sie war 24 Jahre jünger als Gorki und seine gleichaltrige Frau. Gorki war überwältigt, denn so eine Frau wie Mura hatte noch nie zu seinem Repertoire gehört. Seine Noch-Frau hatte keine Einwände, denn sie hatte schließlich ihren Pjotr.

       Mit Mura Budberg hatte sich die Tscheka in Gorkis Leben eingenistet. Sie, die Tscheka bzw. ihre Nachfolger, würden dort bis zu Gorkis Tod fest verankert bleiben, wie wir noch sehen werden. Doch zunächst gilt es von einem Ereignis zu berichten, das 1921, kurz vor Gorkis Wiederausreise aus Russland stattfand. Er erhielt Besuch von einem anderen Star der Weltliteratur, von H.G. Wells (1866-1946). Der linkslastige Brite war nach Russland gereist, um sich vom Wunder des Sowjetstaats ein eigenes Bild zu machen. Da lag es nahe, beim gleichgesinnten und zudem gastfreien Gorki Station zu machen. Mura erhielt Order aus Moskau, den Gast zu begleiten, offiziell hieß es: als Dolmetscherin.

Ein Foto, das die drei beieinander zeigt, hat die Zeitläufte überdauert. Es zeigt den verschmitzten, besitzergreifenden Gorki, die etwas tiefer kauernde, erstaunlich jung aussehende Mura und den leicht abwesend wirkenden Wells. Was das Bild beim besten Willen der Interpretation nicht offenbart, ist der Umstand, dass der Engländer und die Russin soeben eine heftige Liaison begonnen hatten, die Gorki bei aller Gastfreundschaft keineswegs gefiel. Vielleicht tröstete er sich damit, dass die Beziehung ohnedies nur einige Tage andauern könnte, bis der Gast wieder weg war, doch da irrte er sich.

       Es wird Gorki bei allem Im-Mittelpunkt-stehen in Russland der Revolution nicht gefallen haben. Zwar tanzte alles, was rot und mächtig war, durch seine Wohnung, aber es kann ihm nicht entgangen sein, dass die Bürger, die nicht zum roten Adel gehörten, hungerten, ihre Wertsachen für ein Stück Brot verkaufen, und die Frauen, deren Männer man erschossen hatte, auch sich selbst. Vielleicht sah er auch nichts davon und sehnte sich nur nach dem ungebundenen Leben in Sorrent zurück, an die Wärme, an die Sonne, an den italienischen Wein.

       Bleibt noch eine Dritte Variante, nämlich dass Mura ihn anstachelte, das Land der Väter zu verlassen. Doch zunächst trennte sich das Paar: Gorki reiste nach Westen, Mura von Petrograd nach Nordost. Ihr Zielland war das frisch aus der Taufe gehobene Estland, dort lag das Gut der Benckendorffs, wo ihre Kinder bei den Großeltern lebten. Den Vater hatten estnische Landarbeiter kurz zuvor erschlagen. Die estnische Regierung sah den Ankömmling ungern und nahm ihn unter Spionageverdacht vorübergehend fest.

Doch Mura, noch hieß sie offiziell Benckendorff, gelang ein Handstreich der bizarren Art. Sie heiratete Knall auf Fall einen anderen baltendeutschen Adligen und bis vorgestern noch zaristisch-russischen Offizier. Ich vermute, es ist dieser hier: Baron Nikolaj Antoljewitsch Budberg (1894-1971). Die Ehe hielt ein paar Tage – verrückt, aber wahr. Sie brachte ihr einen neuen Pass mit einem neuen Namen. Den neuen Namen behielt sie ihr Leben lang, und mit dem reiste sie im Frühjahr 1922 aus Estland aus. Ich nehme an per Schiff, denn sie traf auf Gorki im Ostseebad Heringsdorf, von wo das Paar, wie deutsche Polizeiakten wissen, nach Bad Saarow weiterreiste.

       Nun zurück zur Hauptperson: Nach Gorkis Wiederausreise 1921 endete seine Bedeutung für den Bolschewismus keineswegs. Ganz im Gegenteil. Vielmehr blieb er der Halbgott und ließ es sich, wie ich vermute, gerne gefallen. Von den Gründen muss jetzt die Rede sein.

Vier

Warum Gorki?

Es ist nicht ganz einfach, dem Erfolg von Maxim Gorki auf die Spur zu kommen. Es handelt sich nach meiner Einschätzung um ein ganzes Bündel von Gründen. Vorweg: Ich habe nicht vor, hier den Literaturkritiker zu spielen, die Deutsch- und Russischlehrer unter meinen ein oder zwei Lesern mögen sich also entspannt zurücklehnen. Zu Gorkis Können also kein Wort. Doch Erfolg ist nicht nur vom Können abhängig. Im Falle Gorkis muss man einen Blick auf sein Publikum und auf seine, Gorkis, Macher richten.

       Die Wirkung von Gorki im Deutschland der 1920er Jahre auf alles, was links und edel war, muss eine ungeheure gewesen sein. Mein Maßstab für diese Aussage sind die Werke aus der weiblichen Memoirenliteratur, die ohne Gorki nicht auskommen. Kein gesellschaftlicher Anlass, kein politischer Kongress ohne Gorki, wenigstens ein Zitat, besser noch ein Grußwort und am allerbesten seine Anwesenheit. Was also machte den Zauber dieses Mannes aus? Er hatte etwas zu bieten, was all diese vom Proletariat und seiner Herrschaft Berauschten nur als theoretische Hoffnung kannten: einmal ein echter Proletarier sein, ein Prolet gar. Da war er der Einzige weit und breit. Das ist meiner Meinung nach das Hauptmotiv für die hiesige Vergötterung.

       Warum er ausgerechnet auf Frauen so unwiderstehlichen Reiz ausübte? Ich weiß es beim besten Willen nicht zu sagen. Weiß auch über dessen Umgangsformen nichts. Dass es die eines auf Prolet getrimmten Salonbolschewiken waren, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Es war vielleicht – man sehe mir den hässlichen Vergleich nach – der selbe Reiz wie ihn ein bestimmter vulgärer draller Frauentypus auf manche Männer ausübt, die sonst von intellektuellen Frauen umringt werden.

       Mag alles sein, doch jetzt kommt die Hauptsache: Jeder Erfolg braucht seine Sponsoren. Im Falle von Gorki ist es seit der Oktoberrevolution die Regierung von Sowjetrussland, der späteren Sowjetunion. Das mag, solange Gorki bis 1921 in Russland ist, als eine Art Selbstläufer durchgehen. Aber danach, als er 1921 Russland mit durchaus diffusen Gedanken den Rücken gekehrt hatte? Jetzt wird die Sache interessant. Ich spreche von der Operation Gorki. Sie hieß im Geheimdienst-Russisch nicht wirklich so. Ich selbst habe sie zur Illustration so bezeichnet, weil ich die zugrundeliegende Fall-Akte noch nicht entdeckt habe.

Fünf

Wem kann man ein X für ein U vormachen, und wie macht man es?

Besondern Wert legten die sowjetischen Unterwanderungsspezialisten auf die Erringung der kulturellen Hegemonie. Mit anderen Worten: Sie wollten, dass ihre Zielpersonen die Sowjetunion liebten und bewunderten, und, jetzt kommt’s, dies auch mit dem Ziel der Nachahmung zum Ausdruck brachten. Die zugehörige Beeinflussung geschah stets zweigliedrig: teils durch plumpe Propaganda, zum Teil durch das Einspannen von Kultur-Prominenz vor den Karren des Sozialismus sowjetisch-russischer Bauart.

       Fürs deutsche Publikum, genauer gesagt: für dessen links-intellektuelle Schickeria,  wurde 1923 zu diesem Zweck ein spezieller Beeinflussungs-Apparat geschaffen: der Verlag Das Buch, später etwas bekannter unter dem Namen Das internationale Buch. Der Chef dieses frisch gegründeten Unternehmens, das zunächst bei der sowjetischen Handelsvertretung in Berlin mehr oder weniger heimlich unterkroch, war ein Bekannter von uns aus Petrograd: Peter Petrowitsch Krjuschkow. Der war dort bis dahin, wie wir schon hörten, der Liebhaber von Gorkis Frau, Maria Andrejewa und der Leiter des von Gorki 1918 in seiner Wohnung gegründeten Verlags für internationale Literatur. Krjutschkow sprach das Deutsche fließend, denn die Mutter war eine Baltendeutsche aus – wie man so sagte – gutem Hause und der Vater ein russischer Staatsrat, mithin ein Mann des russischen politischen und kulturellen Establishments.

       Der von Krjutschkow in Berlin geleitete Verlag wurde zum Dreh- und Angelpunkt der Deutschland-Beeinflussung, deren Zielpersonen deutsche Intellektuelle und über diesen Treibriemen die breite Öffentlichkeit wurden. Krjutschkow hatte im krisengeschüttelten Deutschland ein starkes Argument bei der Hand: eine mit Dollar-Devisen gefüllte Kasse. Es entbehrt nicht der Komik, dass einer der Geldkuriere, die zwischen Moskau und Berlin verkehrten, der Schriftsteller Maxim Gorki war, denn den Weltstar würde an den Grenzen niemand genau kontrollieren. Wir lesen mit Behagen, wie sich solche Übergabetreffs in Berlin abspielten. Immer im selben Café, Gorki immer schlechtgelaunt und vor Entgegennahme der Quittung akribisch das Geld mehrfach nachzählend. So hat es eine später erzählt, die, wie man beim Dienst so sagt, solche Treffs abzusichern hatte.

Sechs

In eurem Bunde der Dritte

Mit Gorkis Absetzbewegung aus Sowjetrussland im Jahre 1921 begann die zweite Operation Gorki der jungen sowjetischen Geheimpolizei Tscheka, später GPU, OGPU, NKWD. Es war einer der leitenden Funktionäre, der die Sache Gorki zu seiner eigenen gemacht hatte und der damit, sicher ohne es zu ahnen, sein eigenes Schicksal an das des Schriftstellers band.

       Die Rede ist vom Genrich Jagoda (1891-1938). Der ehemalige jugendliche Anarcho-Kommunist war seit 1917 Mitglied der Bolschewiki und ab 1920 bei der Tscheka. Er stieg dort steil auf, war seit 1923 Erster stellvertretender Leiter der in GPU/OGPU umgetauften Behörde und schließlich ab dem 10. Juni 1934 Leiter der erneut, diesmal in NKWD umbenannten Staatssicherheits-Behörde. Ab dem 26.November 1935 trug er den schmückenden Titel eines Generalkommissars der Staatssicherheit.

       Jagoda entwickelte frühzeitig einen glasklaren Plan zum Schutze der Sowjetherrschaft. Hierzu gehörte es, Russland-Flüchtlinge zu System-Bekennern umzudrehen. Die Notwendigkeit hierfür entsprang der Tatsache, dass Hunderttausende, die Russland nach der Revolution und im Bürgerkrieg fluchtartig den Rücken kehrten, über die Sowjet-Herrschaft nichts Gutes zu berichten wussten. Vor allem die Aussagen über Massenerschießungen, Enteignungen, Massenelend, Seuchen und Hungersnöte wirkten nicht eben anziehend. So kam es darauf an, wenigstens die eine oder andere Gegenstimme von einigem Gewicht zu gewinnen, besonders wenn sie im westlichen Ausland zu hören und der Sprecher prominent und scheinbar unpolitisch war. Es nimmt also nicht wunder, dass die Tscheka-GPU bei Gorki ansetzte.

       Der Mann, der jetzt sein Meisterstück zu erbringen hatte, war der soeben bereits ins Bild getretene Neubolschewik Peter Krjutschkow. Er war ein Freund Gorkis. Dass er dessen Frau quasi geerbt hatte, tat dem Verhältnis der beiden keinen Abbruch. Zudem saß Krjutschkow in Berlin genau an der richtigen Stelle, um den Schriftsteller zu umgarnen. Er hatte das Geld und schuf die Verbindungen, damit Gorkis Geschäfte auch fürderhin blühen konnten. Krjutschkow tat, was er konnte, und das war wirklich enorm. Ich bezweifle, dass Gorki ahnte, was mit dem Geld passierte, dass er im Auftrag der Komintern heimlich in bar von Moskau nach Berlin transportierte. Auch zweifle ich, ob er eins und eins zusammenzählte, wenn er all die prächtigen Einladungen und Publikationsaufträge erhielt und annahm, um mündlich oder gedruckt vom Ruhme Moskaus vor den Ohren naiver Intellektueller zu künden. Er tat’s und nicht zu seinem Nachteil.

Sieben

Finale in Moskau

Im Jahre 1928 gelang es Krjutschkow, seinen angeblichen Freund Gorki nach Russland zurück zu locken. In Moskau würde er alles haben, was er zum Leben und Dichten brauchte, einschließlich einer Villa mit dem nötigem Personal und einem erstklassigen Sekretär, nämlich ihm selbst. Es hat nicht an Warnungen gefehlt, Gorki solle sich auf die Einflüsterungen von Krjutschkow nicht einlassen. So vom polnisch-stämmigen Alt-Bolschewiken und Lenin-Vertrauten Mieczyslaw Kozłowski (1867-1927). Dem erteilte Gorki eine rüde Abfuhr, indem er dem vorgeblichen Freund Krjutschkow eine makellose Gesinnung attestierte und zu dem Warner jeglichen Kontakt abbrach. Dass dieser kurz drauf im Alter von 60 Jahren plötzlich und unerwartet starb, will ich zumindest erwähnt haben.

       Es ist nicht glaubwürdig überliefert, was genau den Rückholplan auslöste, noch warum Gorki hierauf einging. Zwei Antworten erscheinen mir möglich. Der mittlerweile – nach der Austreibung seines Erzrivalen Trotzki – nahezu fest im Sattel sitzende Stalin, wollte durch den prominenten Gorki im Ausland kein unnützes Risiko mit einem unabhängigen Geist und potenziellen Trotzki-Unterstützer eingehen, sondern den Mann räumlich und körperlich unter Kontrolle bringen. Und dieser ging darauf ein, weil er als Sechzigjähriger das Wanderleben satt hatte.

       Gorki wird sich allerdings kaum vorgestellt haben, dass das Moskauer Domizil ein Leben im Goldenen Käfig werden würde. Denn genau das wurde es. Gorki war dicht von Mitarbeitern der Geheimpolizei umstellt, die seinen Besucher- und Postverkehr streng überwachten. Und schlimmer noch: Der Hauptüberwachungs- und Lenkungs-Spitzel an seiner Seite war sein angeblicher Freund Krjutschkow. Der wohnte mit Familie auf dem Gorki-Anwesen. Aus seinem Arbeitszimmer führte ein direkter Telefondraht zum Leiter der Staatssicherheit. Von Zeit zu Zeit wurde er zudem von Stalin vorgeladen, der sich unter vier Augen Bericht erstatten ließ.

       Ein Bild aus diesen Tagen zeigt Gorki Seit an Seit mit Krjutschkow und mit dessen Vorgesetzten, dem damals noch stellvertretenden Chef der Geheimpolizei Genrich Jagoda. Als die Aufnahme 1933 entstand, waren die Tage der angeblichen Freunde gezählt.

Auch nach seiner Ernennung zum Generalkommissar des NKWD blieb Genrich Jagoda dicht an Gorkis Seite. Ein ziemlich finsteres Foto zeigt die beiden im Jahre 1935. Es erweckt nicht den Eindruck, als sei dem Dichter diese Begleitung angenehm. Aber wir wollen die Szene nicht überinterpretieren. Das nächste sichere Datum ist der 18. Juni 1936. Das ist Gorkis Todestag. Drei Monate später wurde Jagoda als Chef der Staatssicherheit abgesetzt – einfach so.

Nach Gorki Tod wollten die Gerüchte nicht verstummen, dass der Mann ermordet worden sei. Zuzutrauen wäre es den uns bekannten Beteiligten allemal. Dass in einem solchen Fall der Befehl von Stalin kam, halte ich für sicher. Sein Motiv: Gorkis Villa war in Moskau ein gesuchter Treffpunkt der sowjetischen Kulturniki.

       Auch Chef Stalin lenkte nur zu gerne seine Schritte dorthin, um sich in angeblich zwangloser Umgebung als Kunst-Mäzen ein bisschen feiern zu lassen. Doch nur ein einziger gab sich, wenn Stalin anwesend war, zwanglos. Das war Gorki. Bei solchen Gelegenheiten soll er sich in einer Weise geäußert haben, dass die übrigen anwesenden Kultur-Schranzen sich am liebsten in Mauselöcher verkrochen hätten. Stalin war nicht der Mann, derartige Insubordinationen hinzunehmen. So einfach erklärt sich die Sache, falls Gorki tatsächlich einer Mörderhand zum Oper fiel. Wie auch immer: Für die Leichtgläubigen gab’s ein prunkvolles Gorki-Begängnis.

       Für Jagoda und Krjutschkow galten andere Maßstäbe: Beide starben am 15. März 1938, hinterrücks erschossen auf dem Truppenübungsplatz Butowo bei Moskau. Auf diese Weise wurden sie als angebliche Verschwörer nach dem 3. Moskauer Schauprozess hingerichtet, devot beklatscht von den Kräften des Fortschritts in Ost und West.

Zurück zum Start: Die ganze hier erzählte Geschichte hätte so nicht stattfinden können, wenn sie nicht von der Schauspielerin Maria Andrejewa eingefädelt und befördert worden wäre. Was wurde aus ihr? Sie starb – es wird gesagt: völlig verarmt – 1953 in Moskau. Mura Budberg erging es entschieden besser: Nachdem Gorki nicht mehr aus Russland raus durfte, trennte sie sich 1933 endgültig von ihm und zog nach London – ins Nachbarhaus von H.G. Wells, der ihr 1946 bei seinem Tode ein beträchtliches Vermögen hinterließ. Sie starb 1974 in Italien.

Der erste Resident in Berlin: Wladimir Bustrem

Wie man einen Staat destabilisiert – und wie nicht

Im folgenden Text schildere ich ein paar Gedanken über das Jahr 1923. Gewiss, das liegt hundert Jahre zurück. Es geht speziell um das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland. Ob etwas Vergleichbares auch heute stattfindet, überlasse ich der Phantasie des Betrachters.

Eins

Deutschland als Stolperstein auf dem Weg zur Weltherrschaft

An diesem Deutschland, dass 1918 mit Pauken und Trompeten den Weltkrieg verloren hatte, rieben sich ab dem Beginn der 1920er Jahre eine Reihe von Leuten, die sich auf dem Weg zur Weltherrschaft wähnten. Für den russischen Führer Wladimir Uljanow, der gerade eben unter seinem Kriegsnamen Lenin in einem gewaltsamen Staatsstreich in Russland die Macht an sich gerissen hatte, war es sonnenklar: Der Weg zur Weltrevolution führt über Deutschland. Erst dessen Unterwerfung würde den Sieg bedeuten.

       Heute wundert man sich, dass ein Machtzentrum wie das in Moskau, das durchaus noch nicht gefestigt war, sondern immer noch durch einen Bürgerkrieg und durch Kriege mit seinen Anrainern zu gehen hatte, nichts Dringlicheres zu tun hatte, als solche, nicht gerade naheliegende Ziele wie die Unterwerfung Deutschlands anzustreben. Und doch war es so.

       Der erste einschlägige Schritt wurde im Sommer 1918 getan. Noch war der Weltkrieg nicht zu Ende, und keineswegs war ausgemacht, wer denn da letztlich siegen werde, als die Sowjets, kaum hatten sie nach dem Waffenstillstand von Brest-Litowsk mit dem Reich diplomatische Beziehungen installiert, ihre Gesandtschaft in Berlin rücksichtslos nutzten, um deutsches Umsturzpersonal mit Waffen und Propaganda-Material auszustaffieren. Die Gelegenheit schien günstig. In Berlin wurde gehungert und der nur mühsam unterdrückte Munitionsarbeiter-Streik vom Januar 1918 lud zu den schönsten Hoffnungen ein.

Die Rechnung war ohne den deutschen Wirt gemacht, in diesem Fall waren es die politische Polizei Preußens und die kaiserlichen Beamten des Auswärtigen Amtes. Die stellten den sowjetischen Funktionären eine Falle am Bahnhof Friedrichstraße, indem sie mit handverlesenen Gepäckträgern behilflich waren, um die per Bahn ankommenden diplomatischen Transport-Kisten holterdiepolter die Treppen herabstürzen zu lassen, so dass sie aufplatzen und sich ihr verborgener Inhalt für jedermann sichtbar auf dem Vorplatz verteilte.

       Die deutschen Spitzendiplomaten benötigten keinen ganzen Tag, um die Botschaft mit dem gesamten Personal des Landes zu verweisen. Einen Tag später gab es keine kaiserliche Regierung mehr, denn man schrieb den 9. November 1918. Doch zwei Dinge mochten trotzdem partout nicht klappen: Eine Rückkehrgenehmigung für die an der Reichsgrenze ungeduldig wartenden Sowjet-Revolutionäre und ein bolschewistischer Aufstand aus eigener Kraft. Beidem stand der Sozialdemokrat Friedrich Ebert im Wege, der die Macht im Reich soeben aus den Händen des letzten kaiserlichen Reichskanzlers geerbt und das Erbe angenommen hatte.

       Über diese Vorgänge ist schon viel Papier beschrieben worden. Heutige fortschrittliche Geschichtsinterpreten wissen genau, dass Ebert die deutsche November-Revolution verraten habe. Man kann das auch ganz anders sehen. Und tut gut daran.

Zwei

Zweiter Anlauf, in Deutschland einen kommunistischen Umsturz herbeizuführen

Als sich der Pulverdampf der ersten beiden Nachkriegsjahre etwas gelegt hatte, zeigte es sich, dass die wilden Anläufe, in Deutschland die Weltrevolution einzuführen, gescheitert waren. Die Hoffnungsträger und Frontfiguren, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, waren frühzeitig aus ihren Verstecken gezerrt und ermordet worden. Ein Verräter hatte sie verpfiffen. Der Wahrscheinlichste in einer Reihe von Möglichen heißt für mich Wilhelm Pieck.

Auch die kommunistische Boheme-Revolution in München an der Jahreswende 1918/19 war grausam zusammengeschossen worden, und der gut drei Monate andauernde parallele Versuch in Berlin endete vor Exekutionskommandos, die niemand hierzu beauftragt hatte. Nicht anders ging es 1920/21 im Ruhrgebiet, in Halle und im Mansfelder Land zu.

       Das Häuflein der schließlich Übriggebliebenen stritt über den rechten Weg und spähte tiefsinnig in die Zukunft, ob sich nicht der revolutionäre Moment am Horizont der Ereignisse zeigen mochte. In Moskau sah man die Dinge anders. Wenn denn die deutschen Genossen aus eigener Kraft nichts bewirken konnten, so würde man ihnen Beine machen müssen. Heraus kam eine zweigliedrige Strategie. Man kann es auch so ausdrücken: Da man sich im Generalstab der Weltrevolution, der Komintern, nicht einig werden konnte, was man mit Deutschland zu machen habe, fuhr man einen Sowohl-als-auch-Angriff. Einerseits wurde versucht, ein ebenso stabiles wie heimliches Einflussnahme-Bein in dem real existierenden deutschen Entscheidungsapparat zu installieren, andererseits nicht auf einen Putsch à la russischer Oktoberrevolution zu verzichten.

       In dem vor dem Leser liegenden Aufsatz werde ich nun ausschließlich über den erstgenannten Weg berichten, den zweiten – die Vorbereitung des Deutschen Oktober – verschiebe ich auf den November, auf dessen 100. Jahrestag.

Drei

Beseitigung der Kriegsfolgenprobleme

Der Weg, mit dem Deutschen Reich nach dem Abbruch der Beziehungen im November 1918 wieder ins Geschäft zu kommen, führte über praktische Fragen des Alltags, die nach einer Regelung riefen. Dies waren wechselseitige Vermögensfragen und der leidige Austausch von Kriegsgefangenen und aller sonstwie nicht ins eigene Lager gehörigen Personen. So fing es an.

       Dann kam der Paukenschlag von Rapallo. Das war im April 1922. Die beiden Außenminister der Außenseiter-Staaten, Walther Rathenau und Georgij Tschitscherin, beschlossen zum Schrecken der sog. Weltgemeinschaft, ohne lange zu fragen, aus der von den Weltmächten des Westens auferlegten Isolierung herauszutreten. Sie befreiten sich so zum gegenseitigen Vorteil. Sowjetrussland und Deutschland  regelten mit einem Handstreich die Lösung der wechselseitigen Probleme der Kriegsfolgen, verzichteten in diesem Zusammenhang auf Reparationen und vereinbarten die sofortige Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen.

Wie vereinbart, so getan. In Moskau und in Berlin öffneten wieder die jeweiligen Botschaften, Handelsvertretungen traten hinzu und – unter der nicht allgemein zu bemerkenden Oberfläche – lief die militärische Zusammenarbeit beider Statten zu gegenseitigem Nutzen an. Russlands Rote Armee erhielt taktisch-strategische Aufbauhilfe und die Reichswehr Übungsgebiete für die vom Versailler Diktat verbotenen Waffen (Panzer, Flugzeuge, Giftgasmunition).

       Höchst einseitig hingegen verlief ein weiterer Zweig dieser Annäherung. Das war die Installierung eines ausgeprägten sowjetischen Agenten-Apparats zum Zwecke der Ausspähung, der Zersetzung und der Beeinflussung des Deutschen Reiches. Dieser Apparat bekam alsbald ein solides Standbein: Die sowjetische, einst: russische, Botschaft unter den Linden. Die Geheimdienstler, die man dort unter diplomatischer Legende akkreditierte, bildeten – so die sowjetische Diktion – eine Legalresidentur. Davon soll nun die Rede sein. Der Dreh- und Angelpunkt dieser geheimdienstlichen Unterwanderung würde der Resident sein. Es wurde ein Mann namens Wladimir Bustrem.

Vier

Revoluzzer im bürgerlichen Habit

Bustrem hieß wirklich so: Wladimir Wladimirowitsch Bustrem. Ich betone dies, weil er jahrelang anders hieß, nämlich Alexander Wassiljewitsch Loginow. Den Namen Loginow hatte er sich 1906 selbst gegeben, als er Mitglied der Militärorganisation der russischen Sozialisten wurde, jenes verschwindend kleinen Häufleins von Desperados, die sich den politischen Mord auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Wenn in jenen Kreisen von einem Andrej die Rede war, dann war es dieser Mann hier. Ich vermute, dass Bustrems spätere Angaben wenigstens insofern falsch sind, als die Militärorganisation nicht wie behauptet zur SDAPR, also zu den russischen Sozialdemokraten, sondern zum militanten Teil der Partei der Sozialrevolutionäre gehörte. Für uns heute ist das nahezu ohne Belang. Für die Betroffenen war das damals anders, denn Stalin ließ jene Konkurrenz-Sozialisten samt und sonders Ende der 1930er Jahre bei der Großen Säuberung über die Klinge springen – und nicht nur die.

Unserm Helden Bustrem war seine spätere Gewalttäter-Laufbahn nicht an der Wiege gesungen worden, denn er kam als Sohn eines deutschstämmigen Försters (vermutlich ursprünglich: Buström) 1883 in einem Ort namens Kem im Weißmeer-Gebiet von Archangelsk, genauer gesagt: von der gleichnamigen Hafenstadt rund 700 km nordwestlich gelegen, zur Welt. Nach dem frühen Tod des Vaters geriet er auf Abwege. Dass er trotzdem wenigstens zunächst eine ordentliche Schulausbildung erhielt, die ihn den spielerischen Umgang mit mehreren Sprachen lehrte, wirkt im Nachhinein wie ein Wunder.

       Bis er 1908 in Gefängnishaft und Verbannung geriet, hatte er einen weiten Weg durch das nördliche russische Reichsgebiet, Petersburg, das Baltikum und Finnland hinter sich gebracht. Was er in der wilden Zeit im Einzelnen tat, vermag ich nicht zu sagen. Erst nach der Februar-Revolution 1917 kam er wieder auf freien Fuß. Da befand er sich erneut in Archangelsk.

       In Haft und Verbannung hatte Bustrem eine für ihn wichtig werdende Verbindung geknüpft, die zu Mejer Trilisser, einem anderen Berufsrevolutionär, der allerdings zu den Bolschewiki gehörte. Dieser holte Bustrem in den soeben unter seiner Leitung ins Leben gerufenen Auslandsdienst (INO) der Tscheka. Als das 1922 passierte, war die berüchtigte Geheimpolizei Tscheka gerade dabei, ihren Namen in GPU, später OGPU zu wechseln. Sonst änderte sich nur wenig. Jetzt brauchte Bustrem nur noch einen Diplomatenpass und eine Fahrkarte nach Berlin, um in der neu eröffneten Botschaft seinen Geschäften nachzugehen.

Fünf

Wie installiert man einen Spionage-Stützpunkt?

Die Lenin‘sche Frage Was-tun-? wird sich Bustrem alsbald gestellt haben, denn über den Zweck seines Aufenthalts kann er keinen Zweifel gehabt haben: die Reichsinstanzen ausspähen, diese nach Möglichkeit beeinflussen, um sie zu destabilisieren, und die russische Emigration, bevorzugt die in Berlin, bekämpfen. Hierzu benötigt man Personen, die – wie man beim Dienst so sagt – über die notwendigen Zugänge verfügen.

       Recht bald muss Bustrem eine in seinem Sinne geniale Idee gefasst haben. Er nahm vor Ort einen Zuträger in Dienst. Es handelte sich hierbei um einen Mann namens Schmidt (Er hieß wirklich so). Dieser betrieb in Berlin seit etwa derselben Zeit eine Detektei. Warum er dies unter dem Namen Pan Kowaltschik tat, das mögen die Götter wissen. Vielleicht hatte er Anlass, die Spuren seiner Vergangenheit zu verwischen. Denn die sah so aus: Schmidt kam als Sohn deutscher Siedler in der Ukraine 1878 zur Welt, erhielt eine landwirtschaftliche Ausbildung in Kiew, Danzig und Brüssel, was ihn offenbar zum Betrieb einer Mühle und einer Molkerei befähigte, bevor dann 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, sodass er als deutschstämmiger, also feindlicher Untertan nach Odessa deportiert und dort interniert wurde.

       Nach der Februar-Revolution 1917 kam er vermutlich auf freien Fuß. Was er dann und vor allem nach dem Ausbruch des Bürgerkrieges wo und auf wessen Seite tat, ist unklar. Er tauchte dann 1920 oder 1921 in Warschau auf, wo er vermutlich den polnischen Namen Kowaltschik annahm und beantragte unter Hinweis auf seine Vielsprachigkeit in russisch, polnisch, ukrainisch und deutsch, eine Detektei zu gründen, was die polnischen Behörden ihm verboten. So zog er nach Berlin weiter.

       Schmidt-Kowaltschik war nicht der einzige Nachrichtenhändler, der in Berlin sein Unwesen trieb, indem er Behörden, insbesondere der Polizei, und ausländischen Vertretungen seine Dienste nebst fragwürdigen Informationen anbot. Seine Zugänge in die Polizei müssen recht gut gewesen sein. Hier sattelte Bustrem auf. Dass Kowaltschik seinen Spionagegeschäften, nunmehr im Auftrag der Sowjets, nachging, fiel nicht weiter auf, denn diese Ausspähung-Profession übte er ja ohnedies aus.  So wurde es seine gutbezahlte Aufgabe, künftige Spione zu tippen und auf ihre Brauchbarkeit abzuklären. Wichtiger Job und guter Verdienst. Beide Seiten waren es zufrieden. Es dürfte in den kommenden Jahren bis Ende der 1930er Jahre kaum einen Sowjetagenten der Berliner Residentur gegeben haben, der nicht durch Kowaltschiks Hände  gegangen war. Das war ein munteres Häuflein von Polizisten, Diplomaten, Diplomatenfrauen und jene Riege von Landesverrätern, die von der Gestapo Jahre später unter dem Sammelnamen der Roten Kapelle zusammengefasst wurde.

       Eine solche Spinne im Netz birgt auch stets ein Risiko, denn sie weiß viel, zuweilen zu viel. Als Schmidt-Kowaltschik im Januar 1935, also bereits nach über einem Dutzend Jahren der einschlägigen Tätigkeit, von der Gestapo hochgenommen wurde, konnte er sich damit rausreden, dass er im konkreten Fall seinen Auftraggeber, einen Menschen namens Schröder, nicht persönlich kenne. Man nahm ihm das ab und ließ ihn nach einem Monat wieder laufen. In der Berliner Residentur hatte man die Luft angehalten, doch die Sache ging gut, denn Kowaltschik hielt tatsächlich dicht. Was wäre der für eine unbezahlbare Quelle gewesen.

       Nach dem Beginn der deutsch-sowjetischen Krieges im Juni 1941 riss die Verbindung ab. Sie soll im Juni 1945 wieder aufgenommen worden sein. Weiteres ist nicht bekannt.

       Doch zurück zu Bustrem, dem Residenten. Der wurde 1925 in die Zentrale nach Moskau zurückgerufen und durch andere ersetzt, die das eingeübte Spiel mit Fleiß weiterspielten. Ihre Lebensläufe würden jeden gut erfundenen Spionageroman sprengen. Ich habe nicht vor, sie hier im einzelnen auszuwalzen. Einer nach dem anderen musste dann wieder nach Moskau zurück, um dort auf Weisung von Stalin erschossen zu werden, der auf diese Weise seine Spionagemacke auslebte. Nur Bustrem kam mit dem Leben davon. Vielleicht lag es daran, dass er 1930 aus gesundheitlichen Gründen aus dem Geheimdienst ausschied und in Deckung gegangen war – in irgend einem Forschungsinstitut des Nordens, was zur Komintern gehörte. 1943 soll er eines natürlichen Todes gestorben sein.

* * *

Dies alles geschah, um dem Deutschen Reich zu schaden und seine soeben ausgerufene Demokratie zu stürzen. Ich befinde mich deswegen um Meilen von jeglichem nostalgischen Spionage-Kitsch entfernt. Die Personen, die hier geschildert wurden, haben eine lange blutige Spur durch Deutschland gezogen. Ihr Antrieb war ideologische Verblendung. Aber einen sozialistischen Umsturz erzeugten sie mit all den Dutzenden von Landesverrätern, die sich den Sowjets angedient hatten, nicht – ganz im Gegenteil.      

Es gelang der kommunistische Umsturz auch nicht, als im selben Jahr 1923 das Deutsche Reich mit dem sowjet-gesteuerten Unternehmen Deutscher Oktober angegriffen wurde. Davon wird dann im November zu lesen sein.

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